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Baum des Monats: Den Sambucus gibt es in Rot und Schwarz, in Klein und Groß Aberglaube blüht in Wersen um heilenden Holunder

Von Erna Berg | 22.09.2011, 15:24 Uhr

Wer keine Holundersträucher- oder Bäume im Garten hat wie Axel Averwerser aus Wersen, sollte es nicht versäumen, im Spätsommer die schwarz glänzenden, kalium- und vitaminreichen Holunder- oder Fliederbeeren an Weg- und Waldrändern zu pflücken. In diesem Jahr ist die Ernte leider nicht so üppig. Zur Blütezeit wurden die duftenden Dolden häufig von Ungeziefer heimgesucht, jetzt picken die Vögel sich gerne die saftigen Steinfrüchte raus.

Die Pflanzengattung „Holunder“ mit 30 bis 40 Arten weltweit gehört zur Familie der Moschuskrautgewächse. Die drei bekanntesten in Mitteleuropa angesiedelten Arten sind der „Schwarze Holunder“ (Sambucus nigra), der strauchförmige „Rote“ oder „Traubenholunder“ (Sambucus racemosa) und der staudenförmige „Zwerg-Holunder“ (Sambucus ebulus).

Der „Schwarze Holunder“ kann drei bis zehn Meter hoch wachsen und in den ersten Lebensjahren 60 Zentimeter Höhe pro Jahr zulegen. Er ist ein Flachwurzler mit breit treibenden Wurzeln und häufig überhängenden Zweigen. Das Blattgrün bildet sich von März bis April.

Die rahmweißen von Mai bis Juli am neuen Holz erscheinenden Schirmrispen, aus vielen Einzelblüten zusammengesetzt, verströmen einen zarten Frühlingsduft und lassen sich geschmackvoll in Holunderpfannkuchen oder zu Limonade, Gelee, Fliederblütensuppe oder Grog verarbeiten. Die Beeren lassen sich auch problemlos für einen späteren Gebrauch einfrieren.

Da die Steinfrüchte hauptsächlich durch Vögel verbreitet werden, ärgert sich so mancher Gartenbesitzer über den burgunderfarbenen Farbstoff auf Terrasse und Gartenpolstern.

Der Sambucus racemosa ist in Nordrhein-Westfalen an Wegen, Straßen- und Waldrändern, auf Schutthalden, in Hecken und Gebüschen auf meist kalkarmen Lehmböden zu finden. Seine Rispen blühen gelbgrün.

Im Althochdeutschen wurde der Strauch auch „Holuntar“ genannt, „hol“ könnte für die hohlen, mit Mark gefüllten Zweige und „tar“ für Baum stehen, ist unter „botanicus.de“ nachzulesen. Der Gattungsname „Sambucus“ könnte von „sambyx“, der Farbe Rot, oder von „Sambuca“ stammen, einem Musikinstrument aus Holunderholz. Der Artname „nigra“ bedeutet schwarz, racemosa ist ein Hinweis auf den Fruchtstand und heißt übersetzt „traubig“.

Die nordische Mythologie brachte den Holunder mit der Unterweltgöttin und Märchenfigur „Frau Holle“ in Verbindung. Aufgrund seiner großen Heilwirkung war der Holunder den Germanen heilig. Im Volksglauben wurden dem Strauch sowohl Unheil als auch Glück zugedichtet. Verdorrte ein Holunderbaum, kündigte dies angeblich den Tod eines Familienmitgliedes an. Man glaubte, dass der Baum vor Feuer und Blitzschlag sowie gegen Schlangenbisse und Mückenstiche schützte. Gut, dass diese Zeiten vorbei sind.

Alle Teile der Holunderarten sind im Rohzustand giftig. Erstaunlicherweise kann der Verzehr größerer Mengen unreifer Beeren oder grüner Pflanzenteile bei Vögeln sogar zum Tode führen. Die toxische Wirkung des Giftstoffs „Sambunigrin“ entweiche jedoch beim Kochen, berichtet das botanisch-ökologische Exkursionstagebuch von Düll und Kutzelnigg.

Seit Jahrtausenden spielt der Holunder eine wichtige Rolle in der Heilkunde. Hippokrates, der 460 bis 377 v. Chr. lebte, pries die große Heilwirkung der Pflanze als „Medizinschrank“. Er empfahl Holunderessenzen gegen Verstopfung, Wassersucht und Frauenbeschwerden – natürliche Anwendungen, die auch heute noch in Praxis sind.

Zur Zeit der Christianisierung verlor der Holunder seinen heilfördernden Ruf. Hildegard von Bingen befand, dass der Holunder kaum zur Anwendung tauge. Thomas von Aquin, Paracelsus, Sebastian Kneipp und Maria Teben, Heilkundige des Mittelalters und der Neuzeit, empfahlen ihn trotzdem weiter aufgrund seiner vielfältigen Heilqualitäten.

Holundersaft ist ein Generationen durchwanderndes Hausmittel bei Fieber und zur Vorbeugung gegen Erkältungen. Getränkehersteller fügen ihn ihren Mineralwassersorten gerne als Geschmacksverbesserer hinzu. Das macht Elisabeth Babel aus Püsselbüren schon lange. Sie ist die Tante von Karola Verlage aus Wersen und stellt gerne ihr Rezept dafür zu Verfügung.