Eine aussterbende Sportart? Tecklenburger Kegler kämpfen um ihren Lieblingsplatz

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Die Letzten ihrer Art? Stefan Lampe (links), Michael Schlüter und Dieter Stumpe (stehend) von den Tecklenburger Sportkeglern machen sich Gedanken, wie sie den Nachwuchs für ihre Sportart begeistern können. Foto: Ulrike HavermeyerDie Letzten ihrer Art? Stefan Lampe (links), Michael Schlüter und Dieter Stumpe (stehend) von den Tecklenburger Sportkeglern machen sich Gedanken, wie sie den Nachwuchs für ihre Sportart begeistern können. Foto: Ulrike Havermeyer

Tecklenburger Land. Tapptapptapp – klong! Schhhhhhhhhhhh… klackerdiklackerdiklack! Auf dem Lieblingsplatz von Michael Schlüter, Vorsitzender der Kegelsportgruppe Tecklenburger Land, geht es zu wie in einem Comic. Zumindest, was die Geräuschkulisse betrifft.

Seit Sommer 2016 gehen Michael Schlüter und seine knapp 40 Vereinskollegen, die sich aus der gesamten Region bis hinein ins Niedersächsische zusammengefunden haben, ihrer Leidenschaft auf den Bahnen des Kegelsportclubs Lengerich nach. Das Ambiente in dem lang gestreckten Gebäude mit der tief liegenden Decke ist funktional, die Ausstattung ligatauglich. Im benachbarten Fußballstadion an der Münsterstraße, nur einen Kugelwurf entfernt, trainiert der SC Preußen Lengerich.

Eine gute, aber eine zweite Wahl

Ein angenehmer Ort, bestätigt Michael Schlüter, die Bedingungen passen – nichtsdestotrotz ist die Anlage ein Ersatz. Eine Zuflucht. Eine gute, aber eben: eine zweite Wahl. Denn seinen ursprünglichen, seinen eigentlichen Lieblingsplatz, den gibt es nicht mehr, der ist für immer verschwunden: „Nach mehr als 40 Jahren haben wir im vorletzten Jahr unsere Heimstätte bei Kockmann in Hopsten verloren“, stellt der Ibbenbürener sachlich fest, „inzwischen ist die Gaststätte abgerissen.“

Zwischen Trotz und Zuversicht

Zusammen mit den Kneipen sterben – vor allem auf dem Lande – unvermeidlich auch viele Kegelbahnen. Die Folgen: Die Mitgliederzahlen der Klubs schrumpfen, Vereine fusionieren notgedrungen, die Entfernungen zu den Bahnen werden größer. Die Sorgen um den kegelsportlich ambitionierten Nachwuchs ebenfalls. Schlüter atmet tief durch und tupft sich mit seinem Frotteehandtuch ein paar Schweißperlen von der Stirn. Ein Sportkegler muss nach vorne schauen. Nur da findet sich die Motivation fürs Weitermachen. „Wir sind froh, dass wir mit dem KSC Lengerich einen fairen Partner gefunden haben, auf dessen Bahnen wir trainieren und unsere Heimspiele austragen können“, sagt der 52-Jährige. In seiner Stimme halten sich Zuversicht und Trotz die Waage.

Immer wieder samstags: 120 Kugeln

An 22 Spieltagen sind die Zweitligisten während der Saison von Ende August bis Mitte März fast jeden Samstag unterwegs, fahren bis nach Salzgitter oder Kassel. 120 Kugelschübe pro Kegler bei jedem Turnier – in der Regel sechs, in Ausnahmen vier Personen pro Team, dazu zweimal in der Woche Training. „Das ist Sportkegeln“, kommentiert Michael Schlüter mit unverhohlener Begeisterung, nimmt Anlauf – tapptapptapp, holt Schwung – wusch, platziert mit einem scharfen „klong!“ seine 2,8 Kilo schwere Kugel aus polyesterfreiem Phenolharz – dem Material, aus dem auch Billardkugeln gefertigt sind – auf der Auflagebohle und schiebt sie auf der leicht ansteigenden Scherenbahn – schhhhhhhhhhhh… in die Vollen: klackerdiklackerdiklack!

Von Ehrgeiz und Perfektionismus

Acht Hölzer putzt er souverän weg, eines bleibt ungerührt stehen. Schlüter blickt konzentriert. Denkt kurz nach. Grübelgrübel. So richtig zufrieden ist er nicht. Acht sind zwar gut, neun wären aber besser. Der Ehrgeiz, der Hang zum Perfektionismus, liegt bei ihm in der Familie. „Mein Vater hat gekegelt, meine Mutter auch“, zählt er auf, „mein Bruder und meine Schwester auch. Meine Schwägerin war Juniorenmeisterin.“ Es erübrigt sich zu fragen, wo Michael Schlüter seine Ehefrau kennengelernt hat… „Meine letzte Pumpe, einen Fehlwurf also, habe ich 1987 gespielt“, erinnert er sich noch sehr genau an das jüngste Malheur.

Coolness und Konzentration gefragt

„Wenn ich meine 120 Kugeln geworfen habe, bin ich kladdernass geschwitzt“, beschreibt Schlüters Mannschaftskollege Stefan Lampe, aktuell unter den Top-Sechs-Spielern in der Zweiten Bundesliga verzeichnet, die keineswegs nur körperlichen Herausforderungen der in ihrer Existenz bedrohten Sportart. „Gerade bei engen Wettkämpfen ist die mentale Belastung nicht zu unterschätzen.“ Neben unbeirrbarer Konzentration und einer gewissen Coolness, die es an den Tag zu legen gilt, wenn der Gegner Holz um Holz näher rückt, ist der richtige Schwung gefragt, eine optimale Handstellung und ein durch unermüdliches Training automatisierter Bewegungsablauf.

Saison 2018 startet am 25. August

„Am Ende ist vor allem die Präzision entscheidend“, fasst der Vereinsvorsitzende zusammen. Er und Lampe wischen sich noch einmal übers Gesicht – und greifen dann entschlossen zur nächsten Kugel: Am 25. August beginnt die neue Saison. Bis dahin muss bei ihnen wieder jeder Wurf sitzen, millimetergenau. Die Tecklenburger Sportkegler sind aktuell in der Zweiten Bundesliga Nord aktiv, unter ihnen befinden sich mehrere Titelträger, unter anderem Maria Schmedt, die Deutsche Meisterin (Damen B) von 2016, Vizemeisterin von 2017 und Bronzemedaillengewinnerin von 2018. Werner Schmedt mischt auf Bundesebene ebenfalls ganz vorne mit: Bei den Deutschen Meisterschaften belegte er 2016 den dritten Platz (Herren B). Außerdem blickt der 69-Jährige auf fast 750 Bundesligaeinsätze zurück.

Eine Schublade voller Vorurteile

Bei so viel Faszination, die das Sportkegeln im Tecklenburger Land noch immer verströmt, bleibt die Frage nach der Nachhaltigkeit: Über welche Perspektive verfügt der regionale Kegelsport und mit ihm Michael Schlüters Ausweich-Lieblingsplatz? Stefan Lampe zeigt sich skeptisch: Wegen der häufigen Kombination von Kegelbahnen mit Gaststätten seien junge Eltern oft nicht einmal mehr bereit, ihre Kinder wenigstens zu einer Schnupperstunde zu schicken, hat er beobachtet. Obschon bei den Sportkeglern, anders als womöglich bei manch geselligem Freizeitklub, grundsätzlich nur Antialkoholisches während des Trainings ausgeschenkt werde. Und Michael Schlüter ergänzt: „Letztlich kämpfen wir noch immer gegen ein Imageproblem an: Fünf Würfe, drei Bier – in dieser Schublade stecken wir.“ Na dann mal nichts wie raus aus dem Tal der Vorurteile und Gut Holz für die Zukunft!


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