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Er kennt Kulturen und Sprachen Adel Ahmad ist neuer Flüchtlingsbetreuer in Lotte

Von Ursula Holtgrewe | 14.12.2015, 14:38 Uhr

In der ersten Dezemberwoche nahm Adel Ahmad seine Arbeit als hauptamtlicher Flüchtlingsbetreuer in der Gemeinde Lotte auf. Er unterstützt Frank Negraßus, der seit April Flüchtlinge betreut. Ahmad ist gebürtiger Libanese mit palästinensischen Wurzeln und prädestiniert für seine Aufgaben: Er spricht Arabisch und kennt sowohl die deutsche als auch die arabische Kultur. Als Flüchtling kam er 1976 nach Deutschland und kennt die Schwierigkeiten, sich in einer fremden Kultur zurechtfinden zu müssen. Wir stellen den dreifachen Familienvater, der am 24. Dezember seinen 60. Geburtstag feiert, vor.

 Hallo, Herr Ahmad, Sie sind an einem für Christen sehr bedeutenden Tag geboren. Hat das ihr Leben beeinflusst? 

Nicht direkt. Aber auch im Libanon ist die Weihnachtzeit eine besondere Zeit, ein Familienfest. Die Straßen sind festlich geschmückt und es herrscht eine feierliche Stimmung. Deshalb habe ich diese Zeit immer in guter Erinnerung.

 Warum kamen Sie nach Deutschland? 

Meine Eltern lebten mit mir und meinen neun Geschwistern in einem Flüchtlingslager im Libanon. Dorthin waren sie aus Nordpalästina geflohen, um befürchteten weiteren Massakern an der Zivilbevölkerung zu entgehen. Als ich 20 Jahre alt war und kurz vor meinem Schulabschluss stand, begann der Bürgerkrieg. Aufgrund der gefährlichen Situation, bestand mein Vater darauf, dass ich das Land verlasse und nach Deutschland zu meinem älteren Bruder gehe. Über die damalige DDR bin ich mit einem Transitvisum nach Ostberlin eingereist. Die einzige Möglichkeit, ohne weitere Passkontrollen in den Westen zu gelangen, war zu der Zeit mit der S-Bahn die Station Friedrichstraße zu erreichen. In Berlin stellte ich meinen ersten Asylantrag und wurde von dort nach Hamburg verwiesen.

 War das eine große Umstellung? 

Einen „Kulturschock“ habe ich nicht erlebt. Beirut wurde in den 70er Jahren das „Paris des Nahen Ostens“ genannt und war als Handels- und Bankenmetropole, sowie als Tourismus- und Universitätsstadt sehr westlich geprägt. Da ich mit einem englischen Schulsystem aufgewachsen bin, haben mir meine guten Englischkenntnisse sicherlich auch bei der Verständigung in der neuen Umgebung geholfen. Die deutsche Sprache habe ich durch den Kontakt mit Menschen, das Fernsehen und das Zeitunglesen erlernt.

 Wann wurde ihrem Asylantrag stattgegeben? 

Ich bin zu einer Zeit nach Deutschland gekommen, in der die RAF Terror verbreitete, die Lufthansamaschine „Landshut“ von Palästinensern nach Mogadischu entführt wurde und eine pauschale Vorverurteilung gegenüber der palästinensischen Bevölkerung herrschte. Ich denke, dass das die Ablehnung meiner Asylanträge begründete, obwohl der Bürgerkrieg in Libanon noch in vollem Gange war. Bevor es zu einer Zwangsausweisung kommen konnte, verließ ich Deutschland wieder und bin nach Beirut zurückgekehrt.

 Und wie haben Ihre Eltern reagiert? 

Sie waren einerseits erfreut über meine Rückkehr, haben aber andererseits Angst um mein Leben gehabt. Deshalb haben sie mir nahegelegt, wieder zurückzugehen, um mir in Deutschland eine Zukunft aufzubauen.

 Sind Sie wieder nach Hamburg gekommen? 

Nein. Dieses Mal kam ich in ein Auffanglager nach Hannover. Von dort wurde ich nach Bersenbrück verwiesen. Zur damaligen Zeit waren Ausländer im Stadtbild eher ungewöhnlich. Mein Freund und ich wurden schon mal gefragt: „Na, macht ihr hier Urlaub?“ (lächelt). Nach mehreren Jobs schloss ich eine Maurerlehre ab.

Aus erster Ehe habe ich eine Tochter, die mittlerweile als Grundschullehrerin tätig ist. 1989 heiratete ich erneut. 2003 erhielt ich die Deutsche Staatsbürgerschaft. Heute lebe ich mit meiner Frau in Hasbergen. Unsere beiden erwachsenen Kinder studieren in Osnabrück beziehungsweise in Amsterdam.

 Haben Sie sich vor 40 Jahren willkommen gefühlt in Deutschland? 

Von den meisten Menschen schon. Mittlerweile fühle ich mich in meinem Umfeld sehr gut integriert.

 Warum haben Sie sich auf die Stelle zur Flüchtlingsbetreuung in der Gemeinde Lotte beworben? 

Motiviert hat mich meine persönliche Geschichte. Ich möchte die Erfahrungen, die ich in Deutschland gemacht habe, weitergeben und damit Menschen bei der Integration unterstützen.

 Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit wichtig? Können Sie schon ein kleines Fazit ziehen über die Tätigkeit hier in Lotte? 

Mir macht die Arbeit mit den Menschen viel Freude. Ich möchte den Neubürgern vermitteln, dass es gelingen kann, hier Fuß zu fassen. Bei der Arbeit kommt mir zugute, dass ich Arabisch spreche. Wenn ich mit Rat habe helfen können und in die leuchtenden Augen schaue, erfüllt mich das. Ich möchte weitergeben, dass Integration gelingen kann. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist das Erlernen der deutschen Sprache, um möglichst schnell Arbeit zu finden, über eigenes Einkommen zu verfügen und in eine eigene Wohnung zu ziehen. Das schafft gesellschaftliche Akzeptanz.

 Gibt es noch mehr, was Sie den neuen Mitbürgern weitergeben möchten? 

(Schmunzelt) Es ist das, was man mit „Deutsche Tugenden“ beschreibt, die in meinen Augen das Zusammenleben vereinfachen: Zuverlässigkeit, Arbeitsamkeit und Pünktlichkeit. Wichtig ist es für die neuen Mitbürger auf die Deutschen in ihrem Umfeld zuzugehen, den Kontakt zu suchen, um gegenseitige Akzeptanz und Verständnis füreinander zu fördern. Hilfreich sind dabei deutsche Bürger, die offen, interessiert und neugierig auf andere Kulturen und Menschen sind.

 Die Asylbewerber haben meisten Schreckliches erlebt und durchlitten. Setzt Ihnen das nicht zu? 

Nun, die Schicksale berühren mich schon, vor allem weil die Kriegserlebnisse teilweise furchtbar waren. Durch meine eigenen Erlebnisse in der Kindheit und Jugend kann ich die Gefühle sehr gut nachempfinden. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit den Grausamkeiten, die ein Krieg mit sich bringt und die ich auch selbst erlebt habe, umzugehen. Auch das hilft mir im Umgang mit den geflüchteten Menschen.