CDU verdoppelt Vorsprung auf SPD Sieg für Karliczek, Respekt für Coße

Von Thomas Niemeyer

<em>Einigermaßen außer Fassung</em> war Anja Karliczek, die sich hier mit ihrem CDU-Kollegen Jens Spahn freut. Foto: Achim GiersbachEinigermaßen außer Fassung war Anja Karliczek, die sich hier mit ihrem CDU-Kollegen Jens Spahn freut. Foto: Achim Giersbach

Steinfurt. Da darf die CDU über einen Erdrutschsieg jubeln: Obwohl die SPD im Wahlkreis 128 Steinfurt III auf niedrigem Niveau leicht zulegte, konnten die Christdemokraten ihren Vorsprung bei den Zweitstimmen nahezu verdoppeln. Und ihre Direktkandidatin Anja Karliczek erreichte satte 11,5 Prozentpunkte Vorsprung auf den SPD-Kandidaten Jürgen Coße.

„Ich bin überwältigt“, versicherte Anja Karliczek gegen 20 Uhr, als sie sich auf dem Weg ins Steinfurter Kreishaus befand. Und ihr war anzumerken, dass sie es wirklich war. Zwar hätten sie und ihre zahlreichen Helfer alles getan, um so ein Ergebnis zu erreichen. Da der Wahlkreis in der Vergangenheit aber immer knapp war und sie mit Jürgen Coße einen extrem erfahrenen Gegner gehabt habe, sei dieses Resultat schon erstaunlich.

„Jetzt wollen wir mal an die Arbeit gehen“, versuchte die 42-Jährige Diplomkauffrau ihre Fassung zurückzugewinnen. Konkret hieß das: Fernsehanalyse zusammen mit Coße im Kreishaus, dann zurück ins heimische Brochterbeck, wo die große Wahlparty auf sie wartete. „Hoffentlich sind die nicht schon alle weg“, scherzte Karliczek; denn da musste sie sich an diesem Abend wohl keine Sorgen machen. Am Dienstag jedenfalls wird die neue Abgeordnete das erste Mal in dieser Funktion in Berlin sein, zuerst in der gestärkten NRW-Landesgruppe, dann in der neuen Fraktion. Ihr Schlusswort gestern Abend: „Das wird wohl noch etwas dauern, bis ich es wirklich begriffen habe.“

Trotz der herben Niederlage zeigte sich Jürgen Coße nach dem Gespräch im Kreishaus in aufgeräumter Stimmung, zumal ihm viele in seinem Umfeld gut zusprachen. „Ich habe mein Ziel verfehlt, den Wahlkreis zu gewinnen – natürlich bin ich da enttäuscht“, sagte er. Aber deshalb sei er nicht am Boden. Das sei eben wie beim Fußball: „Wenn man auf das Feld geht, muss man wissen, dass man auch verlieren kann.“

Seine SPD, so Coße, habe zwar leicht zugelegt, aber eben zu wenig. „Da müssen wir der CDU und ihrer Kandidatin hier im Wahlkreis gratulieren.“ Er selbst habe sich nichts vorzuwerfen, habe alles gegeben, was drin war. Ob sein Listenplatz 35 doch noch reicht, wisse er nicht. Das werde er morgen sehen. „Heute ist mir wichtig, meiner Frau und meinen Eltern zu danken, ohne die das alles nicht ginge.“

„Das ist heute Abend schon sehr, sehr bitter“, klang Grünen-Kandidat Hermann Stubbe angegriffen. Aber es sei in den vergangenen Tagen auf den Straßen handgreiflich spürbar gewesen, wie sich die Stimmung gegen seine Partei drehte. „Das war wie ein Tsunami – da kannst du nicht gegen an.“ Insbesondere die Pädophilen-Debatte habe geschadet. „Das hat die CDU genutzt, um uns mit Dreck zu bewerfen.“ Persönlich habe ihm der Wahlkampf dennoch Spaß gemacht, sodass er es in vier Jahren gerne noch einmal machen würde – „wenn das knappe Ergebnis überhaupt so lange trägt“.

Kathrin Vogler hat ihre Gelassenheit aus dem Wahlkampf beibehalten – angesichts ihrer sicheren Rückkehr über die Linken-Landesliste (Platz 7) in den Bundestag kein Wunder. Und doch: „Die CDU/CSU hätte ich nie so stark erwartet. Das hat mich geschockt.“ Die Niederlage der FDP freue sie. Aber erschreckt habe die 50-Jährige, dass mit der AFD eine Partei mit einem Thema so viele Stimmen hole. Anja Karliczek habe im Grunde einen ebenso unpolitischen Wahlkampf geführt wie die Kanzlerin. Aber das Emotionale habe offenbar gewirkt. Für Jürgen Coße tue es ihr leid, weil der extrem fleißig und wirklich professionell Wahlkampf geführt habe. „Die nächsten 24 Stunden bleiben spannend.“

Glückwünsche nahm gestern FDP-Kandidat Christophe Lüttmann reichlich entgegen: Er feierte seinen 47. Geburtstag daheim in Hörstel. Seine Wahlanalyse fiel deutlich aus: „Das Ergebnis ist ein ganz klarer Auftrag an die gesamte FDP zum Aufbruch.“ Mit der Arbeit der vergangenen vier Jahre sei sie bei den Bürgern nicht angekommen. „Sogar das Richtige ist bei den Bürgern falsch angekommen. Wir müssen uns neu aufstellen, mit Christian Lindner an der Spitze.“

Für die Kommunalwahlen am 25. Mai bringe das Ergebnis der FDP Gegenwind. Doch er sei dabei. Anja Karliczek gratulierte der Liberale. Aber Jürgen Coße sei unter Wert geschlagen worden.