„Kunst macht den Mensch zum Menschen“ Kunst: Der Osterberger Wilhelm Plogmann klagt und jubelt

Meine Nachrichten

Um das Thema Lotte Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Lotte. Was ist Kunst? An dieser Frage scheitern viele kluge Menschen. Auch Wilhelm Plogmann aus Osterberg tut sich schwer mit einer klaren, glatten Antwort. Dabei schafft er Kunst, ist Künstler, Maler von Beruf.

Künstler werden wollte er schon immer, erinnert sich der 72-Jährige an die Nachkriegszeit. Papier war knapp, so zeichnete er Karawanen von Heiligen drei Königen auf Zeitungsränder. „Ich konnte ja noch kaum bis drei zählen“, entschuldigt er seine mathematische Unkorrektheit lächelnd. Talent sei ihm in seiner Familie und in der Schule nicht abgesprochen worden. Aber in der Nachkriegszeit musste Geld verdient werden. So lernte er Maler, Anstreicher wohlgemerkt. „Ja, doch, das hat mir auch für meine Kunst später was gebracht“, erkennt er den fachgerechten Pinselstrich an.

Nach der Lehre drängte es ihn dann aber doch zu seiner Berufung. Den Zweiten Bildungsweg begleitete er mit einem Praktikum in Schriftmalerei und Werbegestaltung, lieferte einer Osnabrücker Glasmalerei Entwürfe für Kirchenfenster. Das Studium an der Werkkunstschule beendete er mit dem Examen in freier und angewandter Malerei. Als Kunsterzieher am Fürstenberg-Gymnasium in Recke machte Plogmann 37 Jahre lang aus seiner Leidenschaft sogar einen Brotberuf, versuchte mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, jungen Menschen Augen und Herzen für die Kunst zu öffnen.

Doch trotz der reichen pädagogischen Erfahrung – oder vielleicht gerade deswegen? – hält der Osterberger keine wirkliche Kunstdefinition bereit. „Kunst ist, was ein Künstler schafft, wenn er anerkannt ist.“ Der Zusatz der Anerkennung ist ihm wichtig, weil heute Hinz und Kunz Künstler genannt würden, obwohl das, was sie schafften, sicherlich keine Kunst sei. So wird die Definition zum Kreiselschluss.

Apropos Kreisel. An der sogenannten Kreiselkunst, gerade auch in Lotte, zeigt Wilhelm Plogmann den Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst. „Der Kreisel an der Osnabrücker Straße ist mit gewollter Symbolik zugestopft; nichts bleibt offen und frei interpretierbar, wie wirkliche Kunst es braucht.“

Und weiter: „Die Materialität wurde verfälscht, geradezu vergewaltigt. Dadurch wirkt sie unehrlich und vortäuschend. Bemalter Edelstahl geht gar nicht. Die Figuren stehen steif mit zackigem Gruß, und nur der Rock schwingt. Das Schwergewicht ist auf den Kopf gestellt. Eine optisch schwere Kugel drückt die leichtere Gruppe wie ein Keil von oben auseinander.“ Solche Kriterien hatten die Macher nie bedacht, erhoben auch nie den Anspruch, Kunst zu schaffen. Aber wer weiß das, wenn er durch Alt-Lotte fährt?

Der positive Gegenentwurf ist nicht weit: die Ortskerngestaltung in Osterberg. Zum Teil stehen dieselben Leute wie am Kreisel hinter der optischen Aufwertung des alten Klostergeländes. „Hier haben sie sich aber Fachleute dazugeholt“, betont der Kritiker: Sie hätten das unterschiedliche Material in seiner Charakteristik und Ausstrahlung zu einer Einheit geformt.

„Überall ist der leitende Grundgedanke der Fachleute erkennbar, die ihre Gestaltungsideen in materialgerechte Formen brachten. Unaufdringlich weist der Rost des Stahls auf die unaufhaltsame Vergänglichkeit aller Materie hin und schlägt dadurch einen Bogen zum vergangenen Kloster. Glückwunsch, Osterberg!“

Wilhelm Plogmann leidet unter jeder Missachtung von Kunst, vor allem der modernen Kunst. „Die ist es doch zu jeder Zeit, die die Menschheit voranbringt“, sagt er. „Da sich die Welt weiterentwickelt und mit ihr neue Eindrücke und veränderte Perspektiven entstehen, verändert sich auch das ästhetische Empfinden. Wichtigster Empfänger all dieser neuen Impulse ist der Künstler.“

„Dem Künstler ist es gegeben, dem Betrachter die Welt aus immer neuen und anderen Blickwinkeln aufzuzeigen. Wenn sich die Kunst nicht mehr bewegt, nicht mehr als Avantgarde voranschreitet, dann steht auch die Welt still. Erst die Kunst macht den Mensch zum Menschen.“

Seine nächste Ausstellung – unter anderem mit neuen Acrylgemälden – hat Wilhelm Plogmann zusammen mit seinem Sohn, dem Bildhauer Stefan Donhauser aus Hagen, für das Frühjahr im Kreismuseum Bersenbrück geplant.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN