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Anfangs hieß er Station 64 Bahnhof Lotte: Haltestelle für einen Heiler

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Lotte. Ob der Lotter Bahnhof tatsächlich vor allem wegen eines überregional bekannten Heilkundigen geschaffen wurde? Eine Quelle deutet darauf hin. Nur eine von den herrlichen Anekdoten rund um die Anfänge der Bahn im Raum Osnabrück.

Damals standen nicht nur Fortschrittspessimisten dem neuen Verkehrsmittel skeptisch gegenüber: Wagen, die sich ohne vorgespannte Pferde bewegten und dabei auch noch Feuer spien, waren vielen Zeitgenossen unheimlich. Der schwarze Rauch, das Zischen, Fauchen und Stampfen der Dampfloks mag tief liegende Ängste wachgerufen haben.

Deutlich wird das in einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1936. Darin gibt die als „Oma Schulte“ bekannt gewordene Inhaberin des Lebensmittelgeschäfts samt Bäckerei und Gaststätte Am Botterbusch in Lotte zu, dass sie sich bei ihrer ersten Begegnung mit der Bahn vor Schreck an ihrer Nachbarin festgehalten habe. Mit mehreren Leuten habe sie als damals Sechzehnjährige in respektvoller Entfernung von der Bahnlinie und mit leichtem Gruseln den ersten Zug 1856 vorbeifahren sehen. „Jau, man kann dat ja ruhig seggen, aber as de iärste Toch hier vobie keim, da häbt wi us ananner festhauln.“ Andere hätten vor Entsetzen die Flucht ergriffen oder sich an den nächsten Baum geklammert.

Wiederentdeckt hat diese höchst amüsante Geschichte der Wersener Lokalhistoriker Wolfgang Johanniemann, der mit einer Nachfahrin von Friederike Schulte über die längst vergangenen Zeiten plauderte. So erfuhr er auch, dass die Furcht vor der Eisenbahn offensichtlich nicht lange angehalten hatte, denn schon wenig später soll eine Musikkapelle die Eisenbahn am dortigen Bahnübergang mit Tschingderassabum empfangen haben. Schließlich eröffneten sich mit dem beeindruckenden Dampfross neue Horizonte für die Menschen, und der Handel erhielt kräftige Impulse.

Widerstand der Bürger

Die sogenannte Hannoversche Westbahnlinie, an der Lotte zwischen Velpe und Osnabrück liegt, wurde bereits 1856 als erste Bahnstrecke im Osnabrücker Raum in Betrieb genommen. Eigentlich hätte Lotte damals auch sogleich einen Bahnhof in der Nähe des Gasthauses Am Botterbusch bekommen sollen, doch bürgerlicher Widerstand verhinderte den Bau. Dies, so wird erzählt, sei dem Gutsherrn in Velpe sehr gelegen gekommen, der einige Kilometer westlich ein passendes Grundstück für den Bau eines Bahnhofs anbot und den Zuschlag bekam.

Wenig später wurde auf halber Strecke zwischen Lotte und Wersen neben dem Gasthaus Wulff eine Bahnhaltestelle eingerichtet, die, wohl weil sie außerhalb des Ortes lag, einfach „Station 64“ hieß.

Benötigt wurde die Haltestelle unter anderem deshalb, weil zwischen 1857 und 1888 ein heilkundiger Pastor in Lotte von sich reden machte. Während seines zwölfjährigen Aufenthalts als Missionar in Ostindien hatte sich Eberhard Hermann Röttger besondere medizinische Kenntnisse angeeignet und war mit ihrer Anwendung hierzulande offensichtlich so erfolgreich, dass sich sein Ruhm als Heilkundiger von der holländischen Grenze bis nach Hannover verbreitet hatte. „Er hatte stets so viele Kranke, dass mancher Arzt Grund gehabt hätte, ihn darum zu beneiden“, schreibt der aus Wersen stammende evangelische Pfarrer Heinrich Niemöller über seinen Amtsbruder. „Um seinetwillen wurde auf der Strecke Osnabrück–Rheine eine Station angelegt. Die Eisenbahn hatte ihm, wie man sich erzählte, für die Dauer freie Fahrt geschenkt.“

Wolfgang Johanniemann, der diese Geschichte in Niemöllers Erinnerungen aufgetan hat, kann sich auch an „Station 64“ erinnern, aber nicht als Bahnstation. Vielmehr hieß so das Kino, das in den 1960er-Jahren direkt neben dem Bahnhof Lotte vom Gasthaus Wulff betrieben wurde.

Die Bahnstrecke, eine der Magistralen durch das Land, die Osnabrück und Rheine und letztlich Hannover mit Amsterdam verbindet, wurde 1906 zweigleisig ausgebaut. Wohl im Zuge dieser Baumaßnahmen erhielt Lotte um 1910 sein Bahnhofsgebäude, das zunächst ein schlichter kleiner Flachdachbau war und in den Folgejahren erweitert wurde, zuletzt 1968 um einen Stellwerksanbau mit moderner Glaskanzel. Während die Bedeutung der Strecke überregional hoch blieb – in den 1970er- Jahren wurde sie elektrifiziert –, nahm der Personen- und Güterverkehr am Bahnhof Lotte kontinuierlich ab.

„Damals konnten Sie noch von Lotte aus morgens um 6.15 Uhr ohne umzusteigen mit einem Zug fahren, der bis München durchging“, berichtet Hermann Ihnen, der zu jener Zeit als Fahrdienstleiter Dienst tat. In Erinnerung ist ihm vor allem, dass die selbstständige Dienststelle Lotte ein „verantwortungsvoller Posten“ war. Die Schranke über die Wersener Straße sei eine signalunabhängige Anlage gewesen, was bedeutete, dass die Sicherheit allein in der Hand des diensthabenden Beamten lag. „Wenn Sie da nicht hundertprozentig aufgepasst haben, hätte es schiefgehen können.“

Lotte war damals Verladebahnhof für Stückgut und Kohlen, auch Benzol-Kesselwagen und Farben für die benachbarte Farben- und Klebstofffabrik wurden befördert. Zwar habe es in den 70er-Jahren keine „stinkenden Dampfloks“ mehr gegeben, „aber mit der Eisenbahnromantik war es auch vorbei, und wir mussten ganz schön schuften“, erzählt Ihnen. Zur Entspannung hätten er und seine Kollegen dann öfter mal bei „Franken Minna“ auf der anderen Straßenseite telefonisch Würstchen und Kartoffelsalat geordert.

Das ist nun alles Vergangenheit. Und irgendwie hat man das Gefühl, hier sei die Zeit stehen geblieben. Am Gebäude prangt nämlich noch immer das Ortsschild „Lotte“ mit dem Zusatz „Kreis Tecklenburg“. Aber da es hier keinen Personen- und Güterverkehr mehr gibt, macht es wohl auch nichts, dass es keinen Kreis Tecklenburg mehr gibt, der 1975 im Zusammenschluss mit dem Kreis Steinfurt seinen Namen einbüßte.

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