Zuhören ist oft genauso wichtig Ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission Osnabrück

Von Babette Rüscher

Meine Nachrichten

Um das Thema Lotte Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Auch mit dem Rollstuhl kommt Fritz Aißlinger manchmal, wenn die Fahrgäste seine Hilfe auf dem Bahnsteig in Osnabrück brauchen. Foto: Babette Rüscher-UfermannAuch mit dem Rollstuhl kommt Fritz Aißlinger manchmal, wenn die Fahrgäste seine Hilfe auf dem Bahnsteig in Osnabrück brauchen. Foto: Babette Rüscher-Ufermann

Lotte/Osnabrück. Das erste halbe Jahr im Ruhestand genoss er rundum. „Es war wie Urlaub“, meint Fritz Aißlinger. Doch dann kam der Augenblick, da fiel ihm die Decke auf den Kopf. „Die Menschen fehlten mir“, erzählt der pensionierte Pfarrer. Und so kam es, dass er bei der ökumenischen Bahnhofsmission in Osnabrück anklopfte und fragte, ob seine Hilfe gebraucht würde. Seither arbeitet der Wersener dort ehrenamtlich.

„Ich habe immer Interesse an Menschen gehabt, denen es nicht so gut geht. Menschen, die nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, erzählt Aißlinger. Als er in den Ruhestand ging, entschieden er und seine Ehefrau sich, die Pfarrgemeinde in der Grafschaft Bentheim zu verlassen. Der gebürtige Osnabrücker kam vor fünf Jahren nach Wersen nahe der alten Heimat und fühlt sich dort nach eigenen Worten „sauwohl“.

Zweimal in der Woche, dienstags und donnerstags, fährt Fritz Aißlinger zum Osnabrücker Bahnhof. Mit strahlend blauer Jacke ist er als Mitglied der Bahnhofsmission erkennbar, wenn er Menschen am Bahnsteig beim Ein-, Aus- oder Umsteigen hilft. Der Theologe begleitet auch Fahrgäste, die Hilfe brauchen, in Zügen des Regionalverkehrs bis zum Zielort. „Bahnhofsmission mobil“ nennt sich diese Aufgabe. Als Vorbereitung für seine Tätigkeit hat der 68-Jährige Kurse besucht. Zwei Wochenendseminare zum Einstieg und zusätzlich noch Spezialkurse für die jeweiligen Aufgabenbereiche. Die Seminare sind Pflicht. Das sei gut so, findet Aißlinger, denn „wo Bahnhofsmission dransteht, muss auch Qualität drin sein“.

Neben den Bereichen, in denen der pensionierte Pfarrer tätig ist, bieten die Mitarbeiter der Bahnhofsmission die Ein-, Aus- und Umsteigehilfen auch an Busbahnhöfen an. Weitere Aufgaben: Sie begleiten Kinder bei „Kids on tour“. In den Räumen im Bahnhof Osnabrück sind sie Ansprechpartner für Menschen mit sozialen Problemen und laden im Raum der Stille zu Andachten ein.

800 bis 1000 Menschen kommen jeden Monat in die Bahnhofsmission. Im Jahresbericht 2013 heißt es zu den haupt– und ehrenamtlichen Mitarbeitern: „Sie bilden den Anlauf- und Knotenpunkt für viele Menschen, haben ein offenes Ohr und bieten Hilfestellung in den unterschiedlichsten Anliegen.“

„Unseren Mitarbeitern wird viel abverlangt“, meint Heike Becker, die Leiterin der Bahnhofsmission Osnabrück. „Wir haben uns vom hauswirtschaftlichen Bereich zum Dienstleistungsanbieter entwickelt.“ Hinzugekommen sei, dass viele Gäste auch gegenüber den Helfern der Bahnhofsmission aggressiver seien. Deshalb werden alle Mitarbeiter demnächst ein Deeskalationstraining mitmachen.

Fritz Aißlinger erlebt in seinem Ehrenamt, dass er nicht nur als Begleithilfe gefragt ist. Das Zuhören ist oft genauso wichtig. Die Menschen erzählen ihm am Bahnsteig ihre Sorgen. Sie teilen ihre Aufregung mit. Möglicherweise können sie das, weil sie wissen: Diesen Menschen sehe ich nicht wieder. Bei ihm sei Anonymität gewährleistet, erzählt der Theologe. Man könne es mit der Beichte bei den Katholiken vergleichen. Bei den Hausbesuchen als Gemeindepfarrer habe er anderes erlebt. Dort machten alle ein freundliches Gesicht. „Hier am Bahnhof ist Seelsorge viel direkter“, so Aißlinger.

Früher habe er über Diakonie, den Dienst an Armen, gepredigt. „Aber jetzt habe ich umso mehr Praxis.“ Die Arbeit mache ihm Spaß, erzählt der 68-Jährige. „Ich mag den Trubel. Je hektischer es auf dem Bahnhof wird, desto spannender.“ Er habe viele Kollegen, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen. „Das ist toll und noch einmal etwas ganz anderes“, findet der pensionierte Pfarrer. Der einzige Haken an seinem Ehrenamt ist: das frühe Aufstehen. „Das ist für einen Rentner nicht schön.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN