„Bei uns ist Humor Lebenelixier“ Margarete Lersch über Karneval in Köln und Lotte

Eine echte rheinische Frohnatur ist Ingenieurin Margarete Lersch, die seit zwei Jahren im Bauamt der Gemeinde Lotte arbeitet. Geißbock Hennes, das Maskottchen vom 1. FC Köln, und der Zollstock mit den aufgedruckten elf Artikeln der „Kölschen Grundgesetzes“ sind immer dabei. Foto: Angelika HitzkeEine echte rheinische Frohnatur ist Ingenieurin Margarete Lersch, die seit zwei Jahren im Bauamt der Gemeinde Lotte arbeitet. Geißbock Hennes, das Maskottchen vom 1. FC Köln, und der Zollstock mit den aufgedruckten elf Artikeln der „Kölschen Grundgesetzes“ sind immer dabei. Foto: Angelika Hitzke

Lotte. Seit zwei Jahren verstärkt die Ingenieurin Margarete Lersch, die zuvor bei der Kreisentwicklung und -planung Düren tätig war, das Team im Bauamt der Gemeindeverwaltung Lotte. Mit ihrer lockeren, direkten Art bringt sie frischen Wind in die Sitzungen der Ratsgremien. Im Gespräch verrät die Kölnerin, wie sie sich als Rheinländerin in der Karnevals-Diaspora an der Grenze zu Niedersachsen fühlt und wie sie das närrische Treiben in diesem Winkel Westfalens sieht.

Frau Lersch, dass Sie Rheinländerin sind, ist unüberhörbar. Kommen Sie direkt aus Köln?

Ja, ich bin gebürtige Kölnerin, aber als Kind relativ früh weggezogen, weil mein Vater versetzt wurde. Meine Eltern sind Kölner, Oma und Opa sind Kölner und überhaupt: einmal Kölner, immer Kölner, was anderes gibt es nicht. Mein Hennes ist immer dabei (zeigt auf die Ziegenbockfigur, der auf dem Aktenschrank im Büro steht).

Der Hennes?

Ja, der Geißbock ist das Maskottchen vom 1. FC Köln. Dass ein Fußballverein einen Ziegenbock als Maskottchen hat, ist schon ein Zeichen für Humor. Ich bin jetzt Fan von Lotte und von Köln. Wir Kölner sind tolerant und können auch Fans von zwei Vereinen sein – nur nicht von Düsseldorf.

Sie sind ja jetzt seit zwei Jahren hier. Was sind denn die Unterschiede zwischen der Lotter und der Kölner Mentalität?

Die Mentalität wie ein Kölner hat keiner sonst. Meine Freunde haben damals gesagt, wie kannst du nur weggehen. Ich muss sagen, ich habe manchmal Heimweh zwischendurch, aber ich habe es nicht bereut. Die Menschen hier sind freundlich und nett, haben aber einen anderen Humor. Grünkohl und Korn verweigere ich nach wie vor, und vernünftiges Bier habt ihr hier auch nicht. Ich vermisse Kölsch.

Wie hat es Sie denn überhaupt nach Lotte verschlagen?

Mein Freund ist Osnabrücker, wir hatten lange eine Fernbeziehung. In der Samstagszeitung hatte ich dann gesehen, dass im Lotter Bauamt eine Stelle ausgeschrieben war. Die Anzeige habe ich mir ausgerissen, in die Hosentasche gesteckt und mit in den Urlaub genommen. Ich habe das dann mit meinem Freund besprochen und mich dann beworben.

Was bedeutet Ihnen die närrische Session?

Karneval ist nicht gleich Karneval. Bei uns ist Humor Lebenselixier, nicht nur an drei oder vier Tagen im Jahr. Hier wird Karneval angeknipst, und dann sollen alle lustig sein. Das ist schwierig. Wir haben Karnevalslieder, zum Beispiel von BAP, die singen wir das ganze Jahr. Hier ist das mehr so Mallorca-Party. Bei uns im katholischen Rheinland hat das eine lange Tradition, vor der Fastenzeit noch einmal richtig das Schwein fliegen zu lassen. Da sind sich alle einig, vom Arbeiter bis zu Obrigkeit und Kirche. Köln ist ja eine sehr alte Stadt und gehört zu den ältesten Karnevalshochburgen der Welt. Der Ursprung ist der Straßenkarneval, wo Hinz und Kunz und alles durcheinander feiert. Das war sicher auch durchwoben mit heidnischen Bräuchen, um den Winter auszutreiben. Kleine Umzüge von Haus zu Haus in Verkleidung und sich vor Fastenbeginn ein paar Tage den Wanst vollzuschlagen sind schon aus dem 13. Jahrhundert belegt. Der organisierte Karneval stammt aus dem 18. Jahrhundert, im Barock wollte man dem Ganzen eine Form geben. So entstanden die Garden und die Uniformen. Aber eigentlich ist es eine Lebenshaltung. Das kölsche Grundgesetz sagt alles über uns.

Das kölsche Grundgesetz?

