Die Toten öffnen die Augen Lotter Männerkreis diskutiert über Umgang mit Geschichte

Von Friedrich Schönhoff

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schf Lotte. Der 9. November. An keinem anderen Datum liegen in der deutschen Geschichte Grausamkeit und Freude eines Volkes so nah beieinander. Bewusst hatte der Männerkreis der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Lotte daher den Vortrag von Matthias Pfordt beim Dienstagstalk im Gemeindehaus Arche in die Nähe dieses Tages gelegt. Sein Thema: „Vom schwierigen Umgang mit der Geschichte“.

Wer an diesem Abend jedoch einen Vortrag in gemütlicher Runde erwartet hatte, wurde vom Referenten überrascht. Denn Pfordt, der als Geschichtslehrer an einem kirchlichen Gymnasium in Handrup tätig ist, beließ es nicht beim Frontalunterricht. Vielmehr provozierte er seine Gäste mit historischen Zitaten wie dem von Friedrich Hegel: „Was die Erfahrung und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und gehandelt haben.“ So sorgte Pfordt für die nach Meinung einiger Besucher „wohl lebhafteste Diskussion in diesem Kreis seit Langem“.

4 mal 9. November

Gastgeber Pastor Detlef Salomo rief den Anwesenden zunächst die Geschichte ins Gedächtnis. Er erinnerte an die Novemberrevolution 1918, als die Republik ausgerufen und das Kaiserreich von der ersten Deutschen Demokratie abgelöst worden war, die Adolf Hitler am 9. November 1923 mit seinem Putsch zu beenden suchte. Er scheiterte – vorerst.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als Hitler längst Reichskanzler war und die Nationalsozialisten der Demokratie endgültig den Garaus gemacht hatten, brannten in Deutschland die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte geplündert, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört. Die Reichspogromnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung hin zur systematischen Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Doch auch den 9. November 1989 vergaß Salomo in seinen Ausführungen nicht. Es war die Nacht, in der die Mauer fiel, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg 28 Jahre lang geteilt hatte. Es sei die erste friedliche Revolution gewesen, mit der sich ein Volk aus einer Diktatur befreit hat.

Aus der Geschichte gelernt?

„Also haben wir doch aus der Geschichte gelernt?“, fragte Pfordt in die Runde. „Ich glaube nicht, dass wir wirklich gelernt haben“, widersprach ein Zuhörer. Als junger Mann habe er ungläubig zugeschaut, wie nach dem Krieg bereits über Wiederbewaffnung diskutiert wurde, als die meisten Deutschen noch in ihren zerbombten Häusern saßen.

Ein weiterer Zuhörer erzählte, es habe ihn erschüttert, als er gelesen habe, dass nach dem Zweiten Weltkrieg gerade einmal 16 Tage friedlich blieben. Seitdem würde immer an irgendeinem Ort der Welt Krieg geführt. „Und das auch mit deutschen Waffen“, warf ein weiterer Zuhörer ein.

30-jähriger Krieg und Syrien

Matthias Pfordt hatte an diesem Abend noch weitere Impulse in petto. „Wissen Sie eigentlich, dass es große Parallelen gibt zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem heutigen Krieg in Syrien?“, fragte er in die Runde. Damals wie heute sei es ein Stellvertreterkrieg, so Pfordt. Die Drahtzieher säßen woanders. Damals seien es die Franzosen und Schweden gewesen, heute die USA und Russland. In beiden Kriegen seien Menschen zu Freiwild geworden, was damals wie heute große Flüchtlingsströme in Gang gesetzt habe.

Ein Zuhörer fragte nachdenklich: „Wieso sitzt es in uns Menschen drin, dass wir ab einem bestimmten Punkt nur noch die Gewalt als Lösung ansehen, Erinnerung hin oder her?“

Hoffnungszeichen

Spürbar war, dass die Runde nach einem Zeichen der Hoffnung suchte. „Wissen Sie, welche Bewandtnis es mit dem Turm der Lotter Kirche auf sich hat?“, fragte daraufhin Pfordt. Seine Antwort überraschte so manchen, denn laut Pfordt sei zwar die Kirche 700 Jahre alt, nicht aber der Turm. Dieser sei 1644 mit Spenden der Bürger errichtet worden, als der Dreißigjährige Krieg auch in dieser Gegend wütete. Trotz Hunger und Epidemien habe man ein Zeichen für die Sehnsucht nach Frieden gen Himmel setzen wollen. So sei der Lotter Kirchturm ein Mahnmal und Hoffnungszeichen gleichermaßen wider das Vergessen.

Die Gäste des Talks am Dienstag fanden weitere Zeichen der Hoffnung. Vor allem die über 70-jährige Geschichte der UN, die ja aus der Erkenntnis entstanden sei, dass es immer besser ist, miteinander zu reden, als Kriege zu führen.

Diese Erkenntnis fand breite Zustimmung in der Runde. Jemand meinte, es ließe sich immer besser unter Freunden leben als unter Feinden. Dieses sei seiner Meinung nach eine Einsicht, der Konrad Adenauer und später Willy Brandt Taten folgen ließen. So seien vor allem mit Frankreich und Polen viele Projekte aufgebaut worden, die der Begegnung und dem besseren Kennenlernen dienten.

Nationen verbinden

„Kann Erinnern Frieden schaffen?“, fragte Pfordt. „Es kann ihn zumindest stärken“, antwortete er mit einem Zitat Aleida Assmanns. Die jüngst mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels Ausgezeichnete hatte in einem Interview vom französischen Mahnmal „Ring der Erinnerung“ zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs erzählt. Dort seien die Namen der 600000 Gefallenen in alphabetischer Reihenfolge eingraviert ungeachtet ihrer jeweiligen Nationalität. Das sei aus ihrer Sicht revolutionär, ermögliche es doch nationenübergreifende Trauer.

Man müsse versuchen, mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Nationen zu finden, erhielt dieser Gedanke viel Zuspruch im Männerkreis. Vielleicht auch einen internationalen Feiertag, der die Erinnerung schärfe. Ein scheinbar passendes Datum lieferte Pastor Salomo: den 10. Dezember. An diesem Tag verkündete die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1948 die UN-Menschenrechtscharta.

Zum Ende wurde es still, als Matthias Pfordt ein slawisches Sprichwort vortrug, das über diesem Abend gestanden hatte: „Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.“


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