Anja Karliczek im Wahlkreis Tecklenburgerin fühlt sich wohl im Ministeramt

Von Thomas Niemeyer

Engagiert, aber zugleich fröhlich stellt sich Anja Karliczek (Mitte) nun auch als Ministerin im Hotel Teutoburger Wald den Redakteuren der regionalen Medien. Rechts Annegret Raffel, die persönliche Referentin der Wahlkreisabgeordneten. Foto: Thomas NiemeyerEngagiert, aber zugleich fröhlich stellt sich Anja Karliczek (Mitte) nun auch als Ministerin im Hotel Teutoburger Wald den Redakteuren der regionalen Medien. Rechts Annegret Raffel, die persönliche Referentin der Wahlkreisabgeordneten. Foto: Thomas Niemeyer

Tecklenburg. Zur Last ist Anja Karliczek die unerwartete Funktion der Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft auch nach 140 Tagen im Amt nicht geworden. Beim traditionellen Sommergespräch mit der regionalen Presse im familieneigenen Hotel in Brochterbeck strahlt sie zupackende Freude aus.

Geradezu fröhlich empfängt sie die Redakteure aus dem Tecklenburger Land im Ringhotel Teutoburger Wald. Nicht jeder von ihnen hätte darauf gewettet, dass die 47-Jährige die seit knapp fünf Jahren bestehende Gesprächsreihe nach ihrem steilen Aufstieg in Berlin fortsetzen würde. Allerdings hätte auch kaum jemand auf diesen steilen Aufstieg gewettet, sie selbst am wenigsten.

Keine falsche Bescheidenheit

Unumwunden gesteht die Christdemokratin zu, dass sie bislang in der Berliner Kabinettsrunde zu den Unauffälligeren zählt. „Es ist meine zweite Legislaturperiode und ich habe noch nie eine Behörde mit 1200 Leuten geführt – da dauert die Einarbeitung etwas länger.“ Keiner, der ihren raschen Weg zur Parlamentarischen Geschäftsführerin der Unionsfraktion im Bundestag verfolgt hat, interpretiert ihre Zurückhaltung als falsche Bescheidenheit.

Mit dem neuen Amt sei der Spagat zwischen ihrem Wahlkreis und Berlin noch weiter geworden, sagt sie. Aber sie wolle diesen Spagat weiter ausführen und etwa ein Viertel ihrer Zeit und Energie in den Wahlkreis investieren, da das direkte Abgeordnetenmandat für sie ganz entscheidend sei. Deshalb setze sie selbstverständlich auch das Gespräch mit der örtlichen Presse fort.

Bekenntnis zum Föderalismus

Trotz des zunehmenden öffentlichen Drucks für ein einheitliches deutsches Schulsystem legt Karliczek ein Bekenntnis zum Föderalismus im Schulwesen ab: „Ein Wettbewerb der Länder um die besten Schulformen und auch um die guten Lehrer ist in Ordnung. Aber es muss sichergestellt sein, dass es bundesweit genügend Lehrer und Schulen gibt.“ Föderalismus verlangsame die Entscheidungsfindung, Demokratie allerdings auch.

Schulabschlüsse wie das Abitur müssten bundesweit vergleichbar sein, aber nicht auf vereinheitlichten Wegen erworben werden, befand Karliczek. Dazu habe die Kultusministerkonferenz entsprechende Evaluationen beschlossen. Doch es bleibe Sache der Sachsen, wenn sie das achtjährige Gymnasium weiterführten, während andere Länder zu „G 9“ zurückgekehrt seien.

Zuständig für Digitalisierung an Schulen

Ihre Aufgabe als Bundesbildungsministerin sei es, beispielsweise bei der Herausforderung durch die Digitalisierung die Schulen zu unterstützen. Dazu bereite sie derzeit Bund-Länder-Vereinbarungen vor, über die den Schulen in den nächsten fünf Jahren 5 Milliarden Euro an Bundesmitteln zufließen sollen. Im Zuge ihrer Länderreisen strebe sie flächendeckend solche Vereinbarungen an, die allerdings Eigenanteile der Länder voraussetzen.

Eine Absage erteilte die gelernte Bank- und Hotelkauffrau sowie studierte Betriebswirtin einer allumfassenden Inklusion von behinderten Kindern in den allgemeinbildenden Schulen. Förderschulen seien weiter notwendig, um den Anforderungen spezieller Behinderungen gerecht zu werden. Zudem sei angesichts eines zunehmenden Lehrermangels im Sinne der Schüler effizient mit den knappen Personalressourcen umzugehen. Karliczek: „Wir können es uns nicht leisten, Bildungspotenzial bei unserer Jugend brach liegen zu lassen.“

Erfolge sehen, Probleme angehen

Bei akuten Problemen wie dem Nachwuchsmangel für die Wirtschaft fordert Anja Karliczek zu positivem Denken auf: „Das ist eine Begleiterscheinung unserer gut laufenden Volkswirtschaft. Das ist doch erst einmal erfreulich, sodass wir uns dem Problem optimistisch zuwenden können.“ Ein Fachkräftezuwanderungsgesetz und gezielte Programme, um die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren, lauten ihre Stichworte dafür.

Grundsätzlich beklagt sie überwiegend negative Sichtweisen in Deutschland. „Wir reden über desolate Schultoiletten, dabei fließen seit der vergangenen Wahlperiode 3,5 Milliarden Euro an Bundesmitteln in die Schulbauten. Von den runderneuerten Toiletten spricht kaum jemand.“ Wenn auch bei der zugegeben herausfordernden Digitalisierung immer nur auf die Probleme und Hindernisse geschaut werde, helfe das nicht bei den Lösungen.

„Die Koalition wird halten“

Optimistisch bleibt Karliczek auch in Bezug auf den holprigen Start der Koalition, den sie nicht bestreitet. Der zum Teil recht persönlich geführte Streit innerhalb der Union habe allen Beteiligten geschadet. „Ich gehe davon aus, dass wir alle lernfähig sind, den Streit auf die wichtigen Sachfragen konzentrieren und uns der Herausforderungen der Zukunft zuwenden“, appelliert sie. Das erwarteten die Bürger, auf deren Unterstützung die Politik angewiesen sei. Da das Flüchtlingsthema nach der jüngsten Einigung an Bedeutung verliere, sei sie sicher: „Die Koalition hält bis 2021.“

Sie selbst will, wenn nichts dazwischen kommt, darüber hinaus in Berlin Politik machen. Denn auch wenn sie häufig 18-Stunden-Tage absolviere, mache ihr diese Arbeit Spaß. Mimik und Körpersprache bestätigen ihre Aussage.


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