Ökologie in der Praxis Wersen: Studenten informieren sich über Fischtreppe

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Lotte. Eine Exkursion in die Praxis führte jetzt den Osnabrücker Universitätsdozenten Christian Tepe und mehr als zwei Dutzend seiner Studenten zur Mühle Bohle in Wersen. Dort informierten sie sich über das Projekt Fischtreppe als Beispiel für die Verbindung von Ökologie, Hochwasserschutz und Denkmalschutz, also Bewahrung historischer Bausubstanz als Teil der gewachsenen Kulturlandschaft.

Die meisten Exkursionsteilnehmer aus dem Fachbereich Biologie hätten sich in einem Seminar zum Thema „Nachhaltigkeit im Tier- und Umweltschutz“ schon theoretisch sowohl mit biologischen und ökologischen, als auch mit bio-ethischen Fragestellungen beschäftigt und wollten sich jetzt einmal jenseits trockenen Bücherwissens ein Bild machen, erläuterte der Lehrbeauftragte mit Magistertitel. Die Gruppe wurde vom Mühlenbesitzerpaar Renate und Werner Schwentker, Petra Berghegger von der Unteren Wasserbehörde des Kreises Steinfurt, Dieter Zehm vom Mühlenverein sowie Hans-Georg-Flick vom gleichnamigen Ingenieurbüro und seiner Mitarbeiterin Denise Herrmann empfangen, die den Gästen von der Universität Osnabrück Rede und Antwort standen.

Jede Menge Fragen

Und die hatten jede Menge Fragen – angefangen von der Vereinbarkeit eines Fischtreppeneinbaus mit dem Denkmalschutz über die genaue Funktionsweise der technischen Aufstiegshilfe und die für diesen Gewässerabschnitt charakteristischen Fischarten bis zur Auswirkung auf Hochwasserereignisse, die Finanzierung des Projektes, die Schwierigkeiten bei der Umsetzung und die nötige Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit bei Bürgern und Behörden. Auch ethische Aspekte wurden berührt.

Sensibles Ensemble

Angesichts des doch „massiven Eingriffs“ in ein „sensibles Ensemble“, so die Formulierungen des Dozenten, habe man in der Tat sorgfältig überlegt, wie eine Fischaufstiegshilfe zur Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit der Düte hier am besten umgesetzt werden könne, erklärte Ingenieur Flick. Die Alternative zur Fischtreppe, nämlich eine Umgehungsrinne, sei eben genau aus Denkmalschutzgründen verworfen worden. So sei man auf den Einbau einer Fischtreppe im – in Fließrichtung gesehen – linksseitigen alten Mühlengang gekommen, wo das zweite Mühlenrad der ehemaligen Doppelmühle schon lange nicht mehr existiert.

Stahl statt Stein

Anders als in den 90er Jahren, wo für solche technischen Fischaufstiegshilfen Backstein als „historisierendes“ Baumaterial verwendet wurde, habe man sich hier zusammen mit dem Denkmalschutz bewusst für Stahl entschieden, um den Einbau deutlich von der historischen Bausubstanz abzugrenzen. Und um die zu erhalten, habe man beim Einsetzen der insgesamt neun je 2,5 Tonnen schweren Stahlsegmente besonders behutsam vorgehen müssen, erläuterte Flick weiter.

Er sprach auch offen die Schwierigkeiten an, vor die sie die „gewaltige Überraschung“ gestellt habe, dass der Betonboden im Mühlengang nicht 20 Zentimeter wie an der Probebohrstelle, sondern in weiten Bereichen 1,20 Meter dick war. Über 200 Kernbohrungen seien nötig gewesen, um den Betonblock aus dem Flussbett herausschneiden zu können.

