Lokalhelden gegen Plastikmüll Lotter Einzelhandel will sich Verantwortung stellen

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Lotte. Eklig und von Menschen verursacht: eine Plastikinsel im Nordmeer, etwa so groß wie Europa; Plastikgranulat und viel Mikropartikel im menschlichen Organismus, teils mit der Nahrung aufgenommen. EU-weit soll in den nächsten Jahren ein Verbot für bestimmte Plastikartikel umgesetzt werden. Weil man irgendwo anfangen muss, sagt auch der Lotter Einzelhandel dem Plastikmüll den Kampf an.

Plastiktüten sind Auslaufmodelle. Sie brauchen Studien zur Folge rund 20 Jahre, um im Meer zu zerfallen – und als Mikroplastikteilchen auch von Fischen aufgenommen zu werden. Liegen diese lecker zubereitet auf den Tellern, isst der Kunde quasi seinen eigenen Müll. Dass in der Bevölkerung inzwischen ein Umdenken eingesetzt hat, bestätigen die Reaktionen auf jüngste Berichte über Plastik in Nahrungsmitteln.

Verantwortung für die Umwelt

Fleischermeister Stefan Loske hat in seinem Bürener Fachgeschäft längst erfahren, dass Kunden aus Verantwortungsbewussten für die Umwelt den Plastikverpackungen, -tüten und -taschen einen privaten Kampf ansagen.. „Bestimmte Kunden bringen ihre Dosen mit. Manche Kunden verzichten sogar auf das rosa Einschlagpapier. Sie haben eine Extratasche nur für ihre Einkäufe bei uns“, berichtet Ehefrau Petra Loske.

Pfandsystem verursacht Zusatzkosten

Von einem Pfandsystem, bei dem Kunden Plastikschalen zurückbringen, die im Betrieb gereinigt und sterilisiert werden, nimmt Stefan Loske derzeit noch Abstand. „So einfach ist das nicht. Wir müssten die Dosen nochmals spülen und desinfizieren, um Hygienevorschriften einzuhalten. Das verursacht Zusatzkosten, die letztlich die Kunden tragen müssten“, hat Loske eine klare Haltung.

Glaskonserven mit eingeweckten Produkten

Indes gibt es im Unternehmen ein eigenes Pfandsystem für Glaskonserven mit eingeweckten Produkten. Bevor er das ausweitet, möchte Stefan Loske erst einmal das neue, ab 2019 geltende Verpackungsgesetz abwarten. „Man muss sich registrieren lassen und angeben, welche Art Plastik man im Betrieb verwendet. Da ist es möglich, dass weitere Kosten auf den Unternehmer zukommen“, erklärt Loske. Und, dass es derzeit seitens der Fleischerinnung Steinfurt-Warendorf keine umsetzungsreifen Überlegungen zur Plastikvermeidung gebe.

Alternativen zum Plastik

Auch Wilfried Buermann, Chef des Wersener Markant-Marktes, ist sich der gesundheitlichen Probleme durch Plastik bewusst: „Die Überlegungen, ökologisch sinnvolle Alternativen zu nutzen, bestehen zu Recht. Wir haben in Wersen nur noch Papiertaschen und Leinenbeutel an den Kassen.“ Er plane überdies, bei losen Frischeartikeln, wie Wurst und Käse, die bislang benutzten Plastikbecher umzustellen auf alternative Verpackungen. Auch die dünnen Folienbeutel aus der Obst- und Gemüseabteilung sollen verschwinden.

Einzelhändler wollen Zeichen setzen

„Im November treffe ich mich mit einem Verpackungsmaterialienfachmann. Der wird mir sicher einige Alternativen nennen können“, blickt Buermann in die nahe Zukunft. Wie andere Einzel- und Fachhändler in Lotte wolle auch er ein Zeichen setzen: „Wir als Lokalhelden können etwas bewegen.“

Bei der Plastikmüllvermeidung wird auch Martina Cord, Inhaberin des Edeka-Markts in Alt-Lotte, den wachsenden Kundenwünschen gerecht. Im November starte in ihrem Haus ein Azubi-Projekt, bei dem genau geprüft werde, wo im Geschäft auf Plastik verzichtet werden kann, berichtet sie.

