Eldorado für erfahrene Taucher Von der Industriebrache zum attraktiven Kreidesee

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Lotte. Wenn das Bürener Ehepaar Kefrig mal wieder für eine Reportage abtaucht, muss das nicht unbedingt am anderen Ende der Welt sein. Obwohl Rose Kefrig, meist verantwortlich für die Texte, keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für warme Gewässer macht: „Ich bin die Korallen-Queen“, sagt sie. Ihr Mann Udo schwärmt dagegen von einem anspruchsvollen Tauchrevier, das fast vor der Haustür liegt: dem Kreidesee Hemmoor zwischen Cuxhaven und Stade. „Perle des Nordens“ nennt er ihn.

Dabei ist der bis zu 60 Meter tiefe See nahe der B 75, ziemlich genau in der Mitte zwischen Stade und Cuxhaven gelegen, kein natürlicher See, sondern das Resultat von 117 Jahren Zementproduktion. 1862 hatten Stader Kaufleute für den steigenden Bedarf der aufkommenden Industrie auf dem Gelände eine Kalk- und Ziegelbrennerei sowie eine Zementfabrik errichtet. Denn in Hemmoor trat eine Kreideader an die Erdoberfläche – und Kreide wurde neben Ton und Kohle für die Zementherstellung benötigt. Nach Angaben von Zeitzeugen soll die „Portland Cementfabrik Hemmoor“ sogar den Zement für den Sockel der Freiheitsstatue in New York geliefert haben, erzählt Udo Kefrig.

Verfüllung mit Rotschlamm verhindert

Für die Kreidegrube, die Ende der 70er Jahre mit über 60 Hektar Fläche und fast 120 Metern Tiefe extreme Ausmaße angenommen hatte, kam bald das wirtschaftliche Aus, weil die Förderung zu teuer wurde und das nachdrückende Grundwasser Probleme bereitete. Die Grube füllte sich mit Grund- und Regenwasser. Dem Tagebau verdanken Taucher einen See, der mit immer noch 33 Hektar Fläche und 60 Metern Tiefe der dritttiefste in Norddeutschland ist. Die ursprünglichen Pläne der Eigentümer, den entstehenden See mit Rotschlamm aus der benachbarten Aluminiumherstellung zu verfüllen, verhinderten Unterschriftenaktionen der Sporttaucher, die das Gewässer mit seinen in Schönwetterperioden beachtlichen Sichtweiten von 20 bis 30 Metern schnell für sich entdeckt hatten. Einer von ihnen war der Bundespolizeitaucher Holger Schmoldt, der heute als Pächter die von ihm und seinen Mitstreitern aufgebaute Tauchbasis samt Campingplatz und Ferienhaussiedlung betreibt und zusammen mit Rose und Udo Kefrig ein Buch darüber geschrieben hat. Es ist allerdings nicht im Buchhandel, sondern nur vor Ort bei ihm oder über die Kefrigs erhältlich ( www.heinz.press/v/1/kreidesee-hemmoor).

Kaltwasser mit großen Sichtweiten

Warum der Kreidesee Hemmoor trotz seines kalten Wassers – die Temperatur in 25 Meter Tiefe beträgt auch im Sommer nur 4 bis 8 Grad – so ein beliebter Tauchspot ist, verrät Udo Kefrig: „Hier in Norddeutschland gibt es nicht viele Gewässer mit solchen Sichtweiten.“ Und mit so interessanten „Wracks“ in verschiedenen Tiefen: Die Palette der Attraktionen (nicht nur) für Technik-Freaks reicht von zurückgelassenen Maschinen, Förderbändern, Rohrleitungen und Rüttlern über einen Lkw, einen Wohnwagen, mehrere Pkw und ein eigens im See versenktes Segelboot bis zu Schienen und Andreaskreuzen der früheren Fördereisenbahn, Höhlen, Gängen der Meisterbude und Steilhängen mit Steinschlagmatten.

Süßwasserflora und -fauna entstanden

Dazu hat sich eine eindrucksvolle Süßwasserflora und -fauna entwickelt: Es gibt Dreikantmuscheln, Forellen, Aale, Zander, Flussbarsche und Flusskrebse. Im Ufergestrüpp und zwischen den Zweigen ins Wasser gestürzter Bäume bieten verschiedene Algenarten Saiblingen, Stinten, Rotfedern, Schleien, Schnecken, Schwämmen und Amphibien Laichplätze und Unterschlupf.

Spezialausrüstung nötig

„Da tauche ich schon seit 30 Jahren“, berichtet der Bürener Unterwasserfotograf und erzählt, dass er und seine Frau sich jedes Jahr, meistens im Sommer, dort für eine Woche ein Ferienhaus mieten und mit Spezialausrüstung (Trockentauchanzug, dicke Kopfhaube, Dreifingerhandschuhe, kaltwassertaugliche, vereisungssichere Lungenautomaten) drei - bis viermal am Tag abtauchen. Tauchen könne man aber das ganze Jahr dort, so Udo, worauf Rose vehement protestiert: „Ich geh doch da nicht im Winter rein!“

Attraktiv für Unterwasserfotografen

Beide räumen ein, dass der See schon wegen seiner Tiefe und der Wassertemperatur nichts für Anfänger ist. Für erfahrene Freizeit-, Tech- und Apnoetaucher, Unterwasserfotografen und -filmer sei er jedoch ein wahres Eldorado, findet Udo Kefrig. Was ihn und seine Frau aber nicht davon abhält, schon wieder Pläne für die nächsten Tauchreisen in tropische Gefilde zu schmieden: Im März soll es für einen Monat auf der MS Amira auf der Suche nach Walhaien durch die indonesische Inselwelt gehen. Ein weiteres Film-, Foto- und Reportagethema sind die schwimmenden Schweine auf den Bahamas.

Arbeit für Taucherzeitschrift

Wann genau das Bürener Ehepaar für die Zeitschrift „Unterwasser“ ( www.unterwasser.de) dorthin fährt, steht noch nicht fest. Eins aber möchten Rose und Udo Kefrig klarstellen: Was für andere wie Urlaub aussieht, ist für sie Arbeit. Denn als feste freie Mitarbeiter des Tauchermagazins müssen sie die Geschichten abliefern, die dieses haben möchte. „Urlaub machen wir dann hier zu Hause“, so Udo Kefrig.


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