„Wer A sagt, muss auch B sagen“ Lottes Flüchtlingsbeauftragter zur Integrationsdebatte

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Frank Negraßus (Mitte) betreut seit 2015 Flüchtlinge in Lotte. Familien, Alleinstehende, von ihren Familien Getrennte. Er weiß um ihre Sorgen und die Hindernisse auf dem Weg zu einer gelungenen Integration. Die aktuellen Debatten hält er für unangebracht und nicht zielführend. Archivfoto: Angelika HitzkeFrank Negraßus (Mitte) betreut seit 2015 Flüchtlinge in Lotte. Familien, Alleinstehende, von ihren Familien Getrennte. Er weiß um ihre Sorgen und die Hindernisse auf dem Weg zu einer gelungenen Integration. Die aktuellen Debatten hält er für unangebracht und nicht zielführend. Archivfoto: Angelika Hitzke

Lotte. Integration – das ist die herausfordernde Aufgabe vor der Flüchtlingsbetreuer und Geflüchtete gemeinsam stehen. Kann der viel diskutierte Familiennachzug dabei helfen oder ist er eher ein Hindernis? Lottes Flüchtlingsbeauftragter Frank Negraßus spricht über seine Erfahrungen vor Ort.

Herr Negraßus, Sie sind seit fast drei Jahren hauptamtlicher Flüchtlingsbetreuer in Lotte. Wie hat sich die Situation vor Ort seitdem entwickelt?

In 2015/16 galt es, bis zu 18 Flüchtlinge wöchentlich unterzubringen. Diese Phase war eine Zeit des fieberhaften Arbeitens aller Beteiligten. Servicebetriebe, Verwaltung, Ehrenamtliche, Mitbürger und auch die Politik haben hier in Lotte großartige Arbeit geleistet, um diese Aufgabe zu bewältigen. Es war eine Freude, zu sehen, wie kurz Wege sein können, wie schnell Entscheidungen getroffen wurden und was lösungsorientiertes Handeln bewirken kann. Nach einer Zeit des Kennenlernens und Herausfindens der Bedürfnisse sind wir jetzt in Etwas, das wir als „Integrationsmodus“ bezeichnen könnten. Es werden Deutschkurse besucht, es wird Arbeit gesucht, es wird gearbeitet. Die mittlerweile Angekommenen suchen eine Perspektive für ihr neues Leben.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell?

Sehr viele unserer neuen Mitbürger arbeiten, gehen zur Schule oder befinden sich in Maßnahmen der Arbeitsagentur. Dies gilt sowohl für anerkannte, als auch für noch im Anerkennungsverfahren befindliche Menschen. Dennoch wohnen sehr viele von ihnen noch nach oft mehr als zwei Jahren in Mehrbettzimmern in Gemeinschaftsunterkünften, ohne wirklich eine Privatsphäre zu haben. Diejenigen ohne Arbeit sind oft geplagt von Langeweile und wünschen sich nichts sehnlicher als einen Arbeitsplatz, eine Beschäftigung, eine Perspektive, oder zumindest einen Sprachkurs. Gerade die Menschen aus den sogenannten Ländern „ohne Bleibeperspektive“ trifft es besonders hart, da sie keinen Anspruch auf jegliche Unterstützung haben. Kein professioneller Sprachkurs, keine Förderung, keine Aussicht auf eine Wohnung. Wir brauchen, Arbeit, Wohnraum, Sprachkurse. Hört sich simpel an, ist es aber offensichtlich nicht.

Es gibt Politiker – etwa in der AfD –, die sagen, nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge sei überhaupt integrationsfähig. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Die AfD ist sicherlich in der Integrationsdebatte der denkbar schlechteste Akteur, und ihre populistischen bis faschistoiden Beiträge dazu eigentlich nicht diskutabel. Ich sage „eigentlich“, da sie es zu meinem Bedauern trotzdem geschafft hat, die wunderbare Willkommenskultur, die wir in der BRD gespürt haben, zu untergraben, indem sich die etablierten politischen Kräfte gegenseitig versuchen, in Ideen zur Restriktion der Asylpolitik zu überbieten. Ich treffe hier täglich Menschen, die dankbar sind, dass sie hier sind. In Gesprächen erzählen sie mir, dass sie die Rechtsstaatlichkeit lieben, denn ein Gesetz hat hier Gültigkeit, die Polizei, denn sie handelt nicht willkürlich, sondern ist zu ihrem Schutz da. Schon sehr oft habe ich durch diese Gespräche das, was unseren Staat, bei all seinen Problemen ausmacht, mehr schätzen gelernt. Integration ist keine Assimilation, Integration bedeutet, etwas anders sein lassen können, Vielfalt anerkennen und zuzulassen. Jeder und Jede hier möchte dazugehören, wir müssen ihnen nur die Chance und die Zeit geben.