Waschbare Netze für Obst- und Gemüse

Auch werden bald in der Obst- und Gemüseabteilung waschbare wiederverwendbare Netze verkauft. „In der Fleisch- und Käseabteilung kommen dann Hygienetabletts zum Einsatz. Unsere Mitarbeiter dürfen laut Vorschrift der Lebensmittelüberwachung fremde Plastikschalen und Ähnliches nicht in ihren Arbeitsbereich hinstellen oder anfassen“, erklärt Martina Cord.

„Wir sind schon länger auf dem Weg und haben aus dem Backshop die To-go-Becher aus Plastik verbannt. An der Kasse gibt es Papiertaschen“, betont sie. „Was wir lose verkaufen können, verkaufen wir auch lose. Bei einigen Artikeln kann der Kunde wählen.“

Textiltaschen statt Plastiktüten

Überlegungen zur Plastikvermeidung gibt es auch bei Aldi Nord. Zwei Arten von Textiltaschen für die Einkäufe werden an der Kasse bereit gehalten. „Plastiktüten werden seit rund einem Jahr nicht mehr nachgeordert“, betont Elke Mayer. Die Assistentin der Geschäftsleitung in Greven hebt heraus, dass für das Unternehmen die Abfallvermeidung bei Produktionspartnern und im Filialverkauf als verantwortlicher Umgang mit den Ressourcen weit oben stehe.

Wertstoffkreislauf

„Verpackungen sind bei vielen Waren zum Schutz des Produkts und zur Sicherstellung der Qualität unverzichtbar. Deshalb setzen wir auf recycelbare Materialien und auf Mehrwegsysteme“, berichtet Elke Mayer zum praktizierten Wertstoffkreislauf. Bis Ende 2022 solle der Materialeinsatz der Eigenmarkenverpackungen zu 100 Prozent recyclingfähig sein.

Bleibt zu hoffen, dass die Lotter Lokalhelden im Kampf gegen Plastikmüll von einer rasch wachsenden Kundenschar überzeugter Mitstreiter unterstützt werden.


Plastikmüll vermeiden

Das Bundesumweltamt ermittelte, dass im Jahr 2016 pro Kopf 220 Kilo Verpackungsmüll angefallen sind. Deutschland liegt damit beim Müllverursachen sehr weit vorn. In der EU waren es pro Kopf durchschnittlich 167 Kilo. Schätzungen gehen davon aus, dass in der EU 150000 bis 500000 Tonnen Plastik ins Meer gelangen. Plastik werden Kunststoffe genannt, die auf Erdöl-, Erdgas- oder Kohlebasis hergestellt werden. Die Produktion ist aufwendig, verbraucht endliche Ressourcen. Ihre Entsorgung ist gleichfalls aufwendig. Alternativ dazu gibt es sogenannte Biokunststoffe. Sie bestehen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Weizen, Bambus, Holz. Im großen Stil umgesetzt, würde das eine Konkurrenz zur Nahrungsproduktion entstehen lassen. Folge: Verschwendung von Anbauflächen für Verpackungen mit einer in der Herstellung kaum besseren Ökobilanz im Vergleich zu Plastiktüten. Aus Biomüll werden diese Folien herausgesucht, weil sie viel langsamer verrotten als deren Inhalt. Geforscht wird deshalb in vielen Bereichen. So lässt sich aus bearbeiteten Reststoffen der Lebensmittelindustrie ein Biokunststoff herstellen. Beispielgebend sind seit einigen Jahren Geschäfte, die in Großstädten dem gestiegenen Umweltbewusstsein der Verbraucher Rechnung tragen und bestimmte Artikel des täglichen Lebens, auch Kosmetika, in recycelbaren oder Glasbehältern sowie in Pfandgefäßen verkaufen.

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