Lesefutter macht nicht dick Helmut Spellbrink verewigt Rezepte in Sütterlin

Von Ulrike Havermeyer

Wo Disziplin, Genuss und Fantasie zusammenfinden, fühlt Helmut Spellbrink sich besonders wohl – wie hier beim Studium seiner Kochbücher. Foto: Ulrike HavermeyerWo Disziplin, Genuss und Fantasie zusammenfinden, fühlt Helmut Spellbrink sich besonders wohl – wie hier beim Studium seiner Kochbücher. Foto: Ulrike Havermeyer

ugh Lotte. Wo sich Genussfreude, handwerkliche Akribie und Selbstdisziplin treffen, fühlt sich Helmut Spellbrink am wohlsten. Sein Lieblingsplatz? Ein Schrank voller Kochbücher - und als Draufgabe: eine alte Schreibfeder.

Helmut Spellbrink öffnet die lackierte Schranktür in der Ecke seines Wohnzimmers – und schon purzelt dem Halener ein Schwung Gedrucktes in die Arme. Nein, dies ist keineswegs bloß der leicht überfüllte Lieblingsplatz eines Bücherwurms. Hier treffen vielmehr die unterschiedlichsten Leidenschaften eines ambitionierten Rentners aufeinander: Wenn Helmut Spellbrink sein rustikales Möbel aufsucht, dann tut der 66-Jährige das mit der Absicht, seiner Freude an handwerklicher Akribie, seiner Lust am Kulinarischen sowie verschiedenen Ausprägungen einer selbst auferlegten Disziplin zu frönen.

Kein PC, kein Handy - aber jede Menge Lesestoff

Wer verstehen will, was es mit dem Lieblingsplatz des ehemaligen Betriebselektrikers auf sich hat, braucht Hintergrundwissen. Ein richtungsweisendes Indiz zur ersten Annäherung: Helmut Spellbrink besitzt keinen Computer. Über die Anschaffung eines Handys denkt er ernsthaft nach. „Die Leute sind heute viel zu abgelenkt von der ganzen Reizüberflutung“, sagt der Halener. „Außerdem schreiben sie zu wenig.“ Er legt behutsam eine Handvoll hölzerner Federhalter mit Metallspitze auf den Stubentisch. „Ich dagegen“, erklärt er, „schreibe sehr viel – und zwar mit der Hand. Eigentlich schreibe ich täglich.“ Er nickt zufrieden: „Und ganz wichtig: Ich schreibe fast alles in Sütterlinschrift.“

„Die Leute sind heute viel zu abgelenkt“

Einen weiteren Hinweis liefert der Blick auf die Titel seines opulenten Bücherbestands: „Dr. Oetkers Schulkochbuch. Erscheinungsjahr 1911“. Oder „Henriette Davidis praktisches Kochbuch“ (1. Auflage 1845). Oder auch „Ein nützlicher Helfer für die Hausfrau – Underberg weiß Rat“. Neben Antiquarischem finden sich diverse moderne Rezeptsammlungen, regionale wie internationale Spezialitäten, Vegetarisches und Deftiges. „Früher habe ich gern, gut und viel gegessen“, erzählt Spellbrink. Entsprechend beeindruckend sei seine Statur gewesen – was man dem schlanken, hoch gewachsenen Rentner heute kaum glauben mag. Doch dann kam die Diagnose: Diabetes. Von jetzt auf gleich habe er seine Ernährung umgestellt: „Rigoros und konsequent“ – die Pfunde wichen, das Wohlbefinden stieg. Statt Kartoffelgratin gab es Vollkornbrot. Und er begann damit, Kochbücher zu sammeln. „Auf Trödelmärkten, in alten Buchhandlungen, bei Bekannten auf dem Dachboden.“

Vollkornbrot statt Kartoffelgratin

„Und seitdem liest du dich satt“, schmunzelt Ehefrau Heidi und bringt ein paar weitere Eigenschaften ihres Mannes ins Spiel: „Absolute Geradlinigkeit und Selbstdisziplin.“ Auch wenn es um die Kalorien geht, gilt Sündigen bei Spellbrink einfach nicht: „Bekomme ich Heißhunger auf Sülze, dann gehe ich an meinen Schrank und suche mir verschiedene Rezepte für Sülze heraus, lese mir deren Zutatenlisten durch, die Zubereitungsanweisungen – und sehe das alles vor mir.“ Leidet er bei einem derart detailfreudig ausgelebten Verzicht denn gar nicht? „Nein, überhaupt nicht“, sagt der Freund des vorgestellten Vier-Gänge-Menüs und lächelt entspannt. „Es gibt auch tolle Rezepte für Vollkornbrot.“

„Die Handschrift ist der Ausdruck der Persönlichkeit“

Aber Helmut Spellbrink setzt seiner Konsequenz noch einen drauf: Er studiert seine unessbaren Lieblingsgerichte nicht nur – er hält sie auch fest. Handschriftlich natürlich. Das aktuelle Projekt des Rentners besteht aus einer kunstvoll gebundenen Kladde, die sämtliche bewährte Rezepturen seiner Familie umfassen soll. „Die individuelle Handschrift ist der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit“, sagt der 66-Jährige, tunkt die von Opa Gustav geerbte „Feder für Best“ in das Tintenfässchen – und zieht sorgfältig eine Spur aus schwungvollen Schnörkeln und spitzen Winkeln über das Papier. Seinem Inneren, da sind sich seine Frau Heidi und er einig, entspricht nun einmal perfekt das Sütterlin-Schriftbild: sehr dynamisch, sehr kontrolliert – und sehr gewissenhaft.

Lust auf Sütterlinschrift?

„Wenn sich jemand für die Sütterlinschrift interessiert, kann er sich gern an mich wenden“, ist Spellbrink freimütig bereit, das Wissen darüber weiter zu geben. Seine Erfahrung: Besonders Kindern macht es Spaß, die ästhetisch stilvollen Buchstaben zu erlernen. Willkommener Nebeneffekt: „Sütterlin zu schreiben fördert die Feinmotorik und die Konzentrationsfähigkeit.“ Natürlich dürfen auch Hobbyköche, die auf der Suche nach ausgefallenen Speisen sind, Spellbrinks umfangreiche Rezeptsammlung in Anspruch nehmen: Infos bei Helmut Spellbrink unter Telefon 05404/959640.


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