„Werde ich Theologe?“ Martin Niemöllers Heimat: Lotte und Westerkappeln

Von Franz-Josef Schlie

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Lotte/Westerkappeln. Viele Lebenswege verlaufen im Zeitalter von Globalisierung und hoher Mobilität heute wechselhaft und mit einschneidenden Veränderungen ab. In früheren Jahrhunderten blieben Menschen oft ein Leben lang ihrer heimatlichen Region verbunden und den beruflichen Traditionen ihrer Familien treu. Auch das Leben von Martin Niemöller hätte in dieser Weise verlaufen können.

Nach der Beschäftigung mit der Biografie des weltbekannten evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Martin Niemöller (1892–1984) schildert dieser Beitrag, wie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher überraschend ein Wendepunkt im Leben des U-Boot-Kommandanten vollzog. In Westerkappeln nahm das Leben des Kirchenmannes eine neue Richtung.

Die familiären Bande zu Westerkappeln und dem Nachbarort Wersen hat Martin Niemöller immer wieder betont. Auf eigenen Wunsch fand er seine letzte Ruhestätte in Wersen und wurde dort auf dem alten Friedhof vor 40 Jahren beigesetzt.

In Wersen wurde Niemöllers Vater Heinrich als Sohn eines Lehrers und Kantors geboren. Er wirkte später als Pastor in Lippstadt, wo auch Sohn Martin geboren wurde. In Elberfeld besuchte der vom Kaiser begeisterte Sohn das Gymnasium und schloss 1910 seine Schulbildung mit einem glänzenden Abitur ab. Während dieser Jahre verbrachte der Junge häufiger Ferien bei den Großeltern in Wersen und in Westerkappeln. Niemöllers Mutter Paula stammte aus dem Tecklenburger Land. Als Tochter der Geschäftsleute Gustav und Sophie Müller war sie im Haus an der Großen Straße 17 in Westerkappeln aufgewachsen, ehe sie nach ihrer Heirat 1889 Pfarrersfrau in Lippstadt wurde.

In einem Interview im Monatsgruß der evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln sagte Niemöller 1974 zu seinen Wurzeln in Westerkappeln: „Vermutlich war ich als Vierjähriger zum ersten Mal in meinem Leben, also 1896, in Westerkappeln bei meinen Großeltern Gustav Müller und Sophie, geb. Graeß. Da auch mein Vater in der Nähe in Wersen zu Hause war, ist der Gabelin meine Familienheimat. […] Alle Schulferien habe ich in Westerkappeln und Wersen verbracht, und da habe ich mich zu Hause gefühlt in einem großen Familienkreis von Großeltern, Eltern, Geschwistern.“

Ergriffen von der nationalen Begeisterung des Kaiserreiches, wählt Niemöller eine militärische Laufbahn als Seekadett und wird schließlich im letzten Kriegsjahr des Ersten Weltkrieges U-Boot-Kommandant. Hätte Deutschland den Krieg gewonnen, wäre er als Seeoffizier wohl weiterhin der Marine treu geblieben. Im Januar 1919 aber verweigert er den Befehl, U-Boote an England auszuliefern. Damit ist die Militärlaufbahn beendet, nur eine kleine Pension steht dem nun 27-Jährigen in Aussicht.

Mehrere Möglichkeiten erwägt der von den politischen Entwicklungen nach der Abdankung des Kaisers enttäuschte junge Mann für sein weiteres Leben. Die „Weimarer Republik“, der neue Staat, war nicht das Vaterland, für das er gekämpft hatte.

Ohne über eine sichere Existenzgrundlage für eine Familie zu verfügen, heiratet Niemöller Ostern 1919 Else Bremer, die Schwester eines gefallenen Kriegskameraden. Zusammen überlegte das Paar, Deutschland ganz den Rücken zu kehren. Die jungen Eheleute besuchten etwa Spanisch-Kurse, um nach Argentinien gehen zu können und dort als Farmer ganz neu zu beginnen. Auch der Erwerb oder die Pacht eines kleinen Hofes in der Westerkappelner oder Wersener Region schien eine Alternative. Niemöller berichtet in seinem 1934 erschienenen Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“ ausführlich über diese Monate des Grübelns. Die beginnende Inflation lässt die fast nur in Kriegsanleihen angelegten Geldreserven so schrumpfen, dass der Traum vom eigenen Hof zur Illusion wird.

Um aber für die mögliche Existenz als Landwirt gerüstet zu sein, beginnt Niemöller auf Vermittlung von Verwandten als Eleve auf dem Hof Wieligmann zu arbeiten. Seine „Chefin“ Frieda Wieligmann ist im November 2014 im Alter von 93 Jahren verstorben.

Niemöllers Frau Else arbeitet auf dem sieben Kilometer entfernten Hof Averwerser in Wersen als Magd. In dem 1982 entstandenen Film „Was würde Jesus dazu sagen?“ erinnert sich der hoch betagte Theologe mit Stolz daran, wie er damals körperlich gereift mit den anderen Heuerleuten bei den anstrengenden Arbeiten mithalten kann und manchmal sogar gebremst werden musste.

Am Abend des 17. September 1919 begegnet Niemöller auf dem Rückweg von Wieligmanns Hof dem Westerkappelner Pfarrer Ernst Johann to Settel, der seit 1910 Pfarrer in Westerkappeln war. Der auch schon früher gefasste und mit dem Vater erörterte Plan, ein Theologiestudium zu beginnen, erscheint im Dialog mit dem Pfarrer eine sinnvolle Möglichkeit. Am gleichen Tag noch trägt Niemöller in sein Tagebuch die Frage ein: „Werde ich Theologe?“

Im Müller’schen Hause fiel die das Leben verändernde Entscheidung. Mit der Immatrikulation an der theologischen Fakultät der Universität Münster beginnt das Studium. Während des ersten Semesters wohnen Martin und Else Niemöller noch in zwei Zimmern im Haus der Großeltern.

Mit Rieseneifer lernt der angehende Theologe die ihm noch fehlende Sprache des Hebräischen. Sein Mentor ist Pfarrer Johann to Settel. Nach gut acht Wochen erklärt der Lehrer seinem wissbegierigen Schüler, dieser müsse nun allein weiterlernen, er sei mit seinem „Hebräisch am Ende“ (vgl. „Vom U-Boot zur Kanzel“). Durch die Vermittlung seines Vaters ergibt sich für das junge Ehepaar bald auch eine Lösung der Wohnungsfrage. Im Pfarrhaus des münsterschen Konsistorialrats Kähler kann eine kleine Mansardenwohnung gemietet werden. Nun stehen zum Jahresende 1919 der Abschied von Westerkappeln und der Umzug nach Münster an.

Niemöller idealisiert in dem 15 Jahre später erschienenen Buch diesen Wechsel mit dem Vergleich zur „Vertreibung aus dem Paradies, „denn hier hatten wir als Eheleute die ersten zarten Wurzeln geschlagen und hier – hatten wir gemeint, würden wir unsere Heimat finden“.

Nach dem Studium arbeitete Niemöller beim Diakonischen Werk in Münster. Als Pfarrer ging er 1931 nach Berlin Dahlem. Nach persönlichen Auseinandersetzungen mit Hitler wurde er als dessen persönlicher Gefangener acht Jahre lang in den KZs Sachsenhausen und Dachau inhaftiert.

Im Ausland gewann Niemöller als Widerstandskämpfer weltweit höchstes Ansehen. Nach seiner Berufung zum Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen bereiste er später alle Kontinente.

Doch die Verbindungen zu Westerkappeln blieben bestehen und spielten im Leben des prominenten Kirchenmannes immer wieder eine große Rolle. Als Mitbegründer des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche wird er in ganz Deutschland bekannt. Er nimmt aber auch am Westerkappelner Bekenntnistag im Dezember 1934 teil, wie aus Niemöllers Eintrag in das Gästebuch des Pfarrers Johann to Settel hervorgeht. Zum Programm seiner späteren Besuche im Pfarrhaus des Westerkappelner Pfarrers und Freundes Horst-Dieter Beck gehörte auch häufig ein Wiedersehen mit der Familie Wieligmann in Westerkappeln-Sennlich. Auch den Kontakt zu den Verwandten der Familie Müller pflegte Niemöller bei zahlreichen Besuchen. Das schönste Kompliment hat Niemöller seiner Heimat wohl in dem Buch „Vom U-Boot zur Kanzel“ mit diesen Worten ausgesprochen: „Wenn man mich aber heute nach der schönsten Zeit meines Lebens fragt, dann taucht der westfälische Bauernhof auf der Höhe von Westerkappeln und Velpe vor meiner Seele auf; ein pflügendes Gespann zieht über das Feld, und ich atme den Duft der Heimatscholle und gedenke dankbar jener Genesungszeit, da ich Glauben und Heimat wiederfand.“

Der Beitrag ist in ganzer Länge im aktuellen Kreisjahrbuch 2015 erschienen.


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