Kiesbank wird nachjustiert

Das wiederum war notwendig, um die richtigen Abmaße zur optimalen Regelung der Fließgeschwindigkeit und Wassertiefe sowie die Ablagerung von Sediment hinzubekommen, um Fischen und natürlich auch den Klein- und Kleinstlebewesen die Passage nicht nur zu ermöglichen, sondern auch schmackhaft zu machen. Noch einmal „nachjustieren“ müsse man bei der Kiesbank, die unterhalb der Fischtreppe angelegt wurde, um eine Lockströmung zu erzeugen, sagte Hans-Georg Flick.

Von der Groppe bis zum Döbel

„Die Leitarten haben ganz unterschiedliche Ansprüche“, erklärte Petra Berghegger. So gebe es Fische, die am Grund wandern, und andere, die nur in den oberen Wasserschichten schwimmen, dazu, vor allem im Sediment, der Makrozoobenthos, also das aus Krebschen, Insektenlarven, Strudelwürmern und Ähnlichem bestehende „Fischfutter“. Bei der Frage nach den hier typischen Fischarten verwies Denise Herrmann darauf, dass man dafür üblicherweise die kleinste und die größte Fischart benenne. Der kleinste, in diesem Düteabschnitt häufige Fisch sei die Groppe, die größte der Döbel, ein karpfenartiger Fisch, der bis zu 40 Zentimeter lang und ein Kilo schwer werden kann.

Technischer Hochwasserschutz

Um Fließgeschwindigkeit und Wasserstand zu regeln, wird wie berichtet noch eine entsprechende elektronische Steuerung eingebaut. Die Automatisierung dient gleichzeitig dem Hochwasserschutz, da im Hochwasserfall automatisch die Schütze im Mühlenwehr geöffnet werden, damit die Wassermassen schnell abfließen können, so Berghegger und Flick. Dieter Zehm und Werner Schwentker berichteten, dass im Juni beim Startschuss für den Fischtreppenbau der Pegel im Unterschied zum derzeitigen Stand von 67 Zentimetern bei 2,20 Meter gelegen habe, was die Projektumsetzung ebenso verzögert habe wie die unvorhersehbaren Probleme bei der Betonschicht. Beim Extremhochwasser 2010 habe der Pegel bei 3,60 Meter gestanden.

Zweckgebundene Mittel

Die Komplikationen hätten auch die Kosten ansteigen lassen, die Berghegger mit „mehreren 100000 Euro“ angab. 80 Prozent davon trage das Land NRW, 20 Prozent der Kreis. Sie stammten, so erklärte Flick dazu, aus der Abwasserabgabe, die Kommunen, Landwirte und Fließgewässeranrainer zu entrichten hätten. Das Geld werde also sinnvoll und zweckgebunden verwendet, um die ökologische Qualität des Gewässers zu verbessern.

Nur noch ein Hindernis

Wasserbau- und Behördenvertreter räumten auf Nachfragen durchaus ein, dass es oft nicht leicht sei, Eigentümer und Öffentlichkeit, nicht nur vom Sinn, sondern auch von der Notwendigkeit und Nachhaltigkeit von ökologischen Maßnahmen zu überzeugen. Anders als beim Eigentümerpaar der Mühle Bohle, denen sie deshalb noch einmal ausdrücklich dankten, sei es beim Eigentümer des letzten, die Durchgängigkeit der Düte flussaufwärts noch blockierenden Hindernisses noch nicht gelungen, die Erkenntnis dafür zu erreichen. Ziel sei aber natürlich, auch dort die Wanderung der Wassertiere zu ermöglichen.

Auf die Frage, ob man denn Eigentümer nicht dazu zwingen könne, den Einbau einer Fischaufstiegshilfe zu ermöglichen, räumte Flick ein, dass das neue Wasserhaushaltsgesetz diese Möglichkeit zwar vorsehe, sie aber bisher noch genutzt worden sei. Sollte das der Fall sein, müsste der Eigentümer die Fischtreppe dann sogar auf eigene Kosten einbauen lassen. Man setze aber lieber auf das Gespräch und die Überzeugungsarbeit, betonte Petra Berghegger von der Unteren Wasserbehörde.


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