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In der Ruhe liegt die Kraft Die Sportler des TuS Lotte haben den Bogen raus

Von Ulrike Havermeyer, Ulrike Havermeyer | 07.06.2016, 13:06 Uhr

Ob die Steinzeitjäger wohl auch Muskelkater bekommen haben, als sie sich – vermutlich als Erste in der Geschichte der Menschheit – im sicheren Zielen mit Pfeil und Bogen übten? Ich zumindest habe welchen: Seit meinem Besuch bei den Bogensportlern des TuS

Als ahnten sie nichts vom drohenden Beschuss, stehen die dreibeinigen Zielscheibenständer mit ihren farbig geringelten Auflagen geradezu einladend im milden Sonnenschein. Ein paar von ihnen haben sich bis auf zehn, fünfzehn Meter an die Schießlinie herangewagt, das Gros befindet sich in einer Entfernung von 30, 40 oder gar 50 Metern. Zum Training der Bogensportler des TuS Lotte sind an diesem Nachmittag, außer den Vereinsmitgliedern, auch eine komplette Nachbarschaft aus dem Osnabrücker Stadtteil Atter und eine neugierige Journalistin gekommen: Wir wollen in eine Sportart hinein schnuppern , deren Ursprünge man mit Fug und Recht als archaisch bezeichnen darf: Denn egal, ob hungriger Steinzeitjäger oder mittelalterlicher Langbogenschütze – wer früher die Bogensehne spannte, hatte meistens Blutiges im Sinn. Zum Überleben. Zum Verteidigen. Oder zum Erobern.

Eine Waffe zum Waidwerken?

Und auch, wenn der Deutsche Bogenjagdverband sich aktuell zum Ziel gesetzt hat, dass – wie derzeit bereits in 17 anderen europäischen Ländern – auch in Deutschland bald wieder Grünröcke mit Pfeil und Bogen durchs Unterholz pirschen dürfen: zum Waidwerken – ist die sportliche Variante der Bogenkunst doch durch und durch friedlicher Natur . Wer sich beim TuS Lotte den Zielscheiben nähert, tut dies in der Regel, um zu entspannen und den Kopf frei zu bekommen.

„Sicherheit ist das A und O“

„Der Bogen ist laut Gesetz keine Waffe“, erklärt Manfred Kinne, Leiter der Abteilung Bogensport des TuS Lotte, seinen Gästen, blickt ernst in die Runde und mahnt: „Aber behandeln sie ihn stets wie eine solche.“ Sicherheit, betont der Übungsleiter, sei das A und O des Bogensports. „Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit; Disziplin, Disziplin, Disziplin; Konzentration, Konzentration, Konzentration“, zählt Kinne auf. Und ich ahne: Die Wiederholung spielt beim Bogenschießen offenbar eine entscheidende Rolle. „Bei einem erfahrenen Bogensportler läuft der Bewegungsablauf immer genau identisch ab“, bekräftigt Kinnes Vereinskollege Erwin Bauch. „Beim Training ist es zunächst egal, ob ich den gelben Innenkreis treffe – wichtig ist, dass alle drei Pfeile, die ich abschieße, irgendwann ganz dicht beieinander liegen.“ Der Weg dorthin: Geduld, Geduld, Geduld.

Den Ankerpunkt finden

Den Pfeil einlegen: gewissenhaft. Das Ziel fokussieren: punktgenau. Die Sehne spannen: mit gleichmäßiger Kraft. Den persönlichen Ankerpunkt finden: präzise. Dann: Konzentration, Ruhe, Spannung! – und den Pfeil lösen. Zack! Janina Urban, seit anderthalb Jahren dabei , senkt ihren Bogen und lächelt. Drei Pfeile abgeschossen, dreimal ins Gelbe getroffen. „Bogenschießen ist wie Yoga“, sagt sie. „Man ist ganz bei sich, denkt an nichts anderes und wird vollkommen ruhig.“ Doch bevor die 40-Jährige Gefahr läuft, ihre Leidenschaft gänzlich zu verklären, hält sie mir ihren linken Unterarm entgegen: Trotz des obligatorischen Armschutzes ist ihr Handgelenk aufgeschürft. „Das kommt davon, wenn die Sehne des Bogens beim Lösen gegen die Haut schlägt“, seufzt sie. „Dreh den Ellenbogen etwas mehr nach außen“, empfiehlt Erwin Bauch. Der erfolgreiche Wettkampfschütze ist beim Training ein gefragter Ratgeber.

Leichter gesagt als getan

Mein persönlicher Lehrer heißt Maximilian, ist 15 Jahre alt und – wie Manfred Kinne nicht ohne Stolz bemerkt, einer der talentiertesten Jugendlichen des Vereins. Maximilian drückt mir sein Sportgerät in die Hand und hilft mir dabei, den Pfeil korrekt in die Nocke und auf die Auflage zu friemeln. „Jetzt den linken und den rechten Arm auf eine Höhe bringen“, weist er mich an. Mit dem rechten Zeigefinger über den Pfeil greifen, mit Mittel- und Ringfinger darunter, die Spitze des kleinen Fingers und des Daumens berühren sich. Das Ziel fest in den Blick nehmen. „Und nun die Sehne spannen.“ Leichter gesagt, als getan: Die Kraft, die ich aufwenden muss, bis meine rechte Hand schließlich den Ankerpunkt an meinem Kinn erreicht hat und die Sehne des Bogens meine Nasenspitze berührt, bringt die Muskeln in meinem Arm zum Zittern. „Und jetzt ganz ruhig halten, den Zielpunkt finden – und lösen.“ Ich kneife die Augen zusammen, meine Hand wackelt und – flopp: Der Pfeil streift gut hörbar den Zielscheibenständer, bevor er im Gras landet.

Üben, Üben, Üben ...

„Ein halbes Jahr regelmäßiges Training sollte man sich schon zugestehen, bevor man für sich entscheidet, ob das die richtige Sportart ist“, ermuntert mich Erwin Bauch. Die Devise des Bogenschießens, die wohl schon unseren Steinzeitvorfahren vertraut gewesen sein dürfte, lautet mithin: Üben, Üben, Üben – und: Muskelkater aushalten, Muskelkater aushalten, Muskelkater aushalten.