262 Einsatzkräfte vor Ort Bombensprengung in Atter – 4450 Bürener mussten raus

Von Erna Berg


Lotte. Völlig überrascht wurden die Bürener am frühen Montagabend von der Nachricht, dass ein Blindgänger auf dem Gelände der ehemaligen Landwehrkaserne gesprengt werden muss und sie ihre Wohnungen verlassen müssen. Mit PKW, Bus und Krankenwagen sammelten sie sich in der Gemeinschaftshauptschule. Um 23 Uhr trafen die letzten ein.

18.30 Uhr: Die Vorbereitungen vor und in der Gemeinschaftshauptschule in Wersen laufen an. Die ersten Bürener treffen ein. Gut gelaunt suchen sie Plätze in der warmen, noch leeren Mensa. Einige haben ihre wichtigsten Dokumente mitgenommen – Familienstammbuch, Sparkassenordner, aber auch die Tablets der Kinder. Notwendige Medikamente wie Insulin sind im Handgepäck. Wie viele andere auch sind sie durch Nachbarn informiert worden, dass sie aufgrund der Sprengung eines Bombenblindgängers auf dem Gelände der Osnabrücker Landwehrkaserne ihre Wohnungen am Berliner Platz verlassen müssen.

Anstrengendes Abenteuer für Kinder

Familie Lorey-Ballasch sitzt mit dem fünfjährigen Yannik am Tisch. Noch findet der junge Mann alles ganz toll, hat Decke, Kopfkissen und Trinken dabei. Doch bald liegt das müde Köpfchen auf dem Tisch, dann schläft das Kind auf zwei Stühlen, bis eine DRK-Helferin einen Raum mit Sofa findet. Oma Gabriele ist froh, dass der Kleine jetzt richtig schlafen kann.

Informationen von Mund zu Mund

Aloisia und Albert Knochenwefel vom Ernst-Lück-Platz waren gerade am Fernsehen, als ihre Nachbarin anrief: „Wir müssen hier raus!“. Siegfried Weik aus der Ostlandstraße wurde von seiner Exfrau in Osnabrück angerufen und versicherte sich vorsichtshalber noch einmal bei der Polizei in Osnabrück und Ibbenbüren – dabei war extra eine Bürgerhotline eingerichtet worden, doch diese Information hatten viele offenbar nicht mitbekommen und überlasteten mit Anrufen die Leitstellen der Polizei. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Nachbarn, seiner Mutter und deren Sauerstoffgerät fuhr Weik zum Sammelort nach Wersen. Vereinzelt wird auch verärgert Kritik laut: „Wir wurden überhaupt nicht benachrichtigt. Hätte man nicht wenigstens mit Lautsprecher durch die Straßen fahren können?“

Auch an Hundehalter gedacht

19 Uhr: Reinhold Michler, stellvertretender Kreisrotkreuzleiter, begrüßt die Ankommenden und bittet sie, sich registrieren zu lassen. Die Mensa füllt sich. Ein Raum für Gäste mit Hunden wird eingerichtet. Alle vertragen sich. Flocke vom Drosselweg und Flex vom Wiesenweg haben es sich wie die anderen gemütlich gemacht, sind wenig aufgeregt. Die Herrchen und Frauchen finden es toll, dass es extra einen Hunderaum gibt. Nicolina Dobrenz hat Nelly auf dem Schoß und betont: „Ich finde, man muss einfach ruhig bleiben, sich aufregen und schimpfen ändert nichts. Die Rettungskräfte und Polizei machen ihren Job und helfen, wo sie können.“

Die Einsatzleitung teilt die Bereiche ein. Christian Kleinberns ist Leiter des Betreuungsplatzes 500. Betreuung, Küche, Sanitätsbereich, Ausgabe Verpflegung, Ausgabe Getränke, Logistik und Registrierung werden besetzt unter anderem von Mitgliedern des DRK Ortsvereins Alt-Lotte.

Weiterlesen: Liveticker zur Bombenräumung

Vorbereitungen für eine lange Nacht

19.30 Uhr: Es sind erst gut 80 Leute in der Gemeinschaftshauptschule. Eine fast 20-köpfige Malteser-Truppe aus Rheine trifft ein und unterstützt Personenbetreuung und Registrierung. Immer mehr Bürener kommen ins Evakuierungszentrum. Vier Ärzte sind vor Ort.

20 Uhr: Die Menschen sind mit Kaltgetränken, Spielen und die Kinder mit Süßigkeiten versorgt worden. Vorsichtshalber stehen schon Feldbetten bereit, denn einige Menschen können auf den harten Stühlen nicht mehr sitzen.

Aus Metelen sind Ekrem Akgün, Claudia Wessels und Sophie Störmann mit einer Feldküche angereist und erhitzen Wasser. Wessels geht davon aus, dass es „die ganze Nacht dauert.“ In der Sporthalle versorgen Malteser die Einsatzkräfte mit Getränken und Kaffee. Der Einsatzwagen vor der Schule ist mit Feuerwehrleuten aus Westerkappeln besetzt. Sie bilden die Abschnittsleitung.

21 Uhr: 200 Personen sind registriert und werden in Aula, Mensa und in den oberen und Unterrichtsräumen untergebracht. Die jüngste Evakuierte ist Liath mit ihren drei Monaten. Die zehnjährigen Schülerinnen Larissa, Kari und Mira überlegen noch, ob sie am nächsten Tag zur Schule gehen. Es kommt drauf an, wie lange sie noch bleiben müssen. Feldbetten werden gebracht und aufgebaut.

Uneinsichtige verzögern Evakuierung

21.40 Uhr: Bürgermeister Rainer Lammers macht sich ein Bild von der Situation in der GHS. Zusammen mit Kreisbrandmeister Raphael-Ralph Meier spricht er zu den Menschen in der Aula. „Diese Bombenräumung hat uns alle sehr überrascht. Es steht jetzt fest, dass die Bombe gesprengt werden muss. Sie müssen die Evakuierung auf sich nehmen, denn die Vorsichtsmaßnahmen müssen sein. Danken möchte ich allen Helfern bei diesem Einsatz.“

Kreisbrandmeister Meier berichtet, dass 262 Einsatzkräfte aus NRW dafür Sorgen tragen, dass die Menschen aus Büren evakuiert und versorgt werden. „Leider sind noch einige unterwegs, denn nicht alle sind einsichtig und weigern sich ihre Wohnungen zu verlassen. Das verzögert die Sprengung.“

23 Uhr: Ein Bus bringt immer noch Evakuierte nach Wersen. Ein Rettungswagen bringt eine bettlägerige Frau. Die Einsatzleitung teilt mit, dass sich jetzt 445 Menschen in der Gemeinschaftshauptschule aufhalten. Die Evakuierung scheint abgeschlossen zu sein.

0.03 Uhr: Eine gewaltige Explosion ist in Wersen zu hören. Aufatmen. Nun kann die Rückkehr der Bürener durch das DRK beginnen. Für die Einsatzkräfte ist die Nacht noch nicht zu Ende, denn alles muss wieder abgebaut, eingeladen und die Schule aufgeräumt werden. Viele haben noch eine weite Rückreise in ihre Heimatorte.