zuletzt aktualisiert vor

Änderungsschneiderei Hexenstich hat guten Zulauf Kleine Wunder ohne große Zauberei

Ein offenes Ohr haben sie für ihre Kunden immer, denn es handelt sich um nette Hexen: Annette Beiderwellen (links) und Heike Schümann. Foto: Astrid SpringerEin offenes Ohr haben sie für ihre Kunden immer, denn es handelt sich um nette Hexen: Annette Beiderwellen (links) und Heike Schümann. Foto: Astrid Springer

Lotte. Sechs große Maschinen und zwei Kleiderstangen haben hier ihren Platz, aus ungezählten Körben blitzen Borten, Stoffe, Spitzen und Garne hervor, im Hintergrund quakt ein Frosch, und über allem schwebt das tapfere Schneiderlein. In ihrem kleinen Atelier im Hexenstich sitzen Annette Beiderwellen und Heike Schümann zwischen Kettel-, Stick- und Nähmaschine, kürzen und säumen, steppen und nähen, ändern, ketteln, weiten, plätten, sticken und trennen, ganz so, als seien sie die Heinzelmännchen persönlich.

Klingt märchenhaft, und was Annette Beiderwellen und Heike Schümann an der Nähmaschine schaffen, hat tatsächlich schon viele begeistert: „Kunden loben uns immer wieder, wir könnten zaubern“, erzählt Heike Schümann. Mit Hexenwerk hat das allerdings weniger zu tun, der Zauber liegt vielmehr in der erstklassigen Handwerksarbeit begründet. Haben die Hexenstichlerinnen die zerissene Lieblingsjeans erst gestopft, kann man die reparierte Stelle nämlich kaum noch ausmachen.

Hexen würden sie manchmal auch gerne können, so voll sind ihre Auftragsbücher. Das wundert kaum, denn vom Brautkleid bis zum Lederanzug kommt im Hexenstich alles unter die Nadel, was in die Maschine passt: Da werden Reißverschlüsse durch Schnürungen ersetzt, Hosentaschen als Stoffbesatz verarbeitet oder gerissene Lederkombis vernäht. Inzwischen erhalten die beiden ihre Aufträge sogar von anderen Änderungsschneidereien. „Die haben Angst um ihre Maschinen“, verrät Annette Beiderwellen hinter vorgehaltener Hand. Dieses Problem fürchten die beiden nicht, getreu dem Motto „Vorm Wegwerfen kommen wir“.

Angefangen hat alles im Wersener Lehrerhaus unterm Dach. Irgendwann wurde es dort zu eng, die Aufträge zu umfangreich. Seit 2005 sind die beiden an der Poststraße fleißig und mit ihrer Dienstleistung sehr gefragt.

Der Name ihres Geschäfts geht auf einen speziellen Stickstich zurück. Gelernt hat Heike Schümann das Schneiderhandwerk von der Pike auf. „Neue Herausforderungen habe ich stets angenommen“, betont sie. Das habe ihr viel Berufserfahrung gebracht.

„Manchmal kann ich selbst kaum glauben, was da über unsere Theke wandert“, erklärt Annette Beiderwellen fröhlich lachend. Spektakulär war beispielsweise auch eine Jagdhose, „an der noch ein Stück Hase klebte“, erzählt die Wersenerin. „Seitdem sind wir dazu übergegangen, verschmutze Kleidung in die Reinigung zu geben“, berichtet Heike Schümann schmunzelnd.

Als sie vor fünf Jahren ihre Türen öffneten, witzelte Annette Beiderwellen noch: „Fehlt nur, dass uns jemand eine Pferdedecke auf den Tisch legt.“ Damals ahnte sie nicht, dass eben das ein wichtiger Geschäftszweig werden sollte. Mittlerweile sind sie für ihre Stickarbeiten nicht nur bei Pferdefreunden bekannt, Firmen und Privatleute lassen im Hexenstich ihre Textilien bearbeiten.

Den Bereich möchte Heike Schümann demnächst ausweiten. Zurzeit eignet sie sich dafür notwendige EDV-Kenntnisse an, um künftig neben Monogrammen und festen Vorlagen auch ganz individuelle Motive arbeiten zu können. Als weiterer Geschäftszweig kamen zuletzt Sitzpolster für Rollstühle hinzu, die sie für behinderte Kinder anfertigt.

Trotz guter Auftragslage ist das Geschäft wirtschaftlich nicht einfach: „Bei vielen Billigtextilien lohnt die Reparatur nicht“, erklärt Heike Schümann. Manche Kunden versuchten, die günstigen Preise noch zu drücken, aber „weiter können wir damit nicht mehr runter“, erklärt sie. Die Preise seien knapp kalkuliert, bisweilen brauche ein Stück sogar mehr Zeit als angenommen. Dann sitzen die beiden auch am späten Abend noch über ihre Maschinen gebeugt.

Trotz alledem aber lieben die Frauen ihre Arbeit, auch weil der Alltag viel Abwechslung bietet. „Es macht uns Spaß, wir haben immer ein offenes Ohr für unsere Kunden“, sagt Heike Schümann. Als Mutter schulpflichtiger Kinder beweist sie ihre Kreativität gleich in mehrfacher Hinsicht, denn über eines ist sie sich im Klaren: „Ich könnte gar nicht mehr ohne den Laden.“


0 Kommentare