Erbteil weicht Autobahnausbau Lotte: Richters Hof ist bald nur noch Geschichte

Von Ursula Holtgrewe


Lotte. Seit gestern Vormittag gehört der einstige Alt-Lotter Richters Hof dem Land Nordrhein-Westfalen. Die Gebäude auf dem 5000 Quadratmeter großen Areal werden alsbald abgerissen. Dort soll beim Ausbau von A30 und A1 eine Abfahrt entlanglaufen. Damit endet eine rund 500 Jahre alte Familiengeschichte.

Helmut Meyer, Erbe der Liegenschaft, war aus Steinhagen angereist zur Schlüsselübergabe an die Mitarbeiter von „Straßen.NRW“, Ingrid Horsthemke und Georg Wieck. Die Dreiergruppe ging durch das Doppelhaus, protokollierte das Leerräumen und die Übergabe der Schlüssel. Das war’s.

„Die Abfahrt würde quer durch das Haus verlaufen“, sagte Meyer; und wenn nicht durch das Gebäude, dann sehr dicht dran vorbei, räumte er ein. Für den Autobahnausbau habe „Straßen.NRW“ zudem weitere 1,5 Hektar Fläche erworben. Eigentlich habe er das Haus vermieten und das Angebot annehmen wollen, Schallschutzfenster einzubauen.

„Ich habe 150000 Euro investiert zum Beispiel für die neue Dacheindeckung. Dann bekam ich Bescheid, dass das Autobahnkreuz im Rahmen des sechsspurigen Ausbaus von A30 und A1 erweitert werden soll und dass das Land Nordrhein-Westfalen Interesse am Grundstück hat“, berichtete Meyer.

Im verwilderten Garten stehend, sinnierte er: „Hier bin ich vor rund 30 Jahren mit dem Hubschrauber gelandet, wenn ich meine Schwester Renate Pieper besucht habe.“ „Wenn ich an meine Mutter denke, ist das eine traurige Sache. Sie hat durch die Vorerbschaftsregelung für meine Schwester verhindern wollen, dass der Hof in andere Hände fällt. Ich hätte auch nicht zugestimmt, wenn nicht eine Enteignung wegen des Schutzes öffentlicher Belange im Raum gestanden hätte. Prozessieren lohnt sich in solchen Fällen nicht“, betonte Meyer.

Ein letztes Mal ging er in den mit Reet gedeckten Schuppen: „Das ist ein Butenkeller, den meine Vorfahren mit ein Meter dicken Wänden gebaut haben. Er diente als Lager. Hier war es immer kühl“, erklärte er. Auf dem verwitterten Eichenbalken über dem Tor am Südgiebel steht der Spruch „Jesus Christus gestern und heute und daßelbe auch in Ewigkeit“. Lediglich bei den vom Reet etwas geschützten Worten „Jesus“ und „Ewigkeit“ ist zu erkennen, dass die geschnitzten Buchstaben einst Füllungen in Rot, Gelb und Blau hatten.

Mit dem Abriss des ehemaligen Bauernhofes, der vor vielen Jahren zum reinen Wohnhaus umgebaut wurde, verschwindet auch ein baulicher Zeitzeuge der Historie Alt-Lottes. „1512 stand auf einem Sandstein, den wir vom Kamin entfernt haben. 20 Generationen haben hier gelebt“, berichtete Meyer. Der Kamin war die einstige Feuerstelle auf der Diele, die trotz der Umbauten erhalten blieb.

„Vor 500 Jahren wurden hier Femegerichte für besonders schwere Straftaten abgehalten. Auf dem Hof stand eine alte Eiche, die fünf Männer nicht haben umfangen können. Daher hieß der Hof fast vierhundert Jahre lang auch Richters Hof. Den Namen musste jeder annehmen, der hier wohnte. Das war zu Ende, als mein Großvater Gerhard Knost aus Schledehausen um die Jahrhundertwende, also vor gut 100 Jahren, hier einheiratete. ,Ich heiße Knost, und dabei bleibt es‘, hat er bestimmt. Und dabei blieb es“, blätterte Meyer gedanklich in der Familienhistorie zurück.

Die ist am Alt-Lotter Standort beendet, quasi als Opfer zunehmenden Transitverkehrs.