Kurzzeitpflegeplätze sind rar Wer ohne Pflegegrad Hilfe braucht, hat ein Problem

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Lotte/Kreis Steinfurt. Kurzzeitpflege sind gefragt – nicht nur für Senioren. So ein Platz wird auch benötigt, wenn jemand nach einem Klinikaufenthalt entlassen wird, aber noch nicht zurück in seine Wohnung kann. Dann spontan einen Platz zu finden, ist auch im Kreis Steinfurt ein Problem.

Und das kann auch jüngere Menschen treffen, die etwa nach einer Operation wegen nachfolgender Komplikationen im Rollstuhl sitzen. Sind die Türen der eigenen Wohnung zu schmal für einen Rollstuhl, bleibt nur eine Kurzzeitpflege bis zum Antritt der Reha. Doch die entsprechenden Plätze in den Pflegeeinrichtungen sind eher spärlich gesät. Diese Erfahrung musste auch eine heute 63-jährige Osnabrückerin machen, als sie nach einer Hüft-OP vor zwei Jahren einen Kurzzeitpflegeplatz in Anspruch nehmen musste. Aus dem Krankenhaus musste sie nach zwei Wochen raus. An Gehhilfen gehen – Voraussetzung für die Reha – durfte sie mangels Belastbarkeit des operierten Gelenks noch nicht, im Rollstuhl nach Hause ging nicht. 17 Einrichtungen mit Kurzzeitpflegeplätzen in NRW und Niedersachsen hatten die Mitarbeiter der Klinik vergeblich abtelefoniert.

Altbau nicht rollstuhlgerecht

Einen einzigen freien Platz fanden sie schließlich in einem Altenpflegeheim in einem Kurort im Osnabrücker Südkreis, das am Berghang in zwei durch einen Stufengang miteinander verbundenen Häusern aus dem 19. Jahrhundert untergebracht war. An der unteren der beiden Altbau-Villen sollte ein nachträglich auf der Rückseite angebauter Lift Barrierefreiheit herstellen. Doch das Haus über den Aufzug ohne Hilfe zu verlassen oder wieder aufzusuchen, war im handbetriebenen Rollstuhl unmöglich, weil die gepflasterte Fläche vor der Tür stark abschüssig war. Den Zugang zum Nachbarhaus verhinderten die Stufen im Verbindungsgang. Mehrere Lagen Linoleum wellten sich auf dem Holzdielenboden der oberen Etagen, was die Fortbewegung im Rollstuhl äußerst mühsam machte. Jemand mit weniger Kraft in den Armen wäre darauf angewiesen gewesen, sich vom Pflegepersonal schieben zu lassen. Wenigstens waren alle Türen breit genug – man nimmt halt, was man bekommen kann..

Moderne, barrierefreie Einrichtungen

Die stationären Pflegeeinrichtungen in Lotte, Westerkappeln und Tecklenburg sind hingegen helle, moderne, freundliche und barrierefreie Häuser. Das von der privaten Sander Pflege GmbH betriebene Seniorenzentrum Zwei Eichen etwa bietet 63 Bewohnern Platz am Rande von Alt-Lotte – verfügt aber nur über zwei „eingestreute“ Kurzzeitpflegeplätze, um pflegende Angehörige vorübergehend zu entlasten, wie Regionalleiterin Martina Büscher auf Anfrage mitteilt. „Eingestreut“ bedeutet, dass diese Plätze eigentlich reguläre, aber flexibel nutzbare Pflegeplätze in der Einrichtung sind. Wenn ein Zimmer frei wird, weil ein Bewohner stirbt oder für längere Zeit ins Krankenhaus muss, kann es vorübergehend für Kurzzeitpflege genutzt werden.

Fünf Prozent Kurzzeitpflegeplätze

In NRW werden einer wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2017 zufolge nur fünf Prozent aller stationären Pflegeplätze als Kurzzeitpflegeplätze genutzt. Zwei Drittel davon sind „eingestreute“ Plätze, nur ein Drittel solitäre, also eigens für Kurzzeitpflege auch im Nach-Akut-Behandlungsbereich eingerichtete Plätze.

Im Kreis Steinfurt waren am Stichtag 1. April 2017 322 eingestreute Kurzzeitpflegeplätze gemeldet, wovon jedoch lediglich 153 Plätze auch als solche genutzt wurden. Der Rest war für die Dauerpflege belegt. Ausschließliche, solitäre Kurzzeitpflegeplätze gab es Ende 2017 41, verteilt auf vier Einrichtungen im Kreisgebiet und zwar in Greven (15), Mettingen (8), Neuenkirchen (6) und Westerkappeln (12).

Schwierigkeiten bei der Kostenübernahme

Die Nachfrage sei „enorm“ und nehme weiter zu, schildert Sander Pflege GmbH-Regionalleiterin Martina Büscher die Lage. Sie sagt aber auch, dass Menschen ohne Pflegegrad, die nach einem Klinikaufenthalt nur die Zeit bis zur Reha überbrücken müssen, „nicht so gerne“ aufgenommen würden, weil es oft Schwierigkeiten gebe mit der Kostenübernahme durch die Krankenkassen.

Dauer der Pflegebedürftigkeit oft unklar

Das kann Michael Huse, Leiter des Matthias-Claudius-Hauses in Tecklenburg, so nicht bestätigen. Bei Patienten ohne (dauerhaften) Pflegegrad rechne man mit den Krankenkassen generell entsprechend Pflegegrad 2 ab, erklärt er und gibt an, dass es in seiner Einrichtung bis zu zehn eingestreute Kurzzeitpflegeplätze gibt. Die Nachfrage ist aber auch hier weitaus höher, und : „Oftmals ist es so, dass wir einen Korb geben müssen, weil bei der Anfrage nicht klar ist, ob es tatsächlich noch wieder nach Hause geht.“ Gerade ältere Menschen seien nach Krankenhausbehandlung oft so geschwächt, dass sie sich auch in vier Wochen nicht wieder so weit erholen, dass sie im eigenen Haushalt leben können. Gebrechlichkeit oder auch ein Delir, also Altersverwirrtheit, blühten dann sogar manchmal erst richtig auf. Diese Menschen bräuchten eine dauerhafte Pflege.

Pflegeschwerpunkt Demenz

Tatsächlich als Kurzeitpflegeplätze genutzt würden daher nur ein bis drei Plätze in der Einrichtung. Denn: „80 bis 85 Prozent der Bewohner sind Menschen mit Demenz. Das ist unser Schwerpunkt.“ Die vorübergehende Unterbringung zwischen Krankenhausakutbehandlung und Reha „ist bei uns relativ selten“,so Huse. Ähnlich sehe es im Matthias-Claudius-Haus in Greven aus. Der Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen und an Unterbringungsmöglichkeiten in solchen Fällen „ist tatsächlich ein Riesenproblem“, unterstreicht der Einrichtungsleiter. Das habe man beim Kreis auch schon eingebracht.

Steigender Bedarf

Grundsätzlich, so erläutert Jörg Niemöller, Heimleiter beim Haus der Diakonie in Westerkappeln, bestehe für Menschen, die seit mindestens sechs Monaten Pflegegrad 2 haben und zu Hause von Angehörigen betreut werden, ein Anspruch auf bis zu 28 Tage Kurzzeitpflege und 28 Tage Verhinderungspflege im Jahr. Für Kurzzeitpflege stehen im Haus der Diakonie bis zu zwölf eingestreute Plätze zur Verfügung. „Da gibt es einen steigenden Bedarf, vor allem, weil viele Einrichtungen ihre eingestreuten Plätze aufgeben“, so Niemöller. Im Westerkappelner Alten- und Pflegeheim würden ebenfalls „eher selten“ Menschen ohne Pflegegrad vorübergehend aufgenommen: „Das ist eine andere Finanzierung.“


Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege, Übergangspflege

Man spricht von Kurzzeitpflege, wenn eine pflegebedürftige Person für eine begrenzte Zeit einer vollstationären Pflege bedarf. Häufig ist das nach einem Krankenhausaufenthalt der Fall oder wenn die häusliche Pflege für eine bestimmte Zeit ausgesetzt werden muss oder soll, weil zum Beispiel die häusliche Pflegeperson selbst erkrankt ist, eine Reha antreten muss oder einen Erholungsurlaub macht.

Die Kurzzeitpflege kann zusätzlich mit der Verhinderungspflege kombiniert werden. Letzteres bedeutet, dass Pflegebedürftige eine Ersatzpflegeperson bezahlt bekommen, wenn die Hauptpflegeperson vorübergehend ausfällt und niemand anderes aus der Familie oder dem Haushalt einspringen kann.

Im Gegensatz zur Verhinderungspflege ist eine Kurzzeitpflege zu Hause nicht möglich. Kurzzeitpflege kann laut Definition nur in einer entsprechenden Pflegeeinrichtung wie einem Pflegeheim durchgeführt werden. Wer Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen möchte, benötigt normalerweise einen Pflegegrad, um von der Pflegekasse eine Kostenerstattung zu erhalten.

Um die Versorgungslücke für Menschen zu schließen, die nach einem Unfall, OP-Komplikationen oder schwerer Krankheit nur kurzfristig ohne Pflegegrad Kurzzeitpflege benötigen, gibt es seit Januar 2016 die Möglichkeit, auch eine Kurzzeitpflege über die sogenannte Übergangspflege zu beantragen. Die Kurzzeitpflege ohne Pflegegrad kann für längstens vier Wochen pro Kalenderjahr beantragt werden und wird nach § 39c Sozialgesetzbuch V („Kurzzeitpflege bei fehlender Pflegebedürftigkeit“) mit der Krankenkasse abgerechnet, nicht mit der Pflegeversicherung. ahi

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