Spezial-Ausbildung Hypohund für sechsjährige Mayra aus Wersen


Lotte. Mayra ist glücklich mit ihrem kleinen Freund auf vier schwarzen Pfoten. Paul ist zwölf Wochen jung und beginnt gerade in Glandorf mit einer Spezial-Ausbildung. Der Labradorwelpe wird bald Mayras Assistenzhund sein, denn die Sechsjährige ist insulinpflichtig.

Im Februar 2015 erhielten Alexandra und Torsten Schulz bei einer Vorsorgeuntersuchung vom Kinderarzt die erschreckende Nachricht, dass ihre Tochter Mayra an Diabetes Typ 1 erkrankt sei. „Das war wie ein Faustschlag!“, erinnern sich die Eltern, denen auch gleich klar war, welche Folgekrankheiten auftreten können. Mayra bekam sofort eine Insulin-Pumpe, die regelmäßig durch eine unter die Haut platzierte Nadel Insulin in den Körper abgibt.

Mayra merkt Unterzuckerung oft nicht

Sie sei erstaunlich gut damit klar gekommen. „Allerdings merke sie Unterzuckerungen meist gar nicht oder erst sehr spät“, sagte ihre Mutter. „Sie macht alles, was andere Kinder auch machen und ist daher nicht eingeschränkt, aber manchmal ist sie einfach genervt, weil wir immer sehr engmaschig die Werte messen müssen.“ Dankbar waren die Eltern den Erzieherinnen im Evangelischen Kindergarten Wersen: „Das ganze Team wurde von der Diabetesambulanz im Christlichen Kinderhospital Osnabrück geschult. Es hat sich sehr engagiert, damit Mayra, die jetzt zur Schule kommt, eine unkomplizierte Kindergartenzeit und sogar eine aufregende Nacht im Kindergarten verbringen konnte.“

Begleiter durch die Schulzeit

Damit sie weiterhin ein gesundes und normales Leben führen kann, ohne ständig im Fokus ihrer Eltern zu stehen, soll Labrador Paul sie durch ihre Schulzeit und Pubertät begleiten. „Er wird lernen, Mayra darauf aufmerksam zu machen, wenn sich ihre Blutzuckerwerte ändern, und kann somit dafür sorgen, dass die Werte durch entsprechende Maßnahmen verhältnismäßig  konstant bleiben. Dadurch ist sie leistungsfähiger und kann sich auf das Wesentliche konzentrieren. Zudem sorgt Paul durch rechtzeitiges Wahrnehmen und Anzeigen einer Hypoglykämie dafür, das akute Notsituationen verhindert werden. Für uns ist das eine große Sicherheit“, erklärt Vater Torsten.

Spezialausbildung für Assistenzhunde

Die Krankenkasse übernimmt die Ausbildungskosten für den Assistenzhund nicht, dafür aber die Stiftung „Aktion Kindertraum“ ( http://aktion-kindertraum.de/herzenswuensche/aktuelle-wuensche ) In der Hundeschule Humani in Glandorf bildet Carina Stanek Assistenzhunde für an Diabetes und PTBS (Posttraumatische Belastungsstörungen) erkrankte Menschen aus. Zwei weitere Mitarbeiter trainieren Hunde für den Bereich Autismus und motorische Erkrankungen.

„Wir entwickeln individuelle Ausbildungskonzepte, angepasst auf die Bedürfnisse des Betroffenen, der sich hilfesuchend mit dem Wunsch nach einem Assistenzhund an uns wendet. Es gibt viele verschiedene Assistenzaufgaben, die Hilfeleistungen im Alltag darstellen können. Die können zum Beispiel sein: Über-und Unterzuckerung wahrnehmen und anzeigen, Messgeräte und Notfalltasche bringen, Hilfe holen, Menschen fernhalten, aus Dissoziationen, Panikattacken, Flashbacks herausholen, Sicherheit geben, Handy im Notfall bringen, Führaufgaben übernehmen, Kontakt liegen, den Menschen vor gefährlichen Situationen schützen, Weg blockieren, auf Kommando bellen, runtergefallene Sachen aufheben und reichen, benannte Gegenstände bringen, Türen öffnen, Schalter betätigen.“

