Nach dem Völkermord Ruanda Thema im Alt-Lotter Frauentreff


Lotte. Etwas mehr als zwei Wochen lang hat Annette Salomo im vergangenen Herbst den zentralafrikanischen Staat Ruanda bereist. Jetzt gab sie beim Frauentreff im evangelischen Gemeindehaus Arche einen Einblick in Kultur, Geschichte und Menschen des Landes.

Anlass von Salomos Reise war die Vollversammlung der Vereinten Evangelischen Missionen, an der sie als Delegierte der Westfälischen Landeskirche teilnahm. Gastgeber waren die Presbyterianische und die Anglikanische Kirche in Ruanda. Die Tage vor der Versammlung nutzte Annette Salomo, um kirchliche Projekte und Einrichtungen im ganzen Land zu besuchen; dabei sammelte sie Eindrücke, die touristischen Besuchern verschlossen bleiben.

Ein überraschender Staat

Schon der erste oberflächliche Blick sei überraschend gewesen, erzählte Salomo: Ruanda habe etwa die Größe des Bundeslandes Brandenburg und sei mit über zwölf Millionen Einwohnern sehr dicht besiedelt – ungefähr fünfmal dichter als Brandenburg. Dabei sei das Land jedoch überaus gepflegt und sauber. Regelmäßig finden verpflichtende Müllsammelaktionen statt, auf die Mülltrennung wird geachtet und Plastiktüten sind verboten. Diese Sauberkeit sei staatlich verordnet und werde streng durchgesetzt, erklärte Salomo.

Zur gesellschaftlichen Stellung der Frau berichtete sie, dass es noch große Missstände gebe. Während es den Frauen zukomme, für Gesundheit und Erziehung der Kinder zu sorgen, seien sie oft benachteiligt. So würden junge unverheiratete Mütter oft von den Familien verstoßen und könnten dann etwa bei kirchlichen Projekten auf Unterstützung hoffen.

Eine weitere Besonderheit ist die hohe Lage Ruandas: Das gesamte Land liegt auf mindestens 1500 Metern Höhe, zahlreiche Hügel und Berge ragen noch deutlich höher hinaus. Durch die Höhe ist das Klima recht mild und selten sehr heiß. „Nur an einem Tag habe ich einen wolkenfreien Himmel erlebt, wo die Temperaturen dann gleich über 30 Grad gestiegen sind.“

Versöhnung nach grausamen Völkermord

Die jüngste Geschichte des Landes ist von einem grausamen Völkermord geprägt: Im Jahr 1994 kam es zu einem Massaker der Volksgruppe der Hutus an der Minderheit der Tutsi. Über 800000 Menschen wurden dabei getötet. Dem Genozid sei eine perfide Propaganda gegen die Tutsi vorausgegangne, so Salomo: „Man kann sich das wohl ähnlich vorstellen wie die Hetze gegen Juden während der Nazizeit“, sagte Salomo. Bis 1962 hat Ruanda unter belgischer Kolonialherrschaft gestanden. Die Kolonialherren hatten eine rassistische Trennung der eigentlich eng zusammenlebenden Volksstämme befördert und dabei die Tutsi bevorzugt.

„Täter und Opfer fanden sich oft sogar in den gleichen Familien“, erläuterte Annette Salomo. In allen sozialen Schichten und Gemeinschaften seien sowohl Täter als auch Opfer zu finden. Das Land habe eine beispiellose Versöhnungsbewegung gestartet, unterstützt auch durch kirchliche Einrichtungen – anders sei keine gemeinsame Zukunft möglich gewesen. Salomo hat einem solcher Versöhnungstreffen beigewohnt und dabei beobachtet, wie Täter und Opfer an einem Tisch saßen und die Vergangenheit aufgearbeitet haben. Dabei habe sie erlebt, wie eine Frau von der Ermordung ihres Mannes und ihrer drei Kinder erzählt habe – während der Täter ihr gegenüber saß. „Ich habe noch nie so sehr um die Frage gerungen, was es bedeutet, zu vergeben. Das hat mir wirklich die Sprache verschlagen.“


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