„Spieltriebe“ in Osnabrück „Perfect Wives“ und „Die Zauberin von Oz“



Osnabrück. Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem brisanten Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte, dieses Mal „Perfect Wives“ und „Die Zauberin von Oz“

Um Identitäten, die bislang auch immer Geschlechtsidentitäten waren, geht es in den beiden „Spieltriebe“ -Stücken „Perfect Wives“ und „Die Zauberin von OZ“ – doch mit unterschiedlicher Gewichtung. Ein scheinbar weit überkommenes Frauenbild aus den 50er Jahren Amerikas beschwört Ira Levins Roman mit „Die Frauen von Stepford“ (1972). Doch sind wir heute wirklich schon so frei von Rollenzuschreibungen, fragt das Regieteam am Rande von Proben in der Winkelhausenkaserne, wenn etwa eine Ivanka Trump exakt die weiblichen und werblichen Idealbilder unserer medialen Welt erfüllt: Geschäftsfrau und politisch einflussreich, dabei modisch gestylt und superschlank, zugleich Ehefrau und Mutter?

In der Romanadaption, die beim Festival uraufgeführt wird, zieht ein bislang scheinbar gleichberechtigt miteinander umgehendes Ehepaar in die amerikanische Provinz, nach Stepford – um dort nach und nach „stepfordisiert“ zu werden, wie es die Regisseurin Claudia Bossard und Dramaturgin Marie Senf schmunzelnd nennen. Ein merkwürdiger Zauber wirkt in der Stadt und bringt alle Frauen dazu, in der Rolle der perfekten Ehe- und Hausfrau die einzig selig machende Erfüllung zu finden. Geht dieser Sog vom „Männerclub“ aus, dem alle Ehemänner verfallen, oder von der Übermacht der vorgelebten Beispiele und Bilder, die Joana, die zugezogene und eigentlich emanzipierte Fotografin, in die Isolation treiben?

Wirkungsmacht von Bildern

„Ich möchte etwas über die Verführungskraft und Wirkungsmacht von Bildern erzählen“, sagt die aus der Schweiz stammende und zur Zeit in Graz arbeitende Regisseurin. „Eine heutige Frau muss alles können“, benennt Marie Senf das ideale Frauenbild unserer Tage, „Karriere machen, dünn sein, heiß aussehen und eine Familie gründen“. „Was verführt uns dazu, solche Ideale umzusetzen?“, fragt Bossard weiter und erzählt von heftigen Diskussionen über das Thema im Produktionsteam – die sich beim Vorgespräch prompt wiederholen. „Perfect Wives“ in Anlehnung an Ira Levin scheint einen Nerv zu treffen.

„Die Zauberin von Oz“

Um Anpassungsdruck und (Geschlechts-) Identitäten, nur etwas aktuelleren, geht es auch in „Die Zauberin von OZ“, ein Stück, das das Berliner „Kollektiv Eins“ in Anlehnung an Lyman Frank Baums berühmtes Kinderbuch „The Wonderful Wizard of OZ“ (1900) verfasst hat. Hier ist es der Arzt und Zauberer Pr. Dr. Candy, der den Insassen seiner psychiatrischen Nervenheilanstalt nicht gestattet, frei darüber zu bestimmen, wer sie sein möchten. Er sperrt die Hauptfigur Dorothy Betty „Baby“, den Blechmann, die Vogelscheuche und Hexe Miss Regina Vulva solange ein, bis sie die Regeln der Anstalt verinnerlicht haben und sie mit seiner Oz-Therapie wirklich geheilt, also entmündigt, sind. Als krank gilt diesem Chefarzt, wer lieber mit einer selbst gewählten Identität obdachlos lebt, als in Identitätsschablonen gepresst wird.

Einige Mitglieder des Kollektiv Eins, Paula Thielcke, Carolin Wiedenbröker, Stefan Hornbach (Osnabrücker Dramatikerpreis für „Über meine Leiche“) und Sören Hornung, die sich wie der Osnabrücker Schauspieler Janosch Schulte alle aus ihrer Ludwigsburger Studienzeit kennen, werfen sich beim Vorgespräch die Bälle zu, wie sie auch sonst unter Freunden im Dauergespräch miteinander sind und Kunst, Theater daraus machen.

Judy Garland gab den Anstoß

Den Anstoß zum „Oz“-Stoff gab ihnen der Lebensweg der Schauspielerin Judy Garland, die in der Verfilmung des Stoffs die Dorothy spielte. Mit einer höllischen Mixtur aus Aufputsch- und Schlafmitteln sowie Hungerkuren wurde sie schon als junges Mädchen in den Filmbetrieb gepresst und zerbrach fast daran, erzählt Dramaturgin Marie Senf. Judy Garland war bis zu ihrem frühen Tod mit 47 eine Ikone der Schwulenszene, auch wegen des Songs „Somewhere over the Rainbow“, einer Hymne der schwul-lesbischen Bewegung – doch ihr selbst, vier Mal verheiratet, bedeutete das nicht viel. (Mit diesen Beiträgen endet unsere Serie)


Die Uraufführung von „Perfect Wives“ ist auf der blauen Route in Halle 14 der Winkelhausenkaserne, Kaffee-Partner-Allee 5, zu erleben. „Die Zauberin von OZ“ vom Kollektiv Eins geht im Limberg-Theater im Gelände der Limberg-Kaserne über die Bühne. Kartentel.: 0541-7600076.

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