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Bürgerverein pflegt VVO-Kontakt Grünkohl steht am Anfang des Wersener Krautjahres

Ein aktuelles Dokument der Männerfreundschaft zwischen Wersen und Osnabrück (von rechts): Wilfried Freier, Felix Osterheider, Ernst Schwanhold, Andreas Pache, Hans-Christian Vollmer, Stephan Weil mit Osnabrücker Königskette, Dirk Noske, Wolfgang Griesert mit Wersener Königskette, Oliver Rahe, Olaf Wienhaus, Helmut Börst, Rainer Lammers und Udo Stremmel. Foto: Thomas NiemeyerEin aktuelles Dokument der Männerfreundschaft zwischen Wersen und Osnabrück (von rechts): Wilfried Freier, Felix Osterheider, Ernst Schwanhold, Andreas Pache, Hans-Christian Vollmer, Stephan Weil mit Osnabrücker Königskette, Dirk Noske, Wolfgang Griesert mit Wersener Königskette, Oliver Rahe, Olaf Wienhaus, Helmut Börst, Rainer Lammers und Udo Stremmel. Foto: Thomas Niemeyer 

Lotte/Osnabrück. Seit 13 Jahren eröffnet der Bürgerverein Wersen sein Jahr Anfang Februar am eigenen Tisch bei der Osnabrücker Mahlzeit des befreundeten Verkehrsvereins VVO. Als Chronist bin ich seit Beginn dabei, wenn beim Grünkohl die Vorfreude auf die eigene Krautkönigskür fünf Wochen später in den Ratsstuben Wersen geschürt wird.

Zwischen den Veranstaltern der launigen Inthronisationen der Majestäten aus den diversen deutschen Gemüsebeeten besteht eine gewisse Rivalität, was die Prominenz der Könige und die mediale Ausstrahlung ihrer Inauguration betrifft. Nicht so zwischen dem Bürgerverein und seinem Herrenabend auf der einen sowie dem Verkehrsverein Stadt und Land Osnabrück und seiner Mahlzeit auf der anderen Seite. Ihre Beziehungen sind bewährt partnerschaftlich mit Besuch und Gegenbesuch. Das belegt auch der Blick auf den  Ehrentisch des Bürgervereins beim Herrenabend 2014, an dem auch der frühere VVO-Vorsitzende und Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip und sein aktueller Amtsnachfolger Wolfgang Griesert (Foto oben links) sitzen.  

Foto: Egmont Seiler

Angesichts der David-Goliath-Relation zwischen beiden Vereinen scheint der Verzicht auf solch einen Wettbewerb für die Wersener auch gesünder: Die Osnabrücker Mahlzeit ist 22 Jahre älter als der Herrenabend, Wersen hat gerade einmal zwei Prozent der Einwohnerzahl von Osnabrück, und die Männerrunde in den Ratsstuben würde nicht einmal ein Drittel der knapp 1300 Mahlzeitplätze in der Stadthalle füllen. Aber ein Journalist, der seit Jahren beide Veranstaltungen besucht, stellt dennoch – auch ohne Erlaubnis – Vergleiche an. Und schon entdecke ich am aktuellen Ehrentisch des VVO neben dessen Vorsitzenden Felix Osterheider (Foto von links) drei Prominente die bereits die Wersener Krautkönigkette trugen: Stephan Weil, Christian Wulff und den amtierenden Wolfgang Griesert. 

Foto: Michael Gründel

VVO-Chef Felix Osterheider sieht das offenbar ähnlich und ging auch in diesem Jahr wieder in seiner Begrüßung erfrischend flapsig auf den Wersener Tisch und "das gallische Dorf in der benachbarten Kommune Lotte" ein. Dort werde alljährlich in der Enge der Ratsstuben Wersen ein Krautkönig gekürt: "Auch eine tolle Veranstaltung." Aber zum Glück würden dort keine Schadstoffmessungen vorgenommen, denn dort "wird gequarzt ohne Ende". Die Vertreter des Bürgervereins am Wersener Tisch bei der Osnabrücker Mahlzeit, an dem ich ebenfalls sitze, fanden es witzig.  

Nicht ganz ungeschoren kam bei Osterheider allerdings der amtierende Krautkönig Wolfgang Griesert weg. Die Tatsache, dass der Osnabrücker Oberbürgermeister bei der Mahlzeit mit der Wersener Königskette auflief, veranlasste ihn zu der Anmerkung: "Du bist ja wohl vor nix fies." Immerhin bescheinigte er dem Träger dieses "merkwürdigen Gehänges", in Wersen eine grandiose Königsrede gehalten zu haben. Einverstanden, Herr Osterheider. Die Wersener mögen ihren Humor! Fast genau so, wie sie ihre legendäre Krautmahlzeit (Foto) mögen.   

