Von der Krise zum Fortschritt Talk am Dienstag beleuchtet Vorgeschichte der Reformation

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Lotte. Wie war Luther möglich ? Matthias Pfordt beleuchtete in der evangelischen Gesprächsrunde „Talk am Dienstag“ im Gemeindehaus Arche das historische Umfeld der Reformation. In der anschließenden Diskussion zeigte sich ein interessanter Bezug zur Gegenwart: Sind gesellschaftliche Krisen eine Chance für Fortschritt?

Ende des 15. Jahrhunderts – kurz vor Luthers großem Auftritt – mangelte es in Zentraleuropa nicht an Krisen und bahnbrechenden Veränderungen. „Die Vorgeschichte der Reformation sollte nicht auf Ablasshandel und die Erfindung des Buchdrucks reduziert werden. Das ist eine verkürzte Darstellung“, sagte Referent Matthias Pfordt. Der promovierte Historiker und Geschichtslehrer zeigte in seinem Vortrag deshalb ein breiteres Bild der europäischen Gesellschaft kurz vor dem Jahr 1500. „Diese Zeit wird heute das Spätmittelalter genannt, weil man das Ende des Mittelalters um 1500 ansetzt.“ Die Gesamtstimmung zu dieser Zeit sei geradezu apokalyptisch gewesen: Man ging davon aus, der Weltuntergang stehe kurz bevor.

Die Pest tötet ein Drittel der Bevölkerung

Ein wichtiger Anlass zu dieser düsteren Stimmung war die Krankheit Pest. Ab etwa 1350 hat sich die Krankheit aus dem asiatischen Raum kommend nach Europa ausgebreitet; insgesamt 25 bis 30 Millionen Todesopfer waren die Folge – gut ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. Vergleichbare Todeszahlen durch Krankheiten seien schwer zu finden, so Pfordt. Der spanischen Grippe nach dem ersten Weltkrieg schreibe man 50 Millionen Tote zu, allerdings weltweit und bei einer größeren Gesamtbevölkerung.

Die Agrarkrise des Spätmittelalters

Eine weitere einschneidende Krise des Spätmittelalters ist die sogenannte Agrarkrise. Ausgelöst unter anderem durch den Bevölkerungsrückgang infolge der Pest und durch Missernten sanken die Getreidepreise, Bauern mussten ihre Höfe aufgeben und konnten die Abgaben an den Landadel nicht mehr stemmen. Dies wiederum beförderte den Niedergang des Rittertums; einige Angehörige des Ritterstandes fanden als Raubritter eine neue Einnahmequelle.

Krisen in Kirche und Staat

Darüber hinaus habe es auch in Kirche und Staat gekriselt, so Pfordt. Kritik an Papst und Kirche war gefährlich: Jan Hus, ein Prediger und Reformator im 15. Jahrhundert, wurde für seine Lehren 1415 auf dem Konstanzer Konzil auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.

Auch zwischen Kardinälen und Päpsten spielten sich Machtkämpfe ab. Während die Kardinäle die Macht des Papstamtes zu beschneiden versuchten, war der Papst auf eine Erweiterung seines Einflusses bedacht. Papst Alexander IV – berüchtigter Borgia-Papst – verkörperte viele Laster, die so manchem Papst nachgesagt wurden: verschwenderischer Luxus, heimliche Geliebte und Machtverliebtheit. Alexander VI. wurde erst nach einem zähen Ringen im Konklave 1492 schließlich zum Papst ausgerufen. Ähnliche Machtkämpfe spielten sich auch zwischen Kaiser und Kurfürsten ab; als Wähler des Kaisers versuchten die Kurfürsten, diesen in seiner Macht zu beschränken.

Wegweisende Fortschritte

Prägend seien jedoch auch die Fortschritte des Spätmittelalters gewesen, betonte Pfordt. Am wichtigsten darunter wohl die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, das Aufkommen der selbstverwalteten Städte, die Renaissance und der Humanismus und nicht zuletzt die Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gutenberg. An diese Einschnitte schlossen sich Martin Luther und die Reformationsbewegung an.

Krise als Chance?

„Steckt in jeder Krise also auch eine Chance?“ Diese Frage stellte Matthias Pfordt ans Ende seine Vortrages. Pastor Detlef Salomo gab zu bedenken: „Es kommt sicher auf die Perspektive an.“ Die Krisen des Spätmittelalters hätten das Auseinanderbrechen Europas zur Folge gehabt. Und als evangelischer Pfarrer begreife er die Entstehung der evangelischen Kirche zwar als etwas Gutes. „Für die katholische Kirche war es allerdings eine Spaltung.“ Mit Blick auf die heutige Flüchtlingskrise lautete eine Forderung aus der Runde, man müsse doch aus der Geschichte lernen und Krisen und ihren Ursachen rechtzeitig auf den Grund gehen und angemessen reagieren.

Geschichte ist kein Selbstzweck

Ob man aus der Geschichte wirklich lernen könne, sei fraglich, meinte Pfordt schließlich. Wichtig sei ihm persönlich jedoch, eine Haltung und eine Meinung zu geschichtlichen Ereignissen zu entwickeln: „Geschichte ist kein Selbstzweck und erschöpft sich nicht im Auswendiglernen von Jahreszahlen.“


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