Blühwiesen statt Steinwüsten Wie Lotte dem Trend zum Kiesgarten begegnet

Steingarten ist nicht gleich Steingarten: Diese mit blühenden Staudenpolstern überwachsene Grundstückseinfriedung aus Bruchsteinen und Holzbalken bietet Kleintieren und Insekten Unterschlupf.Steingarten ist nicht gleich Steingarten: Diese mit blühenden Staudenpolstern überwachsene Grundstückseinfriedung aus Bruchsteinen und Holzbalken bietet Kleintieren und Insekten Unterschlupf.
Angelika Hitzke

Lotte. Schotter, Kies, Pflastersteine und Gabionen, aufgelockert höchstens noch von ein paar Gräsern oder einzelnen, penibel in Form gedrechselten Bäumchen – der Trend zu Grau statt Grün im Vorgarten macht auch vor den neuen Wohngebieten in der Gemeinde Lotte nicht halt. Wir wollten von Verwaltung und Fraktionschefs wissen, wie sie gegensteuern wollen, um Amsel, Biene, Hummel und Co. Nahrung und Lebensraum zu sichern.

Ursula Wilm-Chemnitz, Umweltbeauftragte in der Gemeindeverwaltung, hält Verbote wie in einigen anderen Kommunen des Nachbarlandes Niedersachsen bereits beschlossen für nicht zielführend. Sie habe mit ihrer Kollegin Margarete Lersch aus dem Bauamt die Diskussion und die Berichte darüber in den Medien genau verfolgt. 

Die möglichen Hebel in der Bauleitplanung, nämlich über die Anrechnung als Versiegelungsfläche oder über Gestaltungsvorschriften, sind in ihren Augen nicht unproblematisch: "Dann muss man auch sagen, wer das kontrolliert und welche Konsequenzen das hat," gibt sie zu bedenken, 

Schließlich greife man mit Verboten auch in Eigentumsrechte ein. "Ich persönlich bin der Meinung, man muss das zu Ende denken. Versiegelung ist ziemlich gut definiert. Aber es krankt an der Überprüfung: Wie soll ich durch bloßen Augenschein wissen, ob unter dem Kiesbett Folie liegt oder ob es durchlässig ist?", sagt sie und betont: "Aufsichtsbehörde ist eigentlich der Kreis." Die Gemeinde jedenfalls hat keine personellen Kapazitäten dafür.

Über den Gartenmarkt, der am 27. April zum zweiten Mal stattfindet – diesmal an der Elly-Heuss-Begegnungstätte in Büren – , versuche die Gemeinde, fürs Entsiegeln von Grundstücksflächen und für eine naturnahe, für Bienen, Insekten und Vögel attraktive Gartengestaltung zu werben. "Mit Überzeugungsarbeit sind wir auf der sicheren Seite", so die Mitarbeiterin der Gemeinde. Auch Margarete Lersch setzt darauf, das Bewusstsein der Bürger für die nachhaltige Vorgartengestaltung zu schärfen.

FDP gegen Reglementierung

Ganz ähnlich sieht das FDP-Fraktionschef Friedhelm Pösse. Er hält Verbote für "überzogen" und setzt "auf Freiwilligkeit und gesunden Menschenverstand". Dem Wunsch vieler Kiesgarten-Anleger nach möglichst wenig Pflegeaufwand bringt er Verständnis entgegen: "Mit der Gartenpflege ist das bei älteren Leuten nicht so einfach."  Pösse setzt ebenfalls auf Überzeugungsarbeit und unterstreicht: "Wir können nicht ständig alles reglementieren."

Kiesbeete machen auch Arbeit

Das Argument, das Steinwüsten weniger Arbeit machten, lässt Bauamtsmitarbeiterin Lersch nicht gelten und verweist auf Flugsaat und Laubfall: "Das stimmt nicht. Nach zwei, drei Jahren hat sich auch im Schotterbeet Substrat gebildet", erklärt sie und meint: "Das ist einfach ein Modetrend."

Diskussion am Anfang

Baurechtlich gebe es leider keine Möglichkeit, "im Bestand was zu machen". Für zukünftige Baugebiete seien aber Gestaltungsvorschriften denkbar. Die politische Diskussion darüber stehe aber ganz am Anfang: "Man muss alle Aspekte abwägen: "Es muss dann ja auch kontrolliert und bei Zuwiderhandlung ordnungsrechtlich geahndet werden. Wer soll das machen?"

"Wir machen schon viele bienenfreundlche Sachen", sagt CDU-Fraktionschef Werner Schwentker und betont: "Ich habe persönlich eine Aversion gegen Steingärten. Meine Frau setzt sich auch sehr stark dafür ein, die durch blühende Pflanzen zu ersetzen." Grundsätzlich hält er es für "eine gute Idee, die Vorgartengestaltung in die Festsetzungen für neue Baugebiete aufzunehmen". Aber: "Besser ist es, mit den Landwirten Blühstreifen und -wiesen anzulegen", meint Schwentker. Er wolle das Thema gerne in der Fraktion ansprechen, 

Ökologische Katastrophe

"Wir diskutieren das gerade", berichtet Grünen-Fraktionsvorsitzender Dieter Hörnschemeyer. Klärungsbedarf sei da, denn alles, was die Baumärkte anböten, werde auch verbaut. "Man muss den Königsweg finden. Kiesgärten sind sicherlich Geschmackssache, aber ökologisch eine Katastrophe. So ein paar Gestaltungsvorschriften kann man machen, zum Beispiel die Heckenhöhe begrenzen.. Doch die Umsetzung ist schwierig; das lässt sich gar nicht kontrollieren", so Hörnschemeyer.

Vorbildfunktion der Gemeinde

Der Grünen-Fraktionschef hebt die Vorbildfunktion der Kommune(n) hervor. Zum Argument der Pflegeleichtigkeit sagt er, die könne man auch mit "ganz normalem Rasen" erreichen: "Irgendwas machen muss man immer." Handlungsbedarf sieht er vor allem in der Information der Grundstücksbesitzer darüber, was man machen kann, um Ökologie und möglichst wenig Arbeitsaufwand unter einen Hut zu bekommen. "Natürlich hätten wir gerne naturnähere Gärten, aber auf alle Fälle freiwillig", ist seine Meinung. In der Fraktion gebe es aber auch andere Positionen; das werde durchaus unterschiedlich diskutiert.

Eintönigkeit

"Wir haben gerade in unserer Vorstandssitzung gesagt, dass es Thema sein muss für künftige Bebauungspläne", erklärt SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Giebel dazu. Es gelte, der "doch sehr eintönigen Vorgartengestaltung in manchen Wohngebieten" entgegenzuwirken, die ja die Bemühungen der Gemeinde um insektenfreundliche Blühflächen konterkariere. So habe man im Ausschuss auch schon angesprochen, dass mehr Regelungen erforderlich seien, um zum Beispiel hohe graue Plastikflechtzäune zu verhindern. 

Hecken statt Plastikflechtzäune

Im neuen Baugebiet Boyersweg in Alt-Lotte seien "lebende Begrenzungen" der doch recht kleinen Grundstücke zur Straße hin festgesetzt, allerdings keine Gestaltungsvorschriften für die Vorgärten. Da hier das Verfahren bereits laufe, sei hier der Zug abgefahren, wolle man nicht wieder ganz vorn vorn anfangen. "Aber wir wollen uns für weitere, zukünftige Baugebiete in den Gestaltungssatzungen damit beschäftigen", kündigte der SPD-Fraktionschef an.


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