„Liebe allein genügt nicht“ SkF Ibbenbüren qualifiziert Adoptiv- und Pflegeeltern

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Lotte/Westerkappeln. Ein Kind, das sich in den ersten Lebensjahren nicht vertrauensvoll in ein „warmes Nest“ fallen lassen kann, ist gegenüber vielen anderen Kindern benachteiligt. Seelisch-emotionale Nähe und Geborgenheit sind für eine gute Entwicklung unentbehrlich. Es gibt viele Gründe, warum das manchmal nicht gelingt.

Wenn die leiblichen Eltern zum Beispiel alkohol- und drogenabhängig sind, wenn sie psychisch beeinträchtigt sind, unreif und unfähig, das eigene Leben zu meistern, oder wenn sie beziehungsgestört sind und kindliche Bedürfnisse nicht wahrnehmen. Adoptiv- oder Dauerpflegefamilien sind für diese Kinder eine Chance, positive und verlässliche Bindungen neu aufzubauen. So können sie gute Erfahrungen machen, die die schlechten korrigieren, damit eine langfristig gute Entwicklung möglich wird.

Eine passende Adoptiv- oder Pflegefamilie zu suchen für Kinder, die nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen können, ist Aufgabe des Adoptions- und Pflegekinderdienstes – ein Aufgabenfeld, das im Bereich des Kreisjugendamtes Steinfurt neben drei weiteren freien Trägern der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) übernimmt.

Roswitha Göcke ist Mitarbeiterin dieses Dienstes. Die Diplom-Sozialpädagogin hat viel Erfahrung. Die Aufgabe von Adoptiv- und Pflegeeltern erfordere viele Kenntnisse und viel Einfühlungsvermögen, „aber sie erleben auch tiefe Glücksgefühle“, sagt sie. Während Erziehung in Familien normalerweise weitgehend „aus dem Bauch heraus“ geschieht, gelte es für Adoptiv- und Pflegeeltern stets, die Vorerfahrungen, die das Kind in seiner Ursprungsfamilie gemacht hat, zu bedenken. „Liebe allein genügt nicht.“

So werden Paare oder Einzelpersonen, die Adoptiv- oder Pflegeeltern werden wollen, von den Mitarbeitern des SkF in speziellen Kursen geschult und qualifiziert. „Sie müssen viel Übersetzungsarbeit leisten“, sagt Roswitha Göcke.

Ein falsches Signal ist leicht gegeben. Wenn ein Kind zum Beispiel kurz vor der Mittagsmahlzeit nach Essen fragt, heißt es oft: „Das Essen ist in fünf Minuten fertig, solange kannst du doch warten.“ Was normalerweise kein Problem ist, bedeute für ein Kind, das in seiner Ursprungsfamilie Hunger leiden musste, dass es seine schlechte Erfahrung mit Erwachsenen wieder bestätigt bekommt: „Wusste ich‘s doch, bei dir bekomme ich auch nichts zu essen“.

Pflegeeltern müssen wissen, dass das Kind einen ganzen Rucksack voller negativer Erfahrungen mit sich trägt. „Abgegeben worden sein ist eine narzisstische Kränkung. Das findet sich im Selbstwertgefühl wieder.“

Zu wissen, wie man mit seelisch verletzten Kindern umgeht, mit welchem Verhalten man rechnen muss und anzunehmen, dass dieses Verhalten immer einen guten Grund hat, ist Voraussetzung für alle, die ein Pflegekind aufnehmen oder ein Kind adoptieren wollen.

Deshalb werden Pflege- und Adoptiveltern geschult zu Themen wie Bindung und Beziehungstheorie („sie müssen wissen, wie wichtig Sicherheit und Verlässlichkeit für ein Kind sind“), und darüber, wie man neue Eltern-Kind-Beziehungen aufbaut. Dabei sind gute Beratung und Begleitung nötig. Und leider wisse man auch: „Ein gestörtes Urvertrauen kann man nicht nachholen.“

Und auch, wenn die Sicherheit kommt, sei die Bindung störanfällig. Vor allem bei Veränderungen, zum Beispiel beim Eintritt in den Kindergarten oder beim Übergang in die Schule. „Die Kinder reagieren mit dem Anfang ihres Lebens“, sagt Roswitha Göcke. Dann brauchen sie plötzlich wieder sehr viel Nähe. „Das ist schon eine Bürde, die sie ins Leben mitnehmen.“

Anders als früher gehört es heute auch zur Arbeit des Adoptions- und Pflegekinderdienstes, mit den Herkunftseltern umzugehen. Göcke: „Das ist eine gute Veränderung in unserer Arbeit. Der Umgang der Kinder mit den Eltern und der Eltern mit dem Kind hat Grundrechtscharakter.“

Deshalb gelte es, von Anfang an mit ihnen ins Gespräch zu gehen, sie zu fragen, was sie sich für ihr Kind wünschen. „Leibliche Eltern lieben ihre Kinder“, sagt die Sozialpädagogin. Aber: „Sie müssen in eine neue Rolle gehen.“ Sie müssten begreifen, dass sie die Rolle des Bestimmers abgeben müssen.

Der Sozialdienst katholischer Frauen in Ibbenbüren (SkF) bietet zwei Qualifizierungsseminare für Adoptions- und Pflegeeltern pro Jahr mit jeweils sechs bis acht Paaren und Einzelpersonen an. „Im Moment sind wir noch in einer glücklichen Situation“, sagt Roswitha Göcke. Es gebe derzeit genug Bewerber. Der allgemeine Trend sei aber rückläufig, was auch spürbar sei. „Die Bewerber haben klare Vorstellungen und lassen sich nicht auf alles ein“, erklärt die Diplom-Sozial-Pädagogin. Gleichzeitig sei die Zahl der Kinderschutzfälle leicht steigend.


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