Deutsche Meisterschaft Modellflugpiloten in Nordhorn zeigen Fliegertänzchen

Von André Partmann


part Nordhorn. „Ein kleiner Wackler kann dir den gesamten Wettbewerb kosten“, sagt William Kiehl. Der 24-Jährige aus Lindau am Bodensee ist Punktrichter bei der Deutschen Indoor Meisterschaft im Kunstflug. Dort messen sich Europas beste Modellflugpiloten.

Die drei grauen Transportboxen in einer der Umkleidekabinen des Nordhorner Euregiums nehmen gleich mehrere Quadratmeter Platz in Anspruch. „Es stimmt schon: Sie wirken ein wenig einschüchternd, fast wie Särge“, sagt Helmut Langwost, der Jugendwart des Modellflugclubs (MFC) Nordhorn, als er auf deren ungewöhnliche Größe angesprochen wird. Dass das Utensil, das in den Boxen transportiert wird, dabei nur aberwitzige 40 Gramm wiegt, klingt da für den Laien fast schon unglaubwürdig. Doch es ist ein Muss für ein Modellflugzeug, das sonst durch äußere Windeinflüsse Schaden nehmen würde.

Nicht immer verständlich

Es ist nicht das einzige Mal, dass dem Anfänger am Wochenende nicht alles auf Anhieb plausibel. Wer hier, auf der Deutschen Indoor Meisterschaft im Kunstfliegen im Euregium, vor Ort ist, der muss sich erst einmal herantasten – und lernen. Denn anders als in Sportarten mit Medienpräsenz wie Fußball ist der Modellflug nicht immer leicht verständlich. „Das macht es allerdings nicht weniger faszinierend“, sagt Dennis Heskamp, 2. Vorsitzender beim MFC Nordhorn. Er ist Mit-Organisator der Deutschen Meisterschaft, die nach 2013 zum zweiten Mal in der Kreisstadt stattfindet.

Rasante Entwicklungen

Heskamp selbst war jahrelang selbst aktiver Indoor-Modellflugpilot und dabei äußerst erfolgreich gewesen. Eine Teilnahme an den World Air Games (WAG) in den Vereinigten Arabischen Emiraten zählen ebenso zu seinen Erfolgen wie eine Deutsche Meisterschaft. Heute fliegt der 19-Jährige aus Lohne mit seinen Modellfliegern nur noch „outdoor“. Der Grund: Die Entwicklungen der vergangenen Jahre im Indoor-Modellflug waren zu rasant. Heskamp fehlte am Ende nicht nur die Motivation, seinen Flieger ständig umzurüsten, auch finanziell wurde es trotz der Unterstützung vieler Sponsoren immer enger.

Teurer als Gold

„Als ich 2010 meinen ersten Wettkampf geflogen bin, waren die Modellflieger noch 280 Gramm schwer“, erklärte Heskamp. Das Material, das damals verwendet wurde, war Depron, ein styroporähnlicher Leichtstoff. Durch neue Innovationen wurde das Material Stück für Stück ersetzt. Heute besteht ein Indoor-Modellflieger bei einer Flügelspannweite von rund einem Meter aus Kohlefaserstäben und Mylar-Folie. Der Flieger wiegt so nur noch ein Bruchteil im Vergleich zu Heskamps Zeiten. Es schlägt sich allerdings auch im Preis wieder: Der Preis pro Gramm eines Fliegers ist höher als der von Gold“, erklärt er. Für die teuersten Indoor-Modelle geben Piloten bis zu 1600 Euro aus.

Flugfiguren geschmeidiger

Doch die Investitionen zahlen sich spätestens im Wettbewerb aus: „In der heutigen Zeit hätte ich vermutlich keine Chance mehr mit meinem alten Flieger“, macht Heskamp deutlich. Die neuen Modelle seinen nicht nur wendiger, sie können auch die geforderten Flugfiguren geschmeidiger aussehen lassen. Ein Punkt, der im Indoor-Kunstflug eine nicht unerhebliche Rolle spielt. „Wir sind allerdings jetzt an einem Punkt angekommen, an dem nicht mehr viele neue Entwicklungen dazu kommen werden“, berichtet der Lohner. Eine Rückkehr in den Indoor-Flug schließt er dennoch aus.

Spontaner Start

Ganz anders sieht dies bei Bjarne Thomsen, Kevin Bruggink und Leon Wilmink aus. Thomsen, ebenfalls Lohner, hat die ersten Wettkämpfe hinter sich, für Bruggink und Wilmink sind es an diesem Wochenende die ersten Auftritte – und das auch noch in der Heimat vor Freunden und Verwandten. Vorbereiten konnten sie sich nur zwei Wochen, ihr Start in der Rookie-Klasse sei spontan gewesen.

Jene Rookie-Klasse ist die Einsteigerklasse im Indoor-Modellflug. Wer sich dort beweist, steigt in die Sportklasse auf, die Besten der Besten beweisen sich in der Expertklasse. Der Ablauf des Wettbewerbs ist simpel erklärt: Jeder Pilot muss drei Flugdurchgänge absolvieren. Ein Zeitlimit ist nicht vorgegeben, es müssen lediglich unterschiedlichen Figuren möglichst fehlerfrei geflogen werden.

Bis zu zehn Punkte

„Dabei kann einiges schief laufen“, sagt William Kiehl. Der 24-jährige ist einer der vier Punktrichter in Nordhorn. Er achtet nicht nur darauf, dass die Piloten möglichst präzise fliegen, sondern auch, dass die Raumaufteilung beim Fliegen stimmt und die Flughöhe konstant gehalten wird. Das Bedienen der Fernbedienung, unter Modellpiloten Sender genannt, erfordere Multitasking. „Es schleichen sich schnell kleine Fehler ein“, bestätigt Kiehl. Der Wertungsbogen sei unterteilt in verschiedene Kategorien, die bestmögliche Wertung ist eine Zehn.

Platz 4, 5 und 7

Die Grafschafter Piloten beweisen in ihrer Klasse Ruhe, sie fliegen die Figuren sauber und machen nur kleinere Fehler, die mit dem ungeschulten Auge kaum sichtbar sind. Wie so vieles am Abend. Leon Wilmink beschert der Auftritt am Ende den vierten Platzt, Bruggink und Thomsen belegen im Gesamtklassement Platz 5 und 7.

„Die Faszination Modellflug ist nur schwer zu erklären“, sagt Langwost. „Die einen begeistern sich für das Bauen der Modelle, andere bevorzugen das Programmieren des Senders oder Anpassen der Ruderausschläge.“ Was allerdings alle verbindet: Die Leidenschaft beim Fliegen.

Figuren passend zur Musik

Diese ist dann auch gefragt, um in der Zusatzklasse bei der Deutschen Meisterschaft, dem Aero Musical, punkten zu können. Während eines zweiminütigen Durchgangs müssen sich die Piloten ihre Musik selbst zusammenschneiden und passend dazu Flugfiguren einbauen. Da kommt es vor, dass Céline Dions Titelmusik zu „Titanic“ plötzlich für ausschweifende Rudermanöver herhalten muss.

36 Teilnehmer

Insgesamt 36 Teilnehmer aus ganz Europa nehmen am Wochenende in Nordhorn teil. Es ist mehr als ein bloßer Wettkampf, vielmehr ein Austausch begeisterter Anhänger einer sich stetig entwickelnden Spatensportart. Sie wird auch vor den sperrigen Transportboxen nicht Halt machen.