Zu den Paralympics nach Rio Carolin Schnarre aus Lotte im deutschen Dressurteam

Von Angelika Hitzke


Lotte. Die blinde Lotter Reiterin Carolin Schnarre und ihr vierbeiniger Partner Del Rusch, genannt Dalli, nehmen im deutschen Dressurteam an den Paralympics in Rio teil.

Pferde und Reiten – das ist schon von jeher der Lebensinhalt von Carolin Schnarre . Die 24-jährige Pferdewirtin aus Lotte, die auf dem Schultenhof arbeitet, wo auch ihr Pferd Del Rusch steht, gehört zu den weltbesten Para-Dressurreitern. Sie ist mit nur drei Prozent Sehkraft fast blind, damit aber „Grade IV“, also in der Klasse der am wenigsten beeinträchtigten Reiter mit Handicap. Und sie gehört zusammen mit Elke Philipp (Grade Ia), Alina Rosenberg (Grade Ib), Steffen Zeisig (Grade II) und Hannelore Brenner (Grade III) zur deutschen Mannschaft, die zu den Paralympics nach Rio fliegt.

Am 2. September geht es los, am 3. September fliegen die Pferde zusammen mit der Telgter Mannschaftstierärztin Bernadette Unkrüer zu den Olympischen Spielen der Sportler mit Behinderung nach Brasilien.

Deutsche Meisterin

Die Deutsche Meisterin Carolin, die vergangenes Jahr bei der Europameisterschaft in Deauville drei Bronzemedaillen holte und bei der WM 2014 dritte in der Mannschafts- und fünfte in der Einzelwertung wurde, war noch nie in Südamerika und freut sich schon sehr darauf: „Ich hoffe, dass ich unter die ersten zehn komme“, sagt sie. Und postete auf ihrer Facebook-Seite : „So happy – darf als Fünfte mit nach Rio!“

Mutter als Betreuerin

Ihre Mutter Kerstin Schnarre, die als „Groom“, also Betreuerin, mit nach Brasilien fährt, berichtet, dass die deutsche Para-Mannschaft, die normalerweise aus vier Reitern bestehe, um einen Platz aufgestockt wurde, nachdem die russischen Behindertensportler wegen mutmaßlichen Dopings von der Teilnahme ausgeschlossen wurden. Zuvor sei Carolin aber ohnehin schon als Ersatzreiterin nominiert gewesen. Nach drei Qualifikationsturnieren rückte sie dann als Fünfte ins Nationalteam nach.

Pferd denkt mit

Carolins vierbeiniger Partner sowohl im Training in Lotte als auch bei den nationalen und internationalen Turnieren ist der 16-jährige Hannoveraner-Wallach Del Rusch, den sie vor drei Jahren von ihrer bayrischen Teamkollegin Elke Philipp übernommen hat, die schwerstbehindert ist. Das Pferd ist also an Reiter mit Handicap gewöhnt: „Er denkt schon mit. Das macht nicht jedes Pferd“, sagt die Mutter.

Feinabstimmung über Hilfen

Wie läuft überhaupt die Verständigung zwischen Ross und Reiter, wenn die Reiterin zum Beispiel die Stellung der Ohren gar nicht sehen kann? Für Carolin ist das kein Problem: „Ich habe schon mein Leben lang mit Pferden zu tun. Ich bin sensibler für die Körperspannung des Tieres geworden. Die Feinabstimmung läuft über die Hilfen“, erklärt sie. Und erläutert auf Nachfrage, was darunter zu verstehen ist: Mit der Verlagerung ihres Gewichtes, dem unterschiedlich dosierten Druck ihrer Schenkel und dem Einsatz der Zügel signalisiert die Reiterin dem Tier, welche Richtung oder Figur gerade dran ist.

Nachwuchspferd Björny

Bei Del Rusch ist das oft schon gar nicht mehr nötig: Wenn etwas auf dem Parcours nicht stimmt oder es eng wird, „merkt er das eher als wir und reagiert schon von sich aus“, erzählt die Betreuerin, die immer dabei ist, wenn Carolin ihre Turniere reitet. Und die spürt dann ihrerseits an der Körperhaltung und -spannung, was los ist. „Die beiden sind ein eingespieltes Team“, so Kerstin Schnarre. Das wird sie sicher auch einmal mit dem 13-jährigen Nachwuchspferd Björny sein: „Wären beide Pferde zugelassen gewesen, wäre Björny bei der DM im Juni in Berlin Vizemeister geworden“, sagt Carolin nicht ohne Stolz.

Spezialheu und Apfelsaftwasser

Sie ist übrigens froh, dass sie auf dem Reiterhof am Schultenweg in Alt-Lotte nicht nur einen pferdeaffinen Beruf, sondern auch so nette Chefs und so tolle Trainingsmöglichkeiten hat. Die Pferde werden übrigens schon auf anderes Heu umgestellt und kriegen Apfelsaft ins Trinkwasser. Ihre Mutter erklärt, warum: „Das Heu in Brasilien ist nicht so gut. Deshalb bekommen sie Timothy-Heu aus den USA. Das ist eine spezielle Aussaat, bei der die Zusammensetzung der Gräser immer gleich ist.“ Und weil das Trinkwasser in Südamerika so stark gechlort sei, werden die Turnierpferde hier schon an den Apfelsaft gewöhnt, der den Chlorgeschmack überdecken soll.

Einladung vom Emir von Katar

Den Transport per Flugzeug in Länder außerhalb Europas kennt „Dalli“ schon: Anfang 2015 und Anfang dieses Jahres nahmen er und Carolin zusammen mit anderen Para-Reitern auf Einladung des Emirs von Katar an einem Turnier in Doha, der dortigen Hauptstadt, teil – Halle und Stallungen sind voll klimatisiert. Auch fürs kommende Jahr hat die Lotter Dressurreiterin die Einladung nach Katar schon in der Tasche. Rio, wo die Turniere draußen geritten werden, und die Paralympics aber sind für sie eine Premiere: „Wir wissen überhaupt nicht, was auf uns zukommt“, sagt Mutter Kerstin. Ungewiss sei, ob zum Beispiel die Wettkampfbedingungen europäischem Standard entsprechen.

Im olympischen Dorf

Sie hoffe, dass ihre Tochter im olympischen Dorf auch mal andere Sportler mit Handicap, nicht nur Reiter, kennenlernt. Und Carolin selbst möchte nach ihren Worten nicht nur erfolgreich, sondern auch gesund und ohne Verletzungen am 19. September wieder nach Hause kommen: „Das wird, glaube ich, schon ein bisschen ein Abenteuer!“