Ja, das hat elf Artikel: Et es wie et es (Es ist, wie es ist: Sieh den Tatsachen ins Auge), Et kütt, wie es kütt (Es kommt, wie es kommt: hab keine Angst vor der Zukunft), Et hätt noch immer jot jejange (Es ist noch immer gut gegangen: immer mit der Ruhe), Wat fott ist, is fott (Was weg ist, ist weg: trauere ihm nicht nach), Et bliev nix wie et wor (Nichts bleibt wie es war: sei offen für Neues), Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet (kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit: sei kritisch, wenn Neuerungen überhand nehmen), Wat willste maache (Was willst du machen?: stemme dich nicht gegen das, was du nicht ändern kannst), Mach et jot, avver nit ze off (Mach es gut, aber nicht zu oft: halte Maß, achte auf deine Gesundheit), Wat soll dä Quatsch? (Was soll der Quatsch: die Universalfrage), Drinkste eine met? (Trinkst du einen mit?: komme dem Gebot der Gastfreundschaft nach) und Do laachste dich kapott ( Da lachst du dich kaputt: bewahre dir den Humor). Das ist eine Lebenshaltung und die Maxime der U-Kölner, das könnte man sogar mit dem chinesischen Tao gleichsetzen.

Wie und wo werden Sie dieses Jahr Karneval feiern?

Wer Karneval richtig feiern will, muss nach Köln fahren. Letztes Jahr saß ich Rosenmontag hier am Schreibtisch, früher war das ja immer Feiertag für mich. Wenn dann die alten Freunde Bilder aus den Kneipen schicken, wie sie da feiern, ist das schon hart. Ich weiß noch nicht, ob ich nach Köln fahre. Aber wenn, dann nicht zu Sitzungen, sondern zum Straßenkarneval. Sich jeck kostümieren, durch die Kneipen ziehen, Bützchen verteilen.

Was ist denn mit der Stunksitzung?

Die ist gut. Der Kölner Karneval ist ja hochpolitisch. Da sagt das Volk der Obrigkeit und der Kirche mal richtig seine Meinung und darf das auch. Auch die Kölner Frauen, die Wiever und Möhnen, waren schon immer sehr emanzipiert und gefürchtet. Mein Hauptfeiertag ist Weiberfastnacht, der Tag, an dem das Rathaus gestürmt wird und die Frauen regieren: Das Schönste ist, sich mit Freundinnen total verrückt zu verkleiden und von Kneipe zu Kneipe zu ziehen, bis man nicht mehr kann. Die Männer kriegen die Krawatten abgeschnitten, was eine Art Kastrationsritual ist. Je mehr „Skalps“ eine Frau gesammelt hat, desto angesehener ist sie.

Welche Rolle spielt die Kostümierung?

Früher war das so, dass jede Gilde, jede Kaste ihre Kleidung hatte. Im Karneval sind aber alle gleich und damit man die gesellschaftlichen Unterschiede nicht sieht, hat man sich verkleidet. Und man kann in eine völlig andere Rolle schlüpfen: Es macht Spaß, das Kind in einem auszuleben, das ist einfach toll! Ich war schon als Putzfrau mit Klobürste und brauner Farbe dran unterwegs, als Friseurin, Marienkäfer oder Pirat. Man ist halt nicht mehr man selber und kann dann besser über die Stränge schlagen.

Geht Karneval feiern auch ohne Alkohol?

Kölsch ist ja kein Alkohol, das ist Medizin. Ein bisschen enthemmt sein gehört dazu. Betrinken darf man sich natürlich nicht, dann ist der Spaß ja vorbei. Man muss sein Maß kennen und keinen Schnaps dazwischen trinken, das endet böse. Ab einer gewissen Uhrzeit ist es aber vielleicht auch ganz lustig, sich nüchtern über das Treiben der Verrückten zu amüsieren. Karneval ist ja auch Verulken: Man muss sich auch selber auf den Arm nehmen können. Dann ist das Leben nur noch halb so schlimm.

Haben Sie einen Lieblingskarnevalsverein?

Nee, ich lege mich nicht gern fest. Für mich ist das ein kleiner Widerspruch, wenn man locker feiern will und dann alles so ritualisiert ist. Und vorne sitzen die VIPs. Wenn ich sehe, was es da für ein Hauen und Stechen gibt, wer Prinz wird oder auf dem Prinzenwagen mitfahren darf – das ist Kölner Klüngel und Filz. Damit will ich nichts zu tun haben. Dafür ist Karneval zu schön.

In Lotte gibt es ja den wohl kleinsten Rosenmontagsumzug in NRW. Haben Sie nicht mal Lust, da mitzumachen und den richtig aufzumischen?

Ich habe mich hier tatsächlich noch nicht damit befasst. Aber Helga Strübbe und ich haben uns schon mal spaßeshalber überlegt, ob wir nicht nächstes Jahr auf dem Landfrauenkarneval zusammen in die Bütt gehen. Dann denken wir uns schöne Kostüme aus und ab geht die Luzie!


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN