„Schiene attraktiver als Bus“ Nordbahn-Befürworter wollen zum Umstieg bewegen

Der Strotheweg: Die viel befahrene Verbindungsstraße nach Osnabrück, die nur auf einer Seite einen schmalen Fuß/Radweg aufweist, wird in Büren von Bahngleisen flankiert. Hier könnte künftig die Tecklenburger Nordbahn von Recke nach Osnabrück fahren – dann könnte es eng werden. Es sei denn, der Verkehrsraum wird völlig neu aufgeteilt und der Autoverkehr weitgehend verbannt. Archivfoto: Astrid SpringerDer Strotheweg: Die viel befahrene Verbindungsstraße nach Osnabrück, die nur auf einer Seite einen schmalen Fuß/Radweg aufweist, wird in Büren von Bahngleisen flankiert. Hier könnte künftig die Tecklenburger Nordbahn von Recke nach Osnabrück fahren – dann könnte es eng werden. Es sei denn, der Verkehrsraum wird völlig neu aufgeteilt und der Autoverkehr weitgehend verbannt. Archivfoto: Astrid Springer

Lotte. Die meisten Bürener und auch viele Wersener sind dagegen. Doch in der Gemeinde Lotte und mehr noch in der Region Osnabrück und Tecklenburger Land gibt es eine Menge Fürsprecher, die über den Tellerrand eigener Interessen hinaus übergeordnete Gesichtspunkte ins Feld führen: Die Rede ist von der möglichen Reaktivierung der Tecklenburger Nordbahn (TNB).

Dieter Hörnschemeyer, Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen im Gemeinderat, wohnt selbst in Büren nicht weit von der Nordbahn-Trasse und gegenüber der Regenbogengrundschule. Er hat gerade erst in einer öffentlichen Ausschusssitzung zwar eingeräumt, dass die Verkehrssituation am Strotheweg „seit Jahrzehnten eine Katastrophe“ ist, aber zugleich die Hoffnung geäußert, dass die TNB-Reaktivierung die Chance zu einer Neuordnung des Verkehrsraums und damit zu einer Verbesserung der Situation für alle Verkehrsteilnehmer eröffnen könne. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den Personenverkehr auf der Schiene für ökologisch sinnvoll hält, und darauf hingewiesen, dass die Bahn schließlich schon vor den Häusern der Anwohner da war.

Bahnlinie 1903 eröffnet

In der Tat wurde die TNB zunächst als Schmalspurbahn von Eversburg nach Recke bereits 1903 eröffnet. „Bedingt durch die Tecklenburger Nordbahn kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung der an die Bahn angeschlossenen Gemeinden,“ heißt es bei Wikipedia. Von 1933 bis 1935 wurde die Strecke auf normale Spurbreite umgebaut und der Personenverkehr bis Osnabrück Hauptbahnhof weitergeführt.

Zu den Befürwortern gehört auch Dieter Riehemann. Der inzwischen pensionierte Eisenbahner aus Halen ist wie der Georgsmarienhütter Kreisgeschäftsführer der Grünen im Landkreis Osnabrück, Johannes Bartelt, und Thomas Polewsky, Mitglied im Klimabeirat und in der Stadtbahn-Initiative Osnabrück, in der Pro-Reaktivierungs-Bürgerinitiative Tecklenburger Nordbahn. Bartelt war und ist zudem Sprecher der Initiative Haller Willem, die sich erfolgreich für die Reaktivierung der Strecke und des Personenverkehrs zwischen Osnabrück und Bielefeld eingesetzt hat.

Bahn komfortabler als Bus

Dieter Riehemann, der auch ein Buch über die Tecklenburger Nordbahn geschrieben hat, sieht in der TNB-Reaktivierung trotz funktionierender Busverbindungen den größeren Anreiz zum Umstieg auf den ÖPNV. Er spricht vom „Schienenbonus“, der sich bundesweit überall da zeige, wo Schienenverkehr angeboten wird: „Der wird dann mehr genutzt als der Bus“, so der Halener. Während jüngere Menschen am Bahnbetrieb die Schnelligkeit schätzten und dass weniger Stopps die Fahrt unterbrechen, komme gerade älteren Fahrgästen die Barriere- und Erschütterungsfreiheit sowie der Komfort entgegen: Man könne nicht nur Fahrräder und Kinderwagen besser mitnehmen, sondern auch Rollatoren und Rollstühle. „Auch wichtig, gerade für Ältere, ist eine Toilette in der Bahn“, meint Riehemann und betont: „Busse halten dauernd und stehen wie Autos im Stau.“

Vernetzung wichtig

Die Fahrgastzahlen des RVM-Busses S 10, so führt er als weiteres Argument an, stagnierten bei rund 1200 am Tag. Ziehe man den Schülerverkehr ab, sei da noch mächtig „Luft nach oben“. Um aber auch Bürger, die nicht auf den Bus angewiesen sind, zum aus Klimaschutzsicht sinnvollen Verzicht aufs eigene Auto zu bewegen, brauche man ein attraktives Angebot auf der Schiene, das mit Bus oder Taxibus für den Streuverkehr vernetzt werden müsse.

Kita-Kinder vorbereiten

So sehen das auch Johannes Bartelt und Thomas Polwesky. Bartelt stellt in der Nordbahn-Diskussion Parallelen zu den Bedenken fest, die seinerzeit in Zusammenhang mit der Haller-Willem-Reaktivierung insbesondere in Sutthausen und in Kloster Oesede vorgebracht wurden. Dort gebe es die erwarteten Klagen wegen Lärmbelastung nicht, weil die Züge „überraschenderweise so still geworden sind“, dass Anwohner im Gegenteil befürchteten, das Fußgänger das Herannahen an den Übergängen zu spät zu bemerken würden. Die Kinder aus dem Waldkindergarten nahe der Dütekolk-Siedlung im Hörner Bruch seien von den Erzieherinnen deshalb im Vorfeld im richtigen Verhalten trainiert worden, sodass es keine Probleme gebe, sagt Bartelt mit Blick auf die beiden Kindergärten und die Grundschule nahe der TNB-Strecke in Büren.

Mehr ÖPNV nötig für Klimaschutzziele

Polewsky verweist auf die Klimaschutzziele, die Stadt und Landkreis Osnabrück, Kreis Steinfurt und die Stadt Rheine gemeinsam vereinbart haben. Danach sollen bis 2050 die CO2-Emissionen um 95 Prozent gesenkt und der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix auf 80 Prozent erhöht werden. „Die Klimaschutzziele sind nur erreichbar mit einer Änderung des Verkehrsmixes weg vom motorisierten Individualverkehr hin zu mehr öffentlichem Personennahverkehr“, betont er.

OS-Bahn-Konzept

Der Landkreis Osnabrück will sich laut dessen Sprecher Burkhard Riepenhoff nicht aktiv an der TNB-Diskussion beteiligen, da er gebietsmäßig nicht direkt von der TNB berührt werde. „Gleichwohl gilt: Die TNB ist Teil des sogenannten OS-Bahn-Konzeptes, das noch eine ganze Reihe von weiteren Maßnahmen enthält wie die Reaktivierung der Bahnhalte in Belm, Vehrte und Alfhausen, und die Einführung von 30-Minuten-Takten auf möglichst allen Eisenbahnstrecken in der Region. Der Landkreis Osnabrück setzt sich seit Jahren sehr intensiv für die Umsetzung des OS-Bahn-Konzeptes ein und kommt dabei auch Stück für Stück voran.

Vor diesem Hintergrund steht der Landkreis auch dem Projekt der Reaktivierung der TNB mit Sympathie gegenüber und fühlt sich hinsichtlich der aktuell im Kreis Steinfurt geführten Diskussion an ganz ähnliche Diskussionen im Vorfeld der Reaktivierung des Haller Willem erinnert“, heißt es in der offiziellen Stellungnahme.

Strategisch und langfristig wichtig

Für die TNB-Reaktivierung ist der Kreis Steinfurt: „Landrat Dr. Klaus Effing schätzt die Realisierung als sehr hoch ein, hält sie auch für die positive Entwicklung der an der Strecke liegenden Gemeinden für strategisch und langfristig außerordentlich wichtig. Es dürfte die wichtigste Infrastrukturentscheidung für das nördliche Kreisgebiet sein,“, teilt Sprecherin Kirsten Weßling mit. „Sehr wichtig“ sei die TNB auch für das Erreichen der Klimaschutzziele: „Je mehr Menschen mit der Bahn fahren, desto besser für das Klima! Es gibt auch erste Überlegungen, wasserstoffbetriebene Züge oder Züge mit anderen lokal emissionsfreien Antrieben einzusetzen.“

Für Schienenanbindung ans Oberzentrum Osnabrück

Da die Mobilität in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen werde, sei die „Schienenanbindung an das Oberzentrum OS immens wichtig“. Der Kreis möchte laut Weßling beste Verbindungen in die Oberzentren Münster und Enschede sowie Osnabrück haben: „Dies dürfte die Attraktivität der Städte und Gemeinden im Kreis Steinfurt deutlich erhöhen.“ Eine direkte finanzielle Beteiligung des Kreises sei aber derzeit nicht vorgesehen.


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