WLV-Offensive Nachhaltigkeit Christlicher Streit in Lotte um bäuerliche Zukunft

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Nachhaltige Genussmittel hatte Pastor Detlef Salomo (rechts) als Gastgeber im Präsentkorb für seinen Referenten Carsten Spieker zusammengestellt. Foto: Thomas NiemeyerNachhaltige Genussmittel hatte Pastor Detlef Salomo (rechts) als Gastgeber im Präsentkorb für seinen Referenten Carsten Spieker zusammengestellt. Foto: Thomas Niemeyer

Lotte. Der bäuerliche Berufsstand in Deutschland ist in Gefahr. Wie westfälische Landwirte mit den teils widersprüchlichen Anforderungen aus Politik, Naturschutz und Lebensmittelindustrie umgehen wollen, erläuterte Carsten Spieker vom WLV im evangelischen Männerkreis in Lotte.

Die „Offensive Nachhaltigkeit“ des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes stellte Spieker als dessen stellvertretender Kreisvorsitzender der Runde vor. Das klang zunächst nicht sonderlich spannend, wurde es aber, sodass der zweistündige Zeitrahmen diesmal deutlich überzogen wurde.

Kompetenz im Hufeisen

Das lag auch daran, dass mit dem Ferkelmäster und ordinierten Pastor Martin Steinmann, der in Lotte einen Neulandhof betreibt, ein kompetenter Kollege des Lienener Sauenhalters im Hufeisen der Zuhörer saß. Beide argumentierten vehement aus der christlichen Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung heraus und kamen doch häufiger zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Einig waren sich die beiden Praktiker jedoch darin, dass sich die Landwirtschaft generell verändern und auf die gesellschaftlichen Herausforderungen eingehen muss, wenn sie in Deutschland eine Zukunft haben will. Genau das soll die Ende 2016 gestartete Nachhaltigkeitsoffensive in Sachen Tierwohl, Boden- und Wasserschutz, Energie, Soziales und Ökonomie leisten.

Leitprojekte und Ziele

Spieker stellte einen ganzen Kanon von Leitprojekten und strategischen Zielen dar, zu denen sich der WLV als Vorreiter unter den Bauernverbänden verpflichtet hat. Sie sollen den Druck mindern, den Verbraucher, Handel, Naturschutzverbände und am Ende eben auch die Politik auf die zunehmend in die Defensive gedrängten Landwirte ausüben. Er stellte aber klar, dass er von der hohen Qualität deutscher landwirtschaftlicher Erzeugnisse – auch der Massenware – absolut überzeugt sei.

Dabei machte der 45-Jährige kein Hehl daraus, dass er fachlich nicht von jedem Projekt überzeugt sei. Wenn er dennoch für deren Umsetzung eintrete, liege das daran, dass es offensichtlich hoffnungslos sei, unsere überwiegend urbane Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit des Einsatzes selbst so elementarer Dinge wie Dünger oder Pflanzenschutzmitteln zu überzeugen. Und das gelte leider auch für weite Teile der Politik.

Von Logik, Frust und Glücklichsein

Die völlig überzogene Glyphosat-Debatte habe inzwischen schon dazu geführt, dass auf staatlichen Flächen jegliche Art von Pflanzenschutzmitteln verboten wurde, sodass selbst Biobauern dort ihre Betriebe einstellen mussten. Spieker: „Mit Logik hat das nichts mehr zu tun. Ich habe es inzwischen auch aufgegeben, bestimmte Entwicklungen verstehen zu wollen. Denn etwas, was nicht zu verstehen ist, verstehen zu wollen, macht unglücklich; und wir wollen doch alle ein wenig glücklich sein.“

Aus diesem deutlich frustrierten philosophischen Exkurs wandte sich der Lienener wieder seinem Kerngeschäft, der Schweinehaltung und Ferkelproduktion, zu. Von 200 Sauen beim Start 1996 sei er inzwischen auf 700 Muttertiere gewachsen. Angesichts der Gefahren, die aktuell von der afrikanischen Schweinepest ausgehen, aber auch vom Kupierverbot für Ringelschwänze und von dem ab 2019 geltenden Verbot der betäubungslosen Kastration männlicher Ferkel, voraussichtlich begleitet durch ein Verbot, selbst die Betäubung vorzunehmen, scheue er vor einem weiteren Ausbau zurück.

Symbolstreit ums Kupieren

Wie beim Stichwort Glyphosat brach auch beim Thema Kupieren der Streit zwischen Spieker und Steinmann auf. Zwar unterstützt Spieker das WLV-Ziel, das routinemäßige Kupieren von Ferkelschwänzen bis 2030 zu vermeiden, hält es im Gegensatz zu Steinmann aber für fragwürdig, da sich Ferkel durch Bisse in die nervenfreien Schwänze verletzen und so für Krankheitserreger anfällig werden.

„Es ist ein Symbolstreit“, gestand Martin Steinmann zu. „Letztlich geht es um die Frage, ob die Tiere dem Stall angepasst werden oder die Haltung dem Tier. Da sind wir unterschiedlicher Meinung.“ Das Verstümmeln der Schwänze stelle sicherlich keine Tierquälerei dar.

Neuland: Kooperation verbessern

Zu kurz kam Steinmann auch der Aspekt der mangelhaften Zusammenarbeit zwischen Schweineproduzenten und -veredlern, sprich: Mästern. Dies sorge dafür, dass die bäuerlichen Betriebe den mächtigen Großschlachtereien und dem Handel noch schwächer entgegenträten, was sich negativ auf die Preisgestaltung auswirke. Neuland gehe da einen anderen Weg.

Klar wurde damit auch, dass es am Ende ums Geld geht. Carsten Spieker: „Wenn wir dann überall die höchsten Standards haben, kann es sein, dass wir Lebensmittel aus Ländern mit ganz niedrigen Standards importieren müssen, weil die Produktion hier nicht mehr bezahlbar ist.“


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