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Hilfe zur ersten Verständigung Deutschkurs für Asylbewerber in der Lotter Arche

Von Angelika Hitzke, Angelika Hitzke | 28.06.2016, 12:05 Uhr

Sechs ehrenamtliche Helfer geben seit einem halben Jahr fünf Tage in der Woche Asylbewerbern aus Lotte und Westerkappeln im evangelischen Gemeindezentrum Arche in Alt-Lotte Deutschunterricht. Ihre insgesamt rund 30 Schüler sind zwischen 18 und 61 Jahre alt und kommen aus so unterschiedlichen Ländern wie Syrien, Eritrea, Iran und Somalia.

„Wo ist der Junge? Er ist hinter dem Haus“, liest Abdirahman Abdi von dem Kärtchen ab, das Beate Diesel ihm gegeben hat. Die Aussprache des jungen Somaliers ist schon recht flüssig, und die Kursleiterin, im normalen Leben Leiterin der Gemeindebüchereien in Lotte und Wersen, lobt ihn dafür. Werede Ghebrhiwet, sein Tischnachbar aus Eritrea, tut sich dagegen beim Vorlesen der auf seiner Karte vorgegebenen Antwort richtig schwer: „Der Junge ist zwischen zwei Häusern“ ist aber auch ein echter Zungenbrecher – selbst für manchen deutschen Muttersprachler.

Und erst die Tücken der Grammatik: „Ich telefoniere, du telefonierst, er/sie/es telefoniert, wir telefonieren, ihr telefoniert, sie telefonieren“ oder „dies ist meine Tasche, das ist deine Tasche“ – das finden auch der Syrer Mohammed Faris und der Iraner Abbas Samimi schwierig. Letzterer fährt übrigens wie die meisten seiner Mitschüler jeden Tag mit dem Fahrrad nach Alt-Lotte, um an dem anderthalbstündigen Kurs teilzunehmen. Er wohnt in Westerkappeln.

Der lockere Unterricht ist natürlich weder Ersatz, noch Konkurrenz für die offiziellen Deutsch- und Integrationskurse, auf die Flüchtlinge erst nach der Anerkennung ihres Asylantrags ein Anrecht haben. Viele der Lotter und Westerkappelner Flüchtlinge, die hier in der Arche erst einmal einen Grundwortschatz für den Alltag lernen, haben noch nicht einmal ihren Asylantrag stellen können. Der von ehrenamtlichen Helfern angebotene Deutschkurs ist nur ein erster Schritt, sich im fremden Land zurechtzufinden.

„Wir geben ihnen die Möglichkeit, sich zu treffen und ein paar Vokabeln, Uhrzeit, Wochentage und so etwas zu lernen“, berichtet Beate Diesel, die an diesem Mittwochmorgen nur vier Schüler hat. Nebenan unterrichtet Pascal Averwerser drei weitere Flüchtlinge. Eine dritte Gruppe ist mit Iris Pfordt im Bus unterwegs. „Im Moment sind wegen des Ramadan nicht so viele Schüler wie sonst da“, hatte Pfordt schon am Telefon erklärt.

Die Ehrenamtlichen – „alles verhinderte Lehrer“, so Iris Pfordt – nutzen für ihren Sprachunterricht das Workbook „Deutschkurs für Asylbewerber“ und Arbeitsblätter aus dem Internet nach dem Thannhauser Modell. „Wichtig ist, dass gesprochen wird“, betont Beate Diesel. Ihre Schützlinge, die an diesem Morgen dabei sind, verstehen schon fast alles, wenn man langsam spricht, haben aber noch Hemmungen, selber zu zu sprechen. „Deutsch lernen ist schwer für uns, aber wir versuchen jeden Tag“, betont Abdirahman Abdi.

Von montags bis freitags jeweils anderthalb Stunden einfache Wörter, Sätze und Redewendungen zu üben „hilft sehr gut“, sagt Mohammed Faris. Ihm falle das Lernen aber schwerer als seinen Kindern, die zur Schule gehen und schon sehr gut Deutsch sprechen könnten.

Einer seiner Mitschüler hat seine Redehemmungen schon überwunden und teilt von sich aus mit, dass heute erst einmal der letzte Kurstag vor den Ferien ist: „Zwei Monate ist kein Unterricht“, sagt er und es klingt bedauernd. Erst am 22. August geht es weiter.

Die „Lehrer“, als ehrenamtlicher Helfer allesamt keine ausgebildeten Pädagogen, betonen, dass der Kontakt das Wichtigste sei :„Das sind alles Leute, die sonst gar nichts machen würden“, so Beate Diesel.

Die insgesamt sechs Ehrenamtlichen, die in der Arche mit Flüchtlingen die deutsche Sprache üben, kommen nicht nur aus der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Lotte. Die freiwilligen Deutschlehrer – neben Presbyterin Iris Pfordt und ihrer Schwester Astrid Weymann sowie Beate Diesel und Pascal Averwerser gehören auch Katharina Flender und Anja Engel dazu – stehen in engem Kontakt mit der Flüchtlingshilfe Lotte, der Kommune, den Sportvereinen und der Bürgerstiftung. Und sie sind nicht die Einzigen: In der Grundschule Alt-Lotte gibt es einen Deutschkurs für Flüchtlinge. In Wersen sorgen die Ehrenamtliche um Friedel Glüder für niedrigschwelligen Deutschunterricht, den auch viel der in Halen oder Büren untergebrachten Flüchtlinge besuchen. Einige der Bürener Asylbewerber erwerben erste Deutschkenntnisse auch im angrenzenden Osnabrück bei Ursula Schmidt-Neubauer und ihren Kollegen, manche besuchen sowohl in der Stadt als auch in Wersen den Deutschunterricht, berichtet Lottes hauptamtlicher Flüchtlingsbetreuer Frank Negraßus auf Anfrage. Darüber hinaus gebe es auch noch Einzelpersonen, die in der Flüchtlingsunterkunft an der Lotter Bahnhofstraße individuell unterrichten.

Einige wenige, deren Asylantrag bereits anerkannt wurde, besuchen auch schon die offiziellen, vom BAMF (Bundesamt für Migration) geförderten Sprachkurse an der VHS in Westerkappeln, in Tecklenburg oder in Ibbenbüren, so Negraßus. Insgesamt aber gehe es sowohl mit den Asylverfahren, als auch mit der Integration nur schleppend voran: „Wir haben Leute hier, die sind schon seit neun oder zehn Monaten in Lotte und konnten immer noch nicht ihren Antrag stellen“, klagt er, „das ist nach wie vor eine Katastrophe.“