Unterricht für Flüchtlinge Deutschstunde in Lotte

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Deutschstunde: Friedel Glüder (links) liest vor und alle sprechen nach. Ihre Schüler sind Ehrgeizig, sie wollen in Deutschland eine Zukunft haben. Foto: Erna BergDeutschstunde: Friedel Glüder (links) liest vor und alle sprechen nach. Ihre Schüler sind Ehrgeizig, sie wollen in Deutschland eine Zukunft haben. Foto: Erna Berg

Lotte. Viermal in der Woche unterrichten Friedel Glüder und Anna Dröscher Deutsch für Flüchtlinge im evangelischen Gemeindehaus in Wersen. Sie sind beide ausgebildete Lehrer. Eingeladen sind alle Erwachsenen aus allen Herkunftsländern. Das macht den Unterricht nicht gerade leichter.

Die Schüler bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit, kennen mitunter in ihrer Sprache völlig andere Buchstaben oder schreiben von rechts nach links. Die einen haben Hochschulreife und sprechen die englische Sprache, die anderen bräuchten eigentlich Vorkurse, um erst einmal das Alphabet zu lernen.

Mit Begeisterung dabei

Aber die vierzehn Frauen und Männer, die am Dienstagmorgen am zweistündigen Unterricht teilnehmen, sind mit Begeisterung, Aufmerksamkeit und Freude dabei, Deutsch zu lernen. Das heißt, bis auf einen Syrer, der blind ist und noch eine Kugel im Kopf hat. Er sitzt ganz alleine am Tisch, ist aber trotzdem mittendrin.

Die meisten kommen aus Syrien

Die Deutschschüler erscheinen auch (noch) nicht alle pünktlich zum Unterricht. Julia Boußillo und Janina Müller sorgen schon dafür, dass ihre Schützlinge morgens aus den Federn und zum Kurs kommen. Sie unterstützen die Lehrerinnen, kochen Tee, spielen mit den Kindern oder machen Wörterdominos mit den Erwachsenen. Michaela Birngruber begleitet einen Großvater und seinen vierjährigen Enkel, beide kommen aus Syrien wie die meisten an diesem Vormittag.

Der Ehrgeiz ist da

Friedel Glüder verteilt Blätter mit Bildern und Buchstaben. Sie spricht vor, alle sprechen nach. Die Wochentage machen gar keine Probleme. „Heute ist Dienstag“, sagt sie. Marwa, Englischlehrerin aus Syrien, antwortet prompt: „Morgen ist Mittwoch!“. Sie lernt zusammen mit ihrem Mann, der als selbstständiger Orthopäde im Heimatland gearbeitet hat. Auf dem Schoß sitzt Töchterchen Lousin und malt. Die Uhrzeiten, die machen Probleme, aber auch die hat Marwa schnell auf Deutsch raus. Sie brennt vor Ehrgeiz.

Neustart und Zukunftspläne

Als die Flüchtlinge nach ihren Berufen gefragt werden, geben sie Kinderarzt, Apotheker, Schuhmacher, Verkäufer, Maurer, Ingenieur, Rechtsanwalt, Möbeldesigner an. Zwei sagen, dass sie keine Ausbildung haben. Abdirahman, der am Montagabend zum zweiten Mal bei der Feuerwehr mitgemacht hat, würde gerne Maurer werden und Häuser bauen.

Weitere Unterstützer gern gesehen

Die beiden Lehrerinnen sähen es gerne, wenn weitere Leute sich dazu gesellen würden, „die in Kleingruppen vorsprechen und immer wieder die Aussprache korrigieren oder zu anderen Zeiten Hausaufgabenhilfe leisten könnten.“ Glüder hat zurzeit zwei Helferinnen im Unterricht. Eine, die bei Hausaufgaben hilft und eine Intensivbetreuerin, die Schnelllerner fördern möchte. Außerdem hätten zwei Schülerinnen des KvG Mettingen begonnen, alltagstaugliche Übungen anzubieten wie Einkaufen, Kochen, Backen, Orientierung in der Umgebung.

CD-Player zum Lernen

Friedel Glüder orientiert sich, wenn es um Unterrichtsmaterialen geht, im Internet und macht vieles selbst, zum Beispiel Memorys, Dominos oder Quartette zu bestimmten Themen. „Aber das wichtigste ist das Sprechen, und dafür benötigen die Flüchtlinge Medien wie CD-Player oder Computer , brauchbare audiovisuelle Programme.“ Sie bittet die Mitbürger um Spenden von alten ausgedienten Geräten dieser Art.

Bildung und Sprache fördern

Viel zu wenige würden das Deutschangebot annehmen. „Wer aus einem wenig entwickelten Land kommt, weiß zu wenig darüber, wie wichtig Bildung und Sprachkenntnisse in einem hoch industrialisierten Land sind. Sie lassen sich frustrieren von der Mühsal, eine völlig andere Sprache zu lernen. Das ist besorgniserregend, aber zum Teil auch nachvollziehbar, wenn man sich ihren Bildungshorizont, die Strapazen der Flucht und das Elend der Unterbringung hier vergegenwärtigt.“ Die Interessiertesten und Ausdauerndsten seien diejenigen, die auch in ihrem Heimatland schon überdurchschnittlich gebildet waren.

Staat bietet zu wenig

Wenn allerdings alle Flüchtlinge massenhaft in den Unterricht strömen würden, dann wäre klar, dass es gar keine ausreichenden Sprachlernangebote gibt. „Zwanzig Plätze in einem 100-Stunden-Kurs für Lotte und Westerkappeln zusammen ist alles, was staatlicherseits den Flüchtlingen bisher angeboten wird. Bei über 300 Flüchtlingen. Das ist ein Witz!“

Ehrenamtliche als Lückenbüßer?

Gespräche über Grenzen dicht machen helfen nicht. Verbindliche Sprachprogrammen müssten initiiert werden, sozialer Wohnungsbau gefördert, Kindergärten und Schulen besser ausgestattet und überbetriebliche Lehrwerkstätten eingerichtet werden. Die Arbeit würden Ehrenamtliche machen , sie versuchen einzuspringen, wo der Staat untätig ist oder viel zu langsam reagiert. „Das wird nicht ewig so weitergehen!“, macht die Lehrerin sich Luft.

Zuwanderung – Chance und Pflicht

„Ja, das wird viel kosten“, sagt Friedel Glüder, „aber jeder Staat sollte verpflichtet sein, seine Staatsbürger gut auszubilden und nicht darauf hoffen, die Gebildeten anderer Länder abzufischen. Wenn wir nicht genügend eigenen Nachwuchs haben, um unsere Renten zu sichern und die bestehende Infrastruktur aufrecht zu erhalten, dann müssen wir für die Ausbildung der zuziehenden Menschen bezahlen.“


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