"Plötzlich war er nicht mehr da" Zeitzeugen schildern Gesamtschülern ihre Kindheit im Krieg

Hans Sommer (links) und Ulrich Vierow berichteten Schülerinnen und Schülern der siebten Klassen der Gesamtschule über ihre Kindheitserlebnisse im Zweiten Weltkrieg.Foto: GeLoWeHans Sommer (links) und Ulrich Vierow berichteten Schülerinnen und Schülern der siebten Klassen der Gesamtschule über ihre Kindheitserlebnisse im Zweiten Weltkrieg.Foto: GeLoWe

Lotte/Westerkappeln. Wie der Alltag von Kindern aussah, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwuchsen, erfuhren Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Lotte-Westerkappeln von Zeitzeugen.

"Ihr könnt euch nicht vorstellen, unter welchen schrecklichen Bedingungen wir als Kinder gelebt haben – Hunger, Mangel im Alltag, Angst vor Luftangriffen und Leben im Bunker bestimmte unser Leben.“ Ungewöhnlich still war es laut einer Mitteilung der Gesamtschule Lotte–Westerkappeln (GeLoWe) in der Aula, obwohl zwei Klassen des 7. Jahrganges in der Halle versammelt waren. Es wurde weder geflüstert noch gekichert, als jetzt zwei heute 90-jährige Zeitzeugen den Schülern von ihrem Leben und Alltag während des Zweiten Weltkrieges erzählten.

„Wir lebten in einer Diktatur, in der alles verboten war, was nicht dem nationalsozialistischen Regime diente. Diese Kindheitserlebnisse lassen mich nicht mehr los“, erzählt Ulrich Vierow, der wie Hans Sommer zehn Jahre alt war, als das nationalsozialistische Deutschland Polen überfiel und der Zweite Weltkrieg begann.

Ein Leben von Hitler bestimmt

„Unser Leben war durch Adolf Hitler bestimmt. Wir wurden in der Schule schon so manipuliert, dass wir den Ausbruch des Krieges gar nicht problematisiert haben. Vielmehr waren für uns die Panzer und Flugzeuge sehr interessant – wir waren halt Kinder!“

Bombenalarm und die Zuflucht in einen Luftschutzkeller wurden erst im Verlauf des Krieges alltäglich. „Wenn dann die Bomben heulten und das ganze Haus wackelte, hatten wir große Angst.“ Hinzu kam der Hunger, und die große Angst um die Väter, die im Krieg waren.

Ausmaß der Judenverfolgung nicht erfasst 

Von den Gräueltaten des Krieges und dem Völkermord an den Juden erfuhr Ulrich Vierow schon im Jahre 1943 von seinem Vater, der als hoher Offizier über Insiderkenntnisse verfügte. „Im Jahr 1938 saß ich in der Schule neben einem jüdischen Jungen. Plötzlich war er nicht mehr da,“ so Ulrich Vierow. Der Lehrer habe ihm verboten, Fragen zu stellen und darüber zu sprechen. Das Ausmaß der Judenverfolgung haben beide Zeitzeugen nach eigener Schilderung erst nach dem Krieg erfasst.

1944 – der Krieg war zu diesem Zeitpunkt schon verloren - wurden auf Befehl Hitlers unter Einsatz der letzten Reserven „menschlichen Materials“, die mittlerweile 15-Jährigen zum sogenannten Volkssturm berufen. Bewaffnet mit Panzerfäusten sollte verbissen weitergekämpft werden. Beide Zeitzeugen gerieten in Gefangenschaft und nach der Entlassung „hat mich meine Tante nicht wieder erkannt, so abgemagert war ich“, erinnert sich Hans Sommer.

Die Schülerinnen und Schüler der GeLoWe waren von den eindringlichen Schilderung sehr beeindruckt. „Richtig krass, dass der Krieg so normal war“, so die 12-jährige Amelia. Dalal, das syrische Mädchen, das seit einem Jahr in Alt-Lotte lebt, senkte den Blick. Philipp ergänzt: „Wir müssen aufmerksam sein, dass so etwas nicht noch einmal passiert.“


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