Was ist das größte Hindernis auf dem Weg zur Integration?

Neben den bereits erwähnten Schwierigkeiten Wohnen, Arbeit und Sprachkursen sehe ich in der Halbherzigkeit der Integrationspolitik die größten Hindernisse. Als Frau Merkel 2015 die Grenzen öffnete, hat sie sich nicht nur bei mir, sondern bei unglaublich vielen Menschen, über alle Parteigrenzen hinweg, großen Respekt verdient. Wer aber A sagt, der muss auch B sagen und langfristig integrative Perspektiven möglich machen. Das passiert immer weniger. Auch auf kommunaler Ebene ist das jetzt schon sichtbar. Die Arbeitsagentur schließt ihre „integration points“, in vielen Gemeinden werden Kollegen von mir entlassen und die Flüchtlinge damit sich selbst überlassen. Ich hatte hier auf mehr Weitsicht gehofft. Ich habe großen Respekt vor den in unserem Grundgesetz formulierten Werten und Grundrechten und ich würde mir wünschen, dass diese Werte offensiver und mehr vermittelt würden.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang der Familiennachzug?

Familiennachzug bedeutet, dass minderjährige Kinder und Ehepartner nachkommen dürfen. Wie wichtig das ist? Diese Frage erübrigt sich. Es gehe doch mal ein Jeder in sich und stelle sich das vor. Eine Trennung von Familien ist weder mit christlichen, noch humanistischen Werten vereinbar.

Können Sie nachvollziehen, wenn Menschen befürchten, der Familiennachzug könnte auch zu Clanbildungen und Parallelgesellschaften führen und so Integration eher verhindern als fördern?

Wenn man zu lange von seinen Liebsten, seinen wichtigsten Menschen getrennt bleibt, wie soll man sich dann integrieren, wie soll man glücklich sein, wie kann man ankommen und an seine Zukunft denken? Gar nicht. Schon die Residenzpflicht, die es auch anerkannten Flüchtlingen nicht erlaubt, innerhalb der BRD zu wohnen, wo sie wollen, schafft viel Leid. Viele Familien sind über Deutschland, oder auch Europa auseinandergerissen und haben keine Chance zueinander zu kommen, da sie verpflichtet sind, in der Gemeinde zu sein, der sie zugewiesen sind. Das ist alles ein großer, bürokratischer, menschenverachtender und Integration verhindernder Unsinn. Begriffe wie Clans, Parallelgesellschaften erscheinen mir eher tendenziös und sind wenig geeignet irgendetwas zu beschreiben.

Gibt es in Lotte Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus, die noch auf ihre Familien warten?

Die Anzahl der subsidiär Geschützten, die auf Familienmitgliedernachzug hoffen, ist überschaubar. Meines Wissens hofft ein Mann auf den Nachzug seiner Frau und eine Frau auf das Wiedersehen mit zwei ihrer Kinder, die sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat.

Wie verfolgen die die derzeitige Diskussion im Zuge der Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene?

Es sind andere Themen, die die meisten Flüchtlinge beschäftigen. Das mag auch oftmals an Sprachbarrieren liegen. Bomben in Kabul und in Idlib. Die Kriege sind ja nicht zu Ende und jeder hat da Freunde oder Verwandte. Oftmals bekommen sie live via Whatsapp mit, wenn gerade Bomben fallen und ihre Gedanken sind dort. Bei vielen afrikanischen Flüchtlingen sind die Misshandlungen und Vergewaltigungen in Libyen ein wichtiges Thema und sie verstehen nicht, dass niemand hilft.


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