Europa fördert autonomen Weg "Buurtzorg" in Lotte lässt Alte und Altenpfleger hoffen

Anstecken ließ sich Markus Pieper vom Enthusiasmus der Buurtzorg-Kräfte Sabine Holtgrewe (links) und Carina Overfeld sowie ihres Chefs Gunnar Sander. Foto: Thomas NiemeyerAnstecken ließ sich Markus Pieper vom Enthusiasmus der Buurtzorg-Kräfte Sabine Holtgrewe (links) und Carina Overfeld sowie ihres Chefs Gunnar Sander. Foto: Thomas Niemeyer

Lotte. Fröhliche Altenpfleger, zufriedene Alte, weniger Vereinsamung – und das alles deutlich kostengünstiger. "Buurtzorg", die niederländische Nachbarschaftshilfe, soll vor allem die ambulante Altenpflege revolutionieren. Und die Europäische Union hat diese vielversprechende Initiative finanziell angeschoben.

Sabine Holtgrewe (58) und Carina Overfeld (31) kennen die Altenpflege, wie sie in Deutschland vorherrscht, aus eigener teils leidvoller Erfahrung. Seit einigen Monaten tragen beide die blauen Buurtzorg-Jacken der Sander Pflege GmbH in Alt-Lotte und sind sich einig: "Es macht riesigen Spaß", sagt die Jüngere, "im Vergleich ist es paradiesisch", schwärmt die Ältere. Und sie schwärmen im Chor mit ihrem Chef Gunnar Sander.

Pflege als Lebensinhalt

Vor 16 Jahren eröffnete er sein Seniorenzentrum Zwei Eichen in Alt-Lotte als stationäre Pflegeeinrichtung, wenig später übernahm er die Betreuung neuer Seniorenwohnungen nebenan und gründete auch noch einen ambulanten Pflegedienst. Ähnliche Paketstrukturen bietet er inzwischen an 16 Standorten zwischen Norderney und Münster an. Der Ruf der Sander Pflege GmbH in der Szene ist excellent.

Von Anfang an suchte der Unternehmer, der die Altenpflege zu seinem Lebensinhalt gemacht hat, den Kontakt zur Politik, um erkannte Defizite anzusprechen und zu beheben. Bereits vor 15 Jahren war er sich mit dem heutigen NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) einig, dass sich unsere Gesellschaft den hohen Standard von Zwei Eichen nicht für alle Pflegebedürftigen leisten kann. Heute ist von Pflegenotstand die Rede.

30 Prozent weniger Kosten

Es war naheliegend, dass Sander rasch auf das von Jos de Blok in Almelo gegründete Pflegemodell Buurtzorg aufmerksam wurde, das sich inzwischen über die gesamten Niederlande ausgeweitet hat. Es wurde wiederholt zum besten Arbeitgeber dort gewählt und hat laut Sander die Kosten der häuslichen Altenpflege um 30 Prozent reduziert. Der Schritt zum Lotter CDU-Europaabgeordneten Markus Pieper war ebenso naheliegend, um dieses Modell auch diesseits der Grenze etablieren zu können.

Vergleichsweise bescheidene 25.000 Euro flossen aus Brüssel über die Euregio in den Austausch zwischen deutschen und niederländischen Pflegekräften. Daraus entstanden unter Sanders Ägide vier Pilotteams in Lotte, Hörstel, Emsdetten und Münster. Carina Overfeld ist seit dem Start zum Jahresbeginn 2018 dabei. Sie und ihre Kollegin erläuterten Markus Pieper, der auf seinen Wahlkampftouren auch die Folgen der EU-Förderungen nachhält, welche Vorteile Buurtzorg den Menschen bringt.

Schlaraffenland der Pflege

Das klingt dann schon nach Schlaraffenland: Die Buurtzorg-Pflegekräfte sind nicht gestresst, sondern begeistert; für die Patienten bleibe mehr Zeit; in dem betreuten Umfeld nehme Vereinsamung ab; und das alles koste auch noch weniger, obwohl Pflegekräfte in den Niederlanden deutlich besser verdienen. Das aber wird nicht durch betriebswirtschaftliche Effizienzmodelle erreicht, sondern durch ein Mehr an Autonomie.

"Unsere maximal zehnköpfigen Buurtzorg-Teams arbeiten völlig autonom, ohne Pflegeleitung", erklärt Gunnar Sander stolz. Sie allein entscheiden, wer zum Team gehört und wer vom Team betreut wird, und sie organisieren sich und ihre Arbeit selbstständig. "Das funktioniert besser als im alten System", bestätigt Carina Overfeld, die als alleinerziehende Mutter problemlos ihre Arbeitszeiten im Team der Situation anpassen konnte.

Autonomie auch für Kunden 

Der Wegfall von Führungspersonal alleine erklärt den Kostenvorteil aber noch nicht. Buurtzorg krempelt auch die Finanzierung um. Während die Kassen bisher bestimmte Bausteine mit festen Sätzen entlohnen, gibt es hier ausschließlich Stundensätze. "Bei manchen Senioren dauert das Aufstehen, Waschen und Anziehen morgens über eine Stunde, bei anderen 15 Minuten", erklären die Fachleute den Hintergrund. Die Fallpauschalen sorgen für Zeit- und Kostendruck, sodass die Pflegedienste danach streben müssen, ihnen weitere Bausteine zu verkaufen.

Die Stundensätze sorgen im Gegenteil dafür, dass sich die Buurtzorg-Kräfte auf ihre Fachleistungen konzentrieren und sich im Umfeld ihrer Kunden nach Personen umsehen, die leichte Aufgaben wie Medikamentengabe, Duschen, An- und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen übernehmen können. Das fordere ein Umdenken, führe aber zu mehr Autonomie der Senioren und ihrer Familien. Und manch rüstige Rentnerin findet plötzlich wieder eine Aufgabe.

Weniger Verwaltung, mehr Effizienz

Als Nebeneffekt bringen die Stundensätze um ein Drittel geringere Verwaltungskosten und indirekt auch mehr Effizienz. "Da wir für einen Ort wie Alt-Lotte zuständig sind, geht das Phänomen zurück, dass sich hier diverse Pflegedienste aus unterschiedlichsten Orten überlappen", erklärt das Gunnar Sander. Das Buurtzorg-Team stelle quasi die Rückkehr der Gemeindeschwester in die Nachbarschaft dar. Man kenne die Menschen, ihre Nöte und Wünsche und kümmere sich gezielt darum.

Zeitweise haben die euphorischen Berichte der Pflegeprofis den Wahlkämpfer Pieper sprachlos gemacht. "Ich erlebe gerade eine Horizonterweiterung", sagt er am Ende hörbar beeindruckt. "Praktizierte Nächstenliebe, mehr Selbstverantwortung, Autonomie, Subsidiarität, das sind doch alles christliche Werte, die hier gelebt werden." Er sei stolz darauf, dass er das aus EU-Mitteln mit anschieben durfte. Er hoffe, dass sich die parallel angebahnte Kooperation gegen Krankenhauskeime ähnlich positiv entwickele.

Stolz auf die eigene Arbeit

Stolz ist auch Carina Overfeld auf ihre neue Arbeit. Kürzlich durfte sie das Modell bei der Pflege-Messe in Nürnberg vorstellen. Das Interesse an Buurtzorg sei bei den Kollegen aus allen Bereichen riesig gewesen. Und Gunnar Sander denkt schon wieder weiter, will als nächstes ein neue stationäre Pflegeeinrichtung nach den Buurtzorg-Prinzipien eröffnen.


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