Berufliche und private Erfahrungen

Seit Jahren hat Stanek sowohl im beruflichen wie auch privaten Umfeld Erfahrungen mit den Erkrankten, für die sie Assistenzhunde ausbildet. Dazu zählt auch ihre fast 13-jährige Tochter Lara, die ebenfalls an Diabetes Typ 1 erkrankt ist und seit fast drei Jahren mit einem Assistenzhund gemeinsam ihren Diabetes managt. Ausgebildet ist sie als Pädagogin, psychosoziale Beraterin, PPT-Therapeutin und als Assistenzhund-Trainerin. Die Ausbildungen dauerten jeweils  zwei bis drei Jahre. Für den Assistenzhundetrainerschein studierte sie zwei Jahre an der Akademie für Tiernaturheilkunde in der Schweiz (ATN).

Positiv verstärkendes Training

In Staneks Ausbildungsprogramm werden Hypohunde sehr kleinschrittig in das gesamte Diabetesmanagement mit eingebunden und von klein auf an ihre Lebensaufgabe mit Freude herangeführt. Ein Hypo-Hund ist ein Behindertenbegleithund. Das Wort „Hypo“ ist vom medizinischen Fachbegriff der Hypoglykämie abgeleitet, erklärte die Hundetrainerin. Diese Hunde erlernen gezielt das Riechen, die Geruchsdifferenzierung und bewusst zu unterscheiden, wann sie wie reagieren sollen. Basis der Ausbildung zum Assistenzhund ist eine gute, vertrauensvolle, enge Beziehung zwischen Hund und Assistenznehmer, aufgebaut durch ein positiv verstärkendes Training. In den Trainingseinheiten wird viel Wert auf einen wertschätzenden, harmonischen und doch konsequenten Umgang gelegt.

Unaufgeregte Atmosphäre

Paul ist genau im richtigen Alter, um an seine wichtigen Aufgaben herangeführt zu werden. Vor Kurzem hat er seine älteren Artgenossen kennengelernt und durfte sich ausgiebig auf der bunten Blumenwiese austoben. Es herrschte eine sehr angenehme und unaufgeregte Atmosphären bei Hunden und Menschen.

Die drei Mädels mit Diabeteserkrankung saßen gemütlich auf der Steinmauer und waren sofort im lockeren Gespräch über ihre Pumpen, alles ganz normal an diesem Nachmittag. Als gerade alle „Platz“ machten für das große Pressefoto, wurde die fast dreijährige Skyla plötzlich unruhig und schlug mit der Pfote auf Laras Bein. Auf Zuruf von Carina Stanek, Laras Mutter, apportierte Skyla das Messgerät und anschließend ein Paket süße Kekse. Richtig entspannen konnte die schlaue Hündin sich erst, als Laras Werte und der damit verbundene Geruch sich normalisierten.

Prüfung zum Abschluss der Ausbildung

An zehn Wochenenden innerhalb von etwa 15 Monaten werden die Hypohunde ausgebildet geprüft. Dann wird aus dem Assistenzhund in Ausbildung ein Assistenzhund im Einsatz – mit Bescheinigung der bestandenen Prüfung und mit einer einheitlichen Kenndecke. Regelmäßige Nachprüfungen stellen sicher, dass der Hund noch als Assistenzhund geführt wird.

Wer einen Hund ausbilden lassen möchte, sollte die Augen aufhalten bei der Wahl der Hundeschule, empfiehlt Stanek. Der Beruf des Assistenzhundetrainers ist nicht geschützt und viele Trainer haben gar keine oder eine mangelhafte Ausbildung genossen. Ein Hundetrainer, der seit vielen Jahren erfolgreich Familienhunde trainiert, ist nicht zwangsläufig ein guter Assistenzhundetrainer, der aus heutiger, wissenschaftlicher Sicht tierschutzrelavant und erfolgreich trainiert.

