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Ministerialbeamter als Autor Erinnerungen an eine Kindheit in Wersen

Von Erna Berg


Lotte. Kommt Ihnen der freundlich lächelnde junge Mann, der an Tüchters Mühle ein Buch präsentiert, irgendwie bekannt vor? Er wohnt nun in Braunschweig, arbeitete zunächst als Architekt in den staatlichen Hochbauämtern von Leipzig und Magdeburg und ist seit 2005 Ministerialbeamter des Landes Sachsen-Anhalt und zuständig für die Stadtentwicklung und Städtebauförderung. Seine abenteuerliche Kindheit verbrachte er jedoch in Wersen.

Die Rede ist von Maik Grawenhoff. Als Ferienaushilfe bei der Deutschen Bundespost wurde er bekannt wie ein bunter Hund im damaligen Lotte 1. Erinnerungen an seine Familie, Freundinnen, Nachbarn und Bekannten aus vergangenen, unvergessenen Kindheitstagen und die damit verbundene Sehnsucht nach den Menschen in seinem Dorf haben ihn bewogen, ein Buch über seine Heimat und die Menschen dort zu schreiben. Der Titel lautet: „Heimatland am Dütestrand – Post für Lotte 1“.

Mit seinen Eltern Brigitte und Dirk sowie seinen Geschwistern Ines und Ingo wohnte er eine Zeit lang im Postamtsgebäude an der Poststraße, bevor die Familie ins eigene Heim nach Halen zog. Das ehemalige Familienhaus war zu jener Zeit auch gleichzeitig die Arbeitsstätte seines Vaters.

Bekannt sein dürfte der Autor vielen Wersenern aber durch seine Briefzustellung zwischen 1985 und 1995. Da war er als Aushilfe täglich in den Ferien unterwegs – von Haus zu Haus – und brachte die Post für „Lotte 1“. Jetzt können die damaligen Briefempfänger so einige heitere und spannende Geschichten aus Grawenhoffs Postbotenzeit schwarz auf weiß nachlesen – erzählt aus verschiedenen Zeit-Perspektiven und damit unterschiedlichen Wahrnehmungen. Mal aus der Sichtweise eines fünfjährigen oder elfjährigen Kindes, dann wieder aus der Erinnerung als junger Erwachsener, niedergeschrieben in der heutigen Zeit.

„Wichtigste Schauplätze meiner Kindheit waren der Posthof und der angrenzende, für uns Kinder als wundervoll und riesengroß empfundene Garten der Familie Nicolay“, verrät der Autor.

Mit seinen Freundinnen Alexandra, Christiane, Danja, Kirsten, noch mal Christiane und Freund Michael spielte er an den Kalksteinmauern und den nahen Dütearmen am Alten Mühlenweg, auf den Wiesen und Feldern am Herrengarten oder am Mühlengrund. Er erinnert sich an die kleinen Dinge, die das Leben so schön machten. Das konnten ein paar leckere Bucheckern, ein Frosch, Pflanzen in den Steinmauern oder Kopfweiden sein. Alles bekommt in diesem Buch seinen Platz.

In einer von zwölf Einzelgeschichten erzählt Maik Grawenhoff von Bruno Fabeyer, dem polizeilich gesuchten „Waldmenschen“, der Mitte der 60er-Jahre die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzte. Als junger Postbote erlebte er „hautnah“ Ehekrisen und sich nach Liebe sehnende, alleingelassene Ehefrauen mit, wurde wie in der Klischeevorstellung vom Postboten tatsächlich von einem Hund gebissen und in der Praxis von Silke Jung medizinisch versorgt.

Eine große Rolle spielt Kamlages „Tante-Emma-Laden, wie in den schönsten Bilderbüchern beschrieben“. In der kleinen heimeligen Backstube von Rudi Kamlage gab es den besten Bienenstich weit und breit, immer freundlich angeboten von Hermann Ahlemeyer.

Im Hochhaus am Dütestrand überbrachte er Sozialhilfeempfängern im achten Stock blaue Briefe oder die ersehnte Stütze. „Klaus-Dieter Voss passte hier eigentlich überhaupt nicht in das Bild des typischen Werseners. Und genau das machte ihn für mich auf eine gewisse Art sympathisch“, schreibt Grawenhoff über einen ausgefallenen Postkunden. Er war auch jahrelang Messdiener und erinnert sich an Pfarrer Lückmann, dem man schwerlich etwas abschlagen konnte.

„In meinen Geschichten geht es besonders um die Menschen, die dort leben oder gelebt haben. Aber auch um vielerlei nette Begegnungen, die ich aus der Erinnerung heraus in zumeist heiteren Dialogen nacherzähle“, betont Grawenhoff.

Der Leser erfährt so ganz nebenbei auch noch Wissenswertes und Interessantes über die alte Heimat. Woher der Ort Wersen seinen Namen hat, zum Beispiel. Welches Bauwerk zu den ältesten Gebäuden der Gemeinde zählt. Welche Funktion die Mühlen im Dorf hatten oder warum eine bewaldete Anhöhe am Ortsrand von Wersen der damaligen Bevölkerung schon vor über 2000 Jahren als Kultstätte diente.

In seinen persönlichen Erinnerungen denkt der Autor zurück an eine sorgenfreie Zeit in den 1970er-Jahren, die besonders geprägt gewesen sei von heimatlicher Geborgenheit. Sein generationenübergreifendes Buch lädt alle diejenigen zum Lesen und Schmökern ein, die sich mit ihrer Heimat in Lotte 1, mit jener Zeit und dem Autor Maik Grawenhoff verbunden fühlen.