Konflikte zwischen Naturschützern und Besuchern Wer darf was am Westerkappelner Sundermannsee?

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Lotte. Niemand hat etwas gegen Spaziergänger. Auch nicht gegen Leute, die am Ufer des Niedringhaussees, landläufig bekannt als Sundermannsee, in der Sonne liegen. Aber die Unvernunft Einzelner und Auswüchse an manchen Tagen erforderten oft ordnungsrechtliches Einschreiten. Wer darf dort überhaupt was?

Laut Lottes Umweltbeauftragter Ursula Wilm-Chemnitz ist das gar nicht so einfach zu beantworten: „Die rechtlichen Voraussetzungen sind noch nicht abschließend geklärt“, sagt sie.

Wasserfläche geschützt

Fest steht nur, dass es sich um ein nach § 62 Landschaftsgesetz NRW beziehungsweise § 30 Bundesnaturschutzgesetzt geschütztes Biotop handelt. Der ehemalige Baggersee, heute ein naturnahes Gewässer mit artenreichem Fisch-, Amphibien-, Kleintier- und Insektenbestand, liegt in unmittelbarer Nähe zu den strenger geschützten Naturschutzgebieten Haler Feld-Vogelpohl und Düsterdieker Niederung. Das Werser Holz im Süden ist Landschaftsschutzgebiet.

Nach Auskunft des zuständigen Regionalforstamtes Münsterland und der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Steinfurt hat aber der Wald direkt am See keinen Schutzstatus, wohl aber das Gewässer selbst: Als gesetzlich geschütztes Biotop sei der Wasserbereich wie eine Naturschutzfläche zu sehen und dürfe „im Grunde“ nicht betreten werden, so Regionalforstamtsleiter Heinz-Peter Hochhäuser.

Feuer verboten

Der umgebende Wald hingegen sei für jedermann zugänglich; Hunde müssten jedoch angeleint werden. Und: Feuermachen, Grillen, Rauchen, Zelten sind im Wald vom 1. März bis zum 1. Oktober grundsätzlich verboten.

Gemeinde, Polizei, Feuerwehr, Regionalforstamt, der Wersener Naturschutz- und Fischereiverein, die Niedersächsisch-Westfälische Anglervereinigung (NWA) und die privaten Eigentümer des Sees, zu denen auch die NWA gehört, haben eine Ordnungspartnerschaft gebildet. Die hat sich in der Vergangenheit mehrfach getroffen, um zu beraten, wie man das Erholungsbedürfnis der Menschen und den Schutz des Biotops in Einklang bringen kann.

Gefahr durch Massenansturm

Seit 40 Jahren kommt es bei schönem Wetter, an Feiertagen und bei heißen Temperaturen zu einem regelrechten Ansturm von Besuchern. „Wenn da mal zehn oder 20 Leute baden, ist das nicht schlimm. Aber 300 sind für den kleinen See einfach zu viel“, sagt die Umweltbeauftragte. Denn dann bestehe die Gefahr, dass „das Gewässer eutrophiert“, es also zu einer schädliche Zunahme von Nährstoffen kommt. Schließlich gebe es dort keine Infrastruktur, also auch keine Toiletten.

Zugeparkte Straßen, zugemüllte Ufer, Waldbrandgefahr durch Grill- und Feuerstellen sowie Auswüchse wie das Fällen junger Bäume für Lagerfeuer, das Herausreißen von Zaungittern zur Verwendung als Grillrost und das Schlachten von Schafen führten zur Sperrung des Hauptzugangsweges mittels einer Schranke – und zu diversen Verboten.

In Privatbesitz

So weist ein Schild an der Schranke nicht nur darauf hin, dass es sich beim Seegelände um ein Privatgrundstück handelt. „Unbefugtes Betreten“, so heißt es da, „wird als Hausfriedensbruch zur Anzeige gebracht.“ Direkt daneben am Baum ein Wanderwegsschild.

Auch für Angler gelten Regeln

Die NWA verbietet auf ihren Schildern das Baden, Surfen, Bootfahren, Schlittschuhlaufen und Befahren der Uferböschung. Auch die Angler selbst dürfen den Zugangsweg nur bis zum Sperrschild befahren, wie der als Naturschutzverbund anerkannte Anglerverband auf seiner Homepage unter der Beschreibung dieses Gewässers ausdrücklich angibt. Ob sich alle daran halten, steht auf einem anderen Blatt. Weitere Beschränkungen für die Vereinsmitglieder: Sie dürfen zwar Boote auf dem See benutzen, aber nur solche ohne Motor.

Eigentümer haben Schlüssel

Die Eigentümer haben einen Schlüssel für die Schranke des Zufahrtsweges, müssen sich aber ebenfalls an die gesetzlichen Bestimmungen halten. Diese sind allerdings weicher und vager formuliert als die für Naturschutzgebiete: Verboten ist nur, was den Charakter des Biotops verändert und dem Ziel seines Schutzes zuwiderläuft.

„Wir haben festgestellt, fass wir gar nicht so viel verbieten können, wie wir zum Schutz des Sees eigentlich wollen“, bedauert Wilm-Chemnitz. Unklar sei, von wem welche Verbote auszusprechen seien. So habe die NWA kein Hausrecht und auch die anderen Eigentümer könnten das Betreten des ehemaligen Sandgrubengeländes juristisch nur dann verbieten, wenn sie das Privatgrundstück einzäunen würden, wie ein Sprecher der Unteren Landschaftsbehörde ebenso bestätigt wie Ulrich Zahn vom Ordnungsamt der Gemeinde Lotte.

Gefahr für Schwimmer

Für das Badeverbot gibt es aber neben dem Biotopschutz einen weiteren Grund, nämlich die Gefahrenabwehr: Die Temperaturunterschiede in dem bis zu 14 Meter tiefen See können gerade an heißen Sommertagen bis zu 20 Grad betragen und zusammen mit Windeinfluss unkontrollierbare Strömungen hervorrufen, die Schwimmern zu, Verhängnis werden können.

Müll und Parken als Problem

Gegen Müllablagerungen und wildes Parken kann die Gemeinde ordnungsrechtlich vorgehen – und tut es auch. Und das nicht nur mit dem Verteilen von „Knöllchen“; an heißen Tagen bei längeren Trockenperioden werden auch schon mal Autos abgeschleppt, um Waldbrände zu verhindern, Ansonsten könne man nur die Zugänglichkeit erschweren: „Das Einzige, was funktioniert, ist ständige Kontrolle. Aber das können wir als Gemeinde nicht leisten“, sagt die Umweltbeauftragte.

Ihr Kollege aus der Gemeindeverwaltung verweist darauf, dass man schon Vieles versucht habe, um die Situation in den Griff zu bekommen. Patrouillen, Abschleppen von am Waldrand oder entlang der Rettungswege abgestellten Autos und das Einbringen von Wurzelstubben, die das Baden unattraktiv machen sollen, haben immerhin den schlimmsten Auswüchsen früherer Jahrzehnte einen Riegel vorgeschoben.

Beliebtes Ausflugsziel

Das Müll- und Lagerfeuerproblem aber bleibt: „Jetzt am 1. Mai waren wieder Scharen von Jugendlichen mit Bollerwagen da“, berichtet Zahn. Ortspolizist Hans Dieter Wittpoth sagt aber, dass im Gegensatz zu früheren Jahren alles friedlich ablief: „Ich habe das Grillen und Feuermachen untersagt. Als ich da war, habe ich auch keinen Grill gesehen.“ Auch am Himmelfahrtstag genossen neben Anglern auch Paare, Familien und Jugendgruppen das schöne Wetter am See und es blieb friedlich.

Wanderweg am Ufer

So lange das Seegelände kein eingefriedeter Bereich ist und sogar ein offizieller Wanderweg am Ufer entlangführt, können die Eigentümer das Betreten nicht verbieten, betont Zahn. Denn Erholungssuchenden ist nach deutschem Recht freier Zugang zur Landschaft zu gewähren. Dumm nur, dass unter Erholung jeder etwas anderes versteht, Zuständigkeiten und Besitzverhältnisse hier so kompliziert sind und so eine rechtliche Grauzone entsteht.


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