Intensives Wissen um Erkrankung

Wichtig ist auch der Aspekt, das der Assistenzhundetrainer ein intensives Wissen um die Erkrankung mitbringen muss. Ohne dieses Wissen ist eine qualitative Betreuung des Betroffenen und eine zielorientierte Ausbildung des Hundes nicht möglich. Um sich eine neutrale Meinung zu holen, empfiehlt es sich, Kontakte zu Vereinen aufzunehmen, die schon seit Jahren Erfahrungen in der Assistenzhundeszene nachweisen können (zum Beispiel Verein Lichtblicke aus Hamburg). Des Weiteren haben auch die Stiftungen, die solche Projekte unterstützen, bereits ihre Erfahrungen mit verschiedenen Ausbildungsstätten machen müssen und stehen in der Regel gern beratend zur Verfügung (zum Beispiel Aktion Kindertraum, Hannah-Stiftung und andere).

Rechtfertigungsdruck

Probleme können allerdings auftreten, wenn der Hund seine Begleitung in der Öffentlichkeit beginnt. „Für Assistenzhunde gelten zwar die gleichen Rechte wie für den Blindenführhund, aber auch in dem Bereich sind die Zutrittsrechte in Deutschland leider nicht deutlich geregelt“, bedauert die Trainerin. Insbesondere Betroffene, denen man ihre Krankheit nicht ansieht, müssen sich immer wieder rechtfertigen und ihre Rechte erkämpfen, was ihnen auf Grund ihrer Beeinträchtigung gar nicht immer möglich ist. In solchen Fällen unterstützt zum Beispiel der Verein Lichtblicke . ( http://verein-lichtblicke.de ) . Gemeinsam mit dem Verein Hypohund ( http://hypo-hund.eu )  wurden in den vergangenen 20 Jahren bereits viele Meilensteine im Bereich Zutrittsrechte für Assistenzhunde gelegt. So sind mittlerweile in einigen großen Supermarktketten Assistenzhunde herzlich willkommen, nachzulesen sogar auf deren Hompage. Ebenso gelang es den Vereinen, bei der Lufthansa einen kostenlosen Flugtransport in der Passagierkabine, unabhängig vom Gewicht des Hundes, für Assistenzhunde zu erwirken.

Zutrittsrechte verankert

Die Zutrittsrechte sind verankert im allgemeinen Gleichstellungsgesetz und der UN-Behindertenrechtskonvention. Das oftmals strapazierte Hausrecht kommt in diesen Fällen nicht zu Zuge. Es darf nicht zur Diskriminierung missbraucht werden. Wer durch eine Eröffnung seines Betriebes signalisiert, der Öffentlichkeit Leistungen anbieten zu wollen, verzichtet dadurch auf die Ausübung seines Hausrechtes, ohne Prüfung im Einzelfall. Dieser Verzicht wird nach dem BGH nur aufgeweicht, wenn mit einer „Störung des Betriebsablaufes“ zu rechnen ist. Das ist durch das Mitführen eines Assistenzhundes jedoch regelmäßig nicht der Fall.

Pauls Hauptjob wird die Nachtwache sein

Paul weiß noch nichts von seinen wichtigen Aufgaben, aber im nächsten Jahr wird er Mayra ganz professionell begleiten – in der Freizeit, wenn sie mit ihren Freundinnen unterwegs ist und zu sportlichen Aktivitäten. Seinen Hauptjob wird Paul aber nachts erledigen, wenn alle schlafen. Dann wird er darauf achten und anschlagen, wenn Mayras Insulinspiegel sich nach unten bewegt, schon lange, bevor es überhaupt jemand anderes merkt.


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