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Gespräch mit Christian Thies „Ehrenamt nicht hoch genug einzuschätzen“

Von Angelika Hitzke | 04.08.2014, 20:00 Uhr

Auch Christian Thies aus Halen, bisher nur als sachkundiger Bürger im Ausschuss, ist neu als Mitglied des Lotter Gemeinderates. Er trat in der Awo-Tagesstätte Halen, bisher SPD-Hochburg, für die CDU an – und warf dort den stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden Hermann Brandebusemeyer aus dem Sattel.

Herr Thies, Sie haben einen Bauernhof hier in Halen, arbeiten aber als Rechtsanwalt in Münster . Betreiben Sie nebenher noch Landwirtschaft, und fühlen Sie sich eher als jemand vom Lande oder als Städter?

Die Landwirtschaft haben wir vor drei Jahren aufgegeben, als mein Vater ins Rentenalter kam. Wir drei Kinder haben alle etwas anderes studiert und waren uns einig, dass wir das auslaufen lassen wegen des Strukturwandels. Ende des 20. Jahrhunderts gab es hier in Halen noch zehn Vollerwerbsbetriebe, jetzt nur noch zwei. Aber ich fühle mich hier schon verwurzelt; deswegen bin ich auch hier geblieben. Mein Herz schlägt eher für den ländlichen Raum.

Seit wann sind Sie in der CDU, und was hat Sie bewogen, politisch aktiv zu werden?

Noch nicht so lange, seit Herbst 2011. Seit Herbst 2012 war ich sachkundiger Bürger im Betriebsausschuss, ein Jahr später im Straßen- und Umweltausschuss. Ja, wie bin ich in die CDU gekommen? Eigentlich über Werner Schwentker. Mit dem zusammen habe ich mich starkgemacht für eine bessere Internetversorgung; wir haben den Verein Breitbandnetz gegründet und haben dann mit einer relativ einfachen Lösung [Antennen-Sichtverbindung, Red.] zunächst die schnelle Internetverbindung von Hollage nach Halen geholt. Dann hat die Gemeinde das schnell unterstützt und die Verbindung zu Unitymedia hergestellt. Werner Schwentker und ich haben überlegt, wenn wir das schon in Halen haben, können wir die Bauerschaft in Büren und den Gänsehügel in Wersen mit versorgen. Parallel bin ich immer mit der Druckentwässerung befasst gewesen, weil wir das hier selbst haben und ich in der Materie drin bin. Darüber ist es dann gekommen, dass er mich angesprochen hat, „Mensch, so einen wie dich brauchen wir in unserer Fraktion“, und mich gefragt hat, ob ich mich da einbringen würde. Mit dem Wissen könne ich gut in den Betriebsausschuss gehen. Das war mein erster Schritt in die Politik.

Sie haben als Neuling und als CDU-Kandidat den SPD-Fraktionschef Hermann Brandebusemeyer überflügelt. Haben Sie damit gerechnet, und wie erklären Sie sich das?

Nein, da habe ich nicht mit gerechnet, dass ich zwölf Stimmen mehr bekomme als Hermann Brandebusemeyer. Da war ich sehr überrascht. Ich hatte auf ein anständiges Ergebnis gehofft, aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich gewinne. Ich denke, man hat aber schon gesehen und honoriert, dass ich in Halen sehr engagiert bin für die Breitbandversorgung, für den Radwegebau und an der Mühle Bohle. Man hat glaube ich gemerkt, das ist einer, der sich tatsächlich hier vor Ort einsetzt. Ich habe mir wohl ein Stück weit einen Vertrauensvorschuss erarbeitet mit dem, was ich außerhalb der Politik in der Vergangenheit getan habe.

Welche konkreten Vorhaben möchten Sie jetzt vordringlich vorantreiben?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin ja jetzt im Bau- und Planungsausschuss und im Schulausschuss. Da sind sehr viele Themen, die fortentwickelt werden müssen. Im Bauausschuss ist das vorrangig das Thema Gewerbeansiedlung auf zwei Ebenen: durch Flächenneuausweisung, aber auch durch Umnutzung von Flächen. Dann zum Beispiel der Strukturwandel älterer Wohnlagen: In Halen und Büren ist vermehrt zu beobachten, dass die Älteren ihre Hauser aufgeben. Da ist die Frage, wie können die Häuser nachgenutzt werden? Das andere, worauf wir das Augenmerk richten müssen, ist, wie können wir es älteren Menschen ermöglichen, solange es geht in ihren Häusern zu bleiben? Das funktioniert nur über Nachbarschaftshilfe. Und egal, in welchem Bereich, das Ehrenamt ist gar nicht hoch genug einzuschätzen! Das ist mir ein Anliegen, dafür entsprechend zu werben. Es ist immens wichtig, dass sich Leute finden, die sich engagieren. Was wir nicht vergessen dürfen, ist die schnelle Internetversorgung. Da geht es im nächsten Schritt um die Erschließung der ganzen Gemeinde, nach Möglichkeit auch der Außenbereiche, durch das Glasfasernetz.

Das dürfte aber ziemlich kostspielig werden.

Die Gemeinde hat ja jetzt überall, wo Straßen ausgebaut werden, Leerrohre mitverlegt, weil der Tiefbau das Teuerste daran ist. Da hat die Gemeinde ihre Hausaufgaben schon gemacht für die Zukunft der digitalen Infrastruktur in Lotte.

Wie sehen Ihre mittel- und langfristigen Ziele aus?

Die neu gegründete Gesamtschule gilt es von Gemeinde und Schulzweckverband weiter zu begleiten und zu fördern, sodass sie sich langfristig als gutes Schulangebot etabliert. Dann gilt es, die Weichen zu stellen für die in fünf bis sechs Jahren einlaufende Oberstufe. Stichwort Sportvereine: Das ist grundsätzlich gut, was die Gemeinde an Unterstützung leistet; da ist sicherzustellen, dass das so bleibt. Dann müssen wir natürlich auch das Kindergarten- und Grundschulangebot erhalten oder sogar ausbauen. Bei der Radwegeverbindung von Halen nach Hollage müssen wie sowohl in Niedersachsen als auch in NRW bei den entsprechenden Stellen immer wieder nachfassen. Da müssen wir dranbleiben. Ansonsten kann ich kein Leuchtturmprojekt nennen. Viel wichtiger ist, dass wir hier die Dinge sachorientiert im Einklang entwickeln.

Was läuft Ihrer Meinung nach derzeit falsch in Lotte?

Ich sehe nicht, dass hier Sachen grundsätzlich falsch laufen, aber es gibt sicherlich das eine oder andere Detail, das verbesserungswürdig ist. Was mir so auffällt aus dem Auto, ist die Pflege der öffentlichen Anlagen. Das könnte schöner und einladender aussehen. Aber ich denke, da sind wir auch auf gutem Wege, das zu optimieren. Ansonsten sehe ich uns grundsätzlich gut aufgestellt, wenn wir auf dem Weg der letzten fünf Jahre bleiben. Aus Vereinssicht muss ich sagen, egal, welche Anliegen wir haben, die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung läuft. Das muss man auch mal positiv anmerken und für die Unterstützung danken, die uns im Ehrenamt wiederfährt. Das Initiativrecht liegt auch beim Rat, nicht nur bei der Verwaltung. Es schadet aber nicht, wenn auch Impulse aus der Verwaltung kommen oder vom Bürger gesetzt werden: Jeder Impuls, der gut ist für die Gemeinde, ist willkommen.