Die Bahn als technischer Vorreiter Ein ehemaliger Eisenbahner aus Halen erzählt

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Lotte. „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Das trifft auch auf den ehemaligen Eisenbahner Riehemann aus Halen zu, der sich seit 45 Jahren dem Hobby Klein-, Privat- und Schmalspurbahnen in Deutschland widmet. Als Reaktion auf unseren Artikel über die Bauarbeiten am Bahnübergang 103 berichtet er aus der Historie der Bahnstrecke und klärt nebenbei einen Irrtum auf, dem wir bei der Internet-Recherche aufgesessen sind: Das „F“ am Schrankenwärterhäuschen steht keineswegs für „Feldweg“, sondern für „Unbesetzte Fernmeldestelle“.

„Die Tafel ist ein offizielles Signal nach der Eisenbahnsignalverordnung, hier allerdings ein Überbleibsel aus alter Zeit“, schreibt er in seiner ausführlichen E-Mail an die Redaktion. „Das ,F‘-Schild bedeutete früher grundsätzlich ,Fernsprechstelle‘, und das waren bei der Eisenbahn zunächst alle Gebäude (besonders Stellwerke und Schrankenposten), in denen Fernsprecher zu finden waren. Die Eisenbahnen nutzten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bereits umfassend die Möglichkeiten damals neuer Nachrichtentechnik. Da war so ein Hinweis an das Zugpersonal, wo man überhaupt einen Fernsprecher findet, durchaus angebracht“, so der langjährige Eisenbahner, der nach eigenen Angaben jetzt in Altersteilzeit ist. Telefon sei schließlich noch nicht allgemein verbreitet gewesen.

„Dass dieses Schild noch am Postengebäude in Halen hängt, ist zwar längst nicht mehr erforderlich, aber der unterbliebene Abbau sicher auch nicht schädlich“, meint er und verweist auf ein Foto vom ehemaligen Schrankenposten 107 an der Landwehrstraße, dass er selbst am 17. Oktober 1979 aufgenommen habe: „Da sehen Sie auch beim genauen Hinsehen das ,F-Schild; aber die Landwehrstraße ein Feldweg? Im Hintergrund des Bildes übrigens das dortige ehemalige Bahnwärterhaus. Die zu sehende Lokomotive ist eine der Tecklenburger Nordbahn, die damals noch gemeinsam mit der rechts liegenden DB-Strecke die Landwehrstraße kreuzte“, gibt der Halener weitere Aufklärung.

Offenbar veranlasste ihn die eigene Familiengeschichte dazu, die Eisenbahn nicht nur zum Steckenpferd, sondern auch zum Beruf zu machen: Seine Großmutter habe bis in die 1930er-Jahre hinein die Schranken am Halener Posten 109 („später 99“) bedient, berichtet Dieter Riehemann. Und erklärt, wie das kam: „Als die ,Großherzoglich Oldenburgische Staatseisenbahn‘ 1876 die sogenannte Oldenburger Südbahn von Oldenburg nach Osnabrück eröffnete, hatte sie an fast jeder Wegekreuzung ein Wohnhaus, insgesamt ca. 120, zwischen den beiden Städten gebaut. Zu diesen Einfamilienhäusern gehörten kleine Land- bzw. Gartenflächen und Stallungen, die den dort wohnenden Eisenbahnerfamilien in kleinem Umfang auch Tierhaltung ermöglichten. Die Familien mussten in der Regel auch für die Bedienung der örtlichen Bahnschranken sorgen. Meistens war das so, dass die Männer einen Vollzeitjob bei der Bahn, zum Beispiel bei der Bahnmeisterei oder aber einem benachbarten Bahnhof, hatten und die Ehefrauen eben nicht nur den Haushalt führten, sondern auch die Schranken bedienten. In der Nacht waren die Schranken allerdings grundsätzlich geschlossen. Autoverkehr gab’s ja noch nicht, und Fußgänger und Radfahrer konnten mittels eines Drehkreuzes den Bahnübergang auch bei geschlossener Schranke passieren.“

Ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts seien dann Vollzeit-Schrankenwärter im Schichtbetrieb eingesetzt worden. Den habe man nicht den Ehefrauen abverlangen können. Um den Personalbedarf zu begrenzen, seien nur an einigen der kleineren Wegübergänge Bretterbuden als Dienstraum für den Schrankenwärter aufgestellt, Bedienstellen zusammengefasst und einige Schrankenanlagen in Anrufschranken umgewandelt worden. „So weit ich weiß, gab es im Bereich Büren/Halen mindestens 13 solcher kleiner Wegübergänge“, erzählt Riehemann. Deren Schranken seien von drei zentralen Schrankenposten sowie dem Weichenwärterstellwerk im Bahnhof Halen bedient worden. „Die drei Schrankenposten waren der heute noch bestehende Posten 103, der Posten 99 zwischen Halen und Achmer, frühere Bezeichnung Po 109, unmittelbar an der Landesgrenze zu Niedersachsen, und der Posten 107 (früher Po 118) an der Bürener Landwehrstraße“, schreibt der Enkel der Schrankenwärterin des Postens 99.

In den 1960er-/70er-Jahren seien zwischen Halen und Achmer sämtliche Bahnübergänge einschließlich des Postens 99 beseitigt worden. Der Posten an der Landwehrstraße wurde 1980 aufgelassen und durch Installation einer Lichtzeichenanlage mit Halbschranken ersetzt. Nur der Posten 103 blieb bestehen: „Die Auflassung der mit Anrufschranken gesicherten sechs Feldwege beziehungsweise deren zugesteuerte automatische Sicherung scheiterte bereits vor 20 bis 30 Jahren am Widerstand sowohl der nutzenden Landwirte wie der Gemeinde“, erklärt Riehemann.

Damit werde Halen dieses bahnhistorische Relikt wohl noch einige Zeit erhalten bleiben. „Es sind ohnehin die letzten Eisenbahnarbeitsplätze in Halen von gut 20 Stellen, die es noch vor etwa 50 Jahren gab“, klingt bei dem Ex-Eisenbahner auch etwas Wehmut durch.


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