Lotte: Kreissportbund informiert Prävention sexualisierter Gewalt in Sportvereinen

Von Ursula Holtgrewe

Den Handlungsleitfaden des KSB empfehlen (von links): Stefan Vögele, Jan Klenke und Uli Fischer. Foto: Ursula HoltgreweDen Handlungsleitfaden des KSB empfehlen (von links): Stefan Vögele, Jan Klenke und Uli Fischer. Foto: Ursula Holtgrewe

Lotte. Auf seiner „Weißte Bescheid?!“-Tour machte der Steinfurter Kreissportbund (KSB) in Alt-Lotte Station. Im Schulungsraum der Sportfreunde trafen sich rund 40 Vereinsvertreter. Jetzt wissen sie, was sie in ihren Sportvereinen zum Schutz der Kinder gegen sexuelle Übergriffe unternehmen sollten.

Beispielsweise einen Kooperationsvertrag mit dem KSB unterzeichnen, in dem sichergestellt ist, dass einschlägig vorbestrafte Täter nicht im Kinder- und Jugendbereich tätig werden.

KSB-Vorstandsvorsitzender und Jugendreferent Uli Fischer betonte bei der dritten von fünf Info-Stationen: „Es geht um Kinder- und Jugendschutz und das Einhalten ihrer Rechte. Schweigen schützt die Falschen!“ Der Sport sei Deutschlands größte Institution für Kinder und Jugendliche. Daher habe auch der KSB die Verantwortung, mit Präventionsarbeit dahingehend einzuwirken, dass es keine sexualisierten Übergriffe im Sport gebe. Denn der Sport vermittele auch Werte und übe Erziehungsfunktion aus, sagte Fischer. Ihn unterstützten an diesem Abend unter anderem Stefan Vögele, stellvertretender KSB-Vorsitzender, und Jan Klenke, Vorsitzender der KSB-Sportjugend.

Mit Enthüllungen und öffentlichen Diskussionen ist vor einigen Jahren ein Tabu gebrochen worden. Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen – überwiegend im familiären Umfeld, aber eben nicht nur dort – wird nicht mehr grundsätzlich verschwiegen. Statistisch machen ungefähr 20 Prozent der Mädchen und ungefähr 15 Prozent der Jungen Missbrauchserfahrungen. Die Täter sind auch Heranwachsende, nicht nur Erwachsene.

Auch Sport- und andere Vereine mit Jugendarbeit können etwas unternehmen, damit es zu verbalen oder tätlichen Übergriffen während der Übungsstunden gar nicht erst kommt. „Stellen Sie den Handlungsleitfaden des Landessportbundes auf Ihre Homepage. Das ist der erste Präventionsansatz“, riet Stefan Vögele. Er verdeutlichte Vorständevertretern, Übungsleitern und anderen Aktiven aus Westerkappeln, Lotte und Laggenbeck, dass es angesichts des allgemeinen Übungsleitermangels für potenzielle Täter interessant sei, einen Übungsleiterschein zu erwerben.

Der Vertrauensaufbau zu den Trainern sei ein „guter Nährboden für Stinkstiefel“, hob Vögele heraus und betonte: „Beim Sport steht der Körper im Mittelunkt. Das ist ein Eldorado für Täter. Missbrauch geschieht nie zufällig. Mit dem Thema müssen wir uns innerhalb der Vereine befassen und beantworten: Wie geht der Verein damit um?“

Gleichwohl, räumte der Referent ein, gehe es beispielsweise beim Geräteturnen nicht anders, als dass der Trainer Hilfestellungen gibt, die mit Körperkontakt einhergehen: „Da gilt es im Sinne des Themas Regeln zu finden.“

Dass Sportvereine gut daran tun, sich eine Selbstverpflichtung aufzuerlegen und von Leitern einen Ehrenkodex unterzeichnen zu lassen, belegte Vögele mit folgendem Erlebnis: Der KSB thematisierte sexualisierte Gewalt bei einem Treffen im Fußballkreis Steinfurt. Dort meinte ein Funktionsträger, es sei gut, darüber zu reden, aber nach seiner Auffassung nicht für Steinfurt zutreffend. Sofort meldete sich ein Vertreter des Kinderschutzbundes und sagte, dass in jüngerer Zeit drei Anzeigen wegen Missbrauchs gestellt wurden.

Ziel des KSB Steinfurt ist, dass jeder Trainer/Übungsleiter in den Vereinen einen Ehrenkodex unterzeichnet. „Wer in NRW eine Übungsleiter-C-Lizenz erwirbt, muss den Ehrenkodex gleichfalls unterschreiben“, sagte Vögele. Weiterer Baustein des KSB-Präventionskonzeptes ist das von Übungsleitern vorgelegte erweiterte polizeiliche Führungszeugnis. „Es geht nicht darum, einen Eierdieb aus dem Verein zu werfen, sondern zu verhindern, dass einschlägig bekannte Täter erst gar nicht zum Zuge kommen“, erklärte Vögele.

Das erweiterte Führungszeugnis ist Wunsch von Jugendamt und Trägern freier Jugendhilfe, wie dem Kinderschutzbund. Aber: Wie gelingt es dem Jugendamt, dass die Vereine mitmachen? „Mit Liebesentzug. Sonst gibt es vom Jugendamt keine Kohle und vom Kreis Steinfurt keine Sportförderung. Und es kann ganz schnell passieren, dass die Kommunen sagen: Wir können keinen Verein fördern, der die Selbstverpflichtung nicht unterzeichnet hat“, sagte Vögele.

Vernehmbar war, dass in allen Vereinen derzeit daran gearbeitet wird, sich klar gegen sexuellen Missbrauch und für Kinderrechte zu positionieren. Damit zufrieden war auch ein Vater in der Runde. Er berichtete, dass sein Sohn sich vor vier Jahren geweigert habe, ins Ferienlager mitzufahren, weil er von den Übergriffen in der Freizeit des Osnabrücker Sportbundes auf Ameland gehört habe.

Uli Fischer berichtete, dass aktuell ein Theaterstück für Kinder zu dem Thema mit einer theaterpädagogischen Werkstatt erarbeitet werde. Zudem durchliefen die Besucher im SF-Schulungsraum einen vierteiligen Mini-Workshop. Ergebnisse stehen kurzfristig auf der KSB-Homepage. Das anerkennende Schlusswort sprach SF-Macher Manfred Wilke: „Der KSB ist der Dachverband für uns als Vereine. Was wir brauchen, sind solche wie euch. Ihr gebt uns gute Ideen, und wir setzen sie um.“

Mehr zu „Weißte Bescheid?!“ unter www.sportangebote-steinfurt.de