Foto: Egmont Seiler

Nun aber zurück zu meinem Vergleich: Ob Grünkohl mit Kassler und Wurst oder Kraut mit Haxe und Püree bleibt Geschmacksache. Ich mag beides gerne. Witziger und origineller aber finde ich den Herrenabend allemal. Das liegt schon an der Quantität des Programms, weil es in Osnabrück drei Redner gibt, in Wersen im Durchschnitt aber sieben plus Showact. So ist aus Osnabrück kein vergleichbarer Fall bekannt geworden zu jenem von 2003 in Wersen, als ein professioneller Alleinunterhalter vorzeitig entnervt abreiste, weil er die Qualität der Antrittsrede von Krautkönig Friedhelm Ost (Foto) nicht mehr zu toppen können glaubte.

Foto: Egmont Seiler

Um es vorwegzunehmen: Mein persönlicher Vergleich der königlichen Prominenz zwischen Herrenabend und Mahlzeit endet mit einem klaren 26:13 für Wersen. Und dieses Ergebnis ist sogar noch geschönt, da die Osnabrücker ihre Treffer in 66 Versuchen einfuhren und die Wersener in nur 43. Allerdings: Die Osnabrücker haben auch gar nicht den Anspruch, ständig von außen Prominenz an die Hase zu locken, sondern nähren sich gerne und bewusst redlich aus dem Bestand des regionalen Personals. In Wersen dagegen kommt es sogar vor, dass sich Prominente wie die eng befreundeten David McAllister (Krautkönig 2005) und Philipp Rösler (Krautkönig 2006) gegenseitig nachziehen (Foto).

Foto: Egmont Seiler

Gehen wir bei den Wersener Promis ins Detail: Erster Krautkönig mit bundesweitem Bekanntheitsgrad war 1980 Constantin Freiherr von Heereman, Präsident des Deutschen Bauernverbands, später Bundeslandwirtschaftsminister. Doch der Riesenbecker blieb zugleich als regionale Größe dem Herrenabend bis zu seinem Tod 2017 eng verbunden (Foto).

Foto: Egmont Seiler

Dass die Prominenten-Parade in Wersen so richtig erst im Jahre 1988 mit dem damaligen Bundesbildungsminister Jürgen W. Möllemann begann, ist auf eine örtliche Personalie zurückzuführen. Im Jahre 1983 übernahm  Wilfried Freier als Vorsitzender des Bürgervereins alleine die Organisation des Herrenabends, der damals noch im Restaurant am Attersee stattfand. Als Erstes sorgte er dafür, dass jede weitere Veranstaltung ausverkauft war, 1987 verlegte er den Herrenabend in die größeren Ratsstuben, und bis dahin hatte er sich ein Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bremen umfassendes Netzwerk aufgebaut, das Voraussetzung ist, um ständig Prominenz zu anzulocken. Zugleich pflegte Wilfried Freier (Foto rechts) seine guten Beziehungen zum VVO und seinem jeweiligen Vorsitzenden, wie hier Felix Osterheider.

Foto: Egmont Seiler

In seinen 24 Jahren als Vorsitzender und danach als Ehrenvorsitzender holte Wilfried Freier mit Johann-Tönjes Cassens, Werner Remmers, Karl-Heinz Funke, Ernst Schwanhold, Helmut Linssen, Karl-Josef Laumann, Uwe Schünemann und Garrelt Duin acht Landesminister, mit Constantin Freiherr von Heereman, Jürgen W. Möllemann, Jürgen Rüttgers, Guido Westerwelle, Philipp Rösler, Dirk Niebel und Hubertus Heil sieben Bundesminister sowie mit Christian Wulff, David McAllister und Stephan Weil drei Ministerpräsidenten nach Wersen. Für einen Paukenschlag sorgte bei der Premiere von Wilfried Freier 1988 mit Tuba und viel Witz besagter Jürgen W. Möllemann (Foto). 

Foto: Wolfgang Johanniemann

Ergänzt wurde die politische Prominenz über die Jahre durch den wortgewaltigen SPD-Fraktionschef in NRW Friedhelm Farthmann und seinen späteren Nachfolger Norbert Römer sowie den bereits erwähnten ehemaligen Regierungssprecher von Helmut Kohl, Friedhelm Ost, und den dienstältesten Europaabgeordneten Elmar Brok. Aus der Welt des Sports kamen Reitolympiasieger Reiner Klimke, Werder Bremens Manager Willi Lemke und Borussia Dortmunds Präsident Gerd Niebaum zu Wersener Ehren. Hier im Überblick die prominenten Krautkönige aus Schwarz-Weiß-Zeiten (Foto von oben links): Constantin Freiherr von Heereman (1980), Jürgen W. Möllemann (1988), Heinrich Franke (1989), Johann-Tönjes Cassens (1990), Friedhelm Farthmann (1991), Reiner Klimke (1992), Willi Lemke (1993), Werner Remmers (1994), Karl-Heinz Funke (1995), Gerd Niebaum (1997), Christian Wulff (1998), Jürgen Rüttgers (1999), Guido Westerwelle (2000), Ernst Schwanhold (2001) und Dirk Niebel (2007). Friedhelm Ost (2003) ist bereits oben abgebildet. 

Fotos: Wolfgang Johanniemann

Fehlt noch Heinrich Franke, der frühere Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Er wurde 1989 Krautkönig, 14 Jahre nachdem er Osnabrücker Grünkohlkönig gewesen war. Osnabrücks Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip (1996), Christian Wulff, David McAllister, Ullrich Kasselmann (2012), Manfred Hugo (2013) und nun auch Stephan Weil stehen als weitere Doppelkönig an Hase und Düte für die gute Partnerschaft zwischen beiden Vereinen. Der amtierende Krautkönig Wolfgang Griesert könnte sich als Osnabrücker Oberbürgermeister hier noch einreihen, falls man ihm an der Hase die Krautkette verzeiht. Weil bekannte sich am Freitag jedenfalls freimütig zu seiner Wersener Vorgeschichte, die man ihm weniger übel nahm, als die Oldenburger Grünkohlwürde. Wie gesagt gilt zwischen VVO und Bürgerverein: Was sich mag, das neckt sich. 

Bunt trieben es diese bundesweit bekannten Krautkönig dann auch im Bild: Helmut Linssen (2002), David McAllister (2005), Philipp Rösler (2006), Hubertus Heil (2008), Karl-Josef Laumann (2010), Uwe Schünemann (2011), Garrelt Duin (2014), Stephan Weil (2015), Elmar Brok (2016) und Norbert Römer (2017). 

Fotos: Wolfgang Johanniemann

Angesichts der dörflichen Struktur von Wersen samt seinem Bürgerverein ist das unbestritten eine illustre Reihe. Jedoch war, so mein langjähriger Eindruck, die Prominenz der Könige kein Selbstzweck. Nicht einmal die gute Unterhaltung, die sie mitbrachten. Vielmehr war und ist es das Ziel des Bürgervereins, seinen Mitbürgern diese Persönlichkeiten einmal hautnah, unverzerrt und ungeschminkt zu präsentieren. Comedian Bernd Stelter begriff das sofort, als er 2005 der Einführung des "King of Krauts" David McAllister beiwohnte und nach seinem eigenen Auftritt (Foto) noch lange blieb. Ehrlich begeistert meinte er: "Was ihr hier macht, ist ja irre!"

Foto: Egmont Seiler

Die von den Osnabrücker Grünen jüngst wieder aufgewärmte Befürchtung, dass solche reinen Männerrunden geschmacklich entgleiten, kann ich aus meiner langjährigen Erfahrung sowohl für die Osnabrücker Mahlzeit als auch für den Herrenabend Wersen ebenso kategorisch verneinen, wie die Frage bejahen, ob solche Veranstaltungen noch zeitgemäß sind. Bei etlichen Weiberfastnachten geht es da nach seinen Erkenntnissen ganz anders zur Sache – und die will doch auch niemand abschaffen. Oder? Wenn die Grünen ihr Image einer Verbotspartei ablegen wollen, sollten sie sich auch an dieser Stelle deutlich entspannen. An der bürgerlich anständigen Grundhaltung des Herrenabends hat sich seit Schwarzweiß-Zeiten jedenfalls nichts geändert.

Foto: Wolfgang Johanniemann

Für die herrliche Bürgernähe stand über die Jahre ganz besonders Constantin Freiherr von Heereman. In seine umjubelten, mit dem gepflegten – wahrlich nicht versauten – Herrenwitz gespickten Schlussworte baute er immer auch nachdenkliche Passagen über den Wert von Demokratie und Rechtsstaat, Kompromiss und bürgerschaftlichem Miteinander ein. Und das Krautvolk spürte: Das ist auch so gemeint. So können Politiker in Wersen als Menschen wie du und ich rüberkommen, weil sie das im Normalfalle ja auch sind. Als Beispiel möge Karl-Josef Laumann (Foto rechts) herhalten, den es beim 35. Herrenabend in Gesellschaft der Europaabgeordneten Markus Pieper und Elmar Brok vor Lachen geradezu umhaute.

Foto: Egmont Seiler

Diese Tradition aus Politik und Humor unter Männern, die dabei eher das Kind in sich als die Sau rauslassen, will Olaf Wienhaus, der neue Vorsitzende des Bürgervereins Wersen, am 8. März, ab 19 Uhr, beim 44. Herrenabend in den Ratsstuben fortsetzen. Mit seinem Ehrenvorsitzenden und Schwager, Wilfried Freier, sowie weiteren führenden Mitgliedern des Bürgervereins nutzte er die Osnabrücker Mahlzeit einmal mehr, sich entsprechend einzustimmen. Es soll für den Wersener Abend sogar noch Karten geben. 



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