Einmaliger Vorfall Ursache für Glockensturz in Wietmarscher Kirche unklar


Wietmarschen. Eine 800 Kilogramm schwere Glocke hat sich in der Wallfahrtskirche Wietmarschen (Grafschaft Bentheim) von ihrer Aufhängung gelöst und ist herabgestürzt.

„Der Vorfall hat sich bereits zwischen dem 9. und 10. November 2016 ereignet“, erklärte jetzt Pfarrer Gerhard Voßhage , der selber erst am 16. November aus einer Rehamaßnahme in seine Gemeinde zurückgekehrt ist . Das Geläut seiner Kirche sei am 9. November im Rahmen der routinemäßigen jährlichen Wartung von der Firma Diegner & Schade aus Dorsten überprüft worden. „Dabei sind keinerlei Mängel festgestellt worden“, versicherte Andreas Reinartz, Glockensachverständiger des Bistums Osnabrück.

Voßhage: Relevanz des Vorfalls nicht erkannt

Der Küster der Wallfahrtskirche habe dann am 10. November gemerkt, dass Glocke Drei der Kirche sich zum Läuten nicht einschalten ließ und schließlich festgestellt, dass die stählerne Glocke auf dem Boden der Glockenstube oben im Turm der Kirche liegt, schilderte Voßhage weiter. „Ich muss selbstkritisch feststellen, dass wir die Relevanz dieses Vorfalls nicht erkannt und die Öffentlichkeit zu spät informiert haben“, gab der Geistliche zu. Er sei glücklich darüber, dass niemand dabei zu Schaden gekommen sei.

Glocke übersteht Sturz unbeschadet

„Auch die Glocke hat den Sturz aus zwei Meter Höhe unbeschadet überstanden“, sagte Glockensachverständiger Reinartz. Die 1,20 Meter hohe Glocke mit ihrem ebensolchen Durchmesser sei auf eine Bohle des Glockenstuhls gefallen, die gebrochen sei und den Sturz abgefedert habe.

Ursache für Riss von Bolzen unklar

Die Ursache für den Absturz stehe aber noch nicht endgültig fest. „Klar

ist, dass die vier Bolzen, mit denen die Glocke vom Glockenteller an ihrem oberen Ende mit dem Glockenjoch verbunden war, gerissen sind,“ erläuterte Reinartz. Erklären kann er sich dies noch nicht. „Wir brauchen statisch gesehen nur 15 Prozent der Tragkraft dieser Bolzen“, sagte er. Diese Bolzen der 1947 gegossenen Marienglocke, die nun abgestürzt ist, seien 1999 zusammen mit dem stählernen gekröpften Glockenjoch erneuert worden, erläuterte Reinartz. Warum diese „relativ neuen“ Bolzen jetzt gerissen sind, müssten jetzt weitere Untersuchungen ergeben.

Haarmann: Eher vom Blitz als von Kirchenglocke erschlagen

Bistumssprecher Hermann Haarmann schätzt die Gefahr, dass weitere Glocken, auch in anderen Kirchen, hinabfallen, als sehr gering ein: „Wir haben so einen Fall im Bistum noch nicht erlebt. Es ist wahrscheinlicher, vom Blitz als von einer Kirchenglocke erschlagen zu werden.“ Zumindest, wenn gewisse Sicherheitsregeln eingehalten würden, fügte Reinartz hinzu. „Wir haben die ‚verbietende Empfehlung‘ ausgesprochen, keine Unbefugten in die Glockenstuben zu lassen“, erneuerte Reinartz einen Appell an alle Kirchengemeinden im Bistum Osnabrück. Denn nur dort bestehe überhaupt eine Gefahr. „Der Boden unter dem Glockenstuhl ist so massiv, dass eine Glocke nicht durch den Turm ganz nach unten stürzen kann“, versicherte der Glockensachverständige, der zugleich Architekt ist.

Bestimmten Glockentyp überprüfen

Zudem seien es konstruktionsbedingt nur Stahlglocken mit einem gekröpften Joch, bei denen es zu einem Vorfall wie jetzt in Wietmarschen kommen könne. „Stahlglocken gibt es im Bistum 213. Wieviele davon ein gekröpftes Joch haben, wissen wir nicht“, sagte Reinartz. Er werde jetzt alle Gemeinden auffordern, wenn sie eine solche Glocke hätten, diese auch außerhalb der jährlichen Routinewartung zu überprüfen. Die 574 Bronzeglocken in den Kirchen des Bistums Osnabrück seien wegen ihrer anderen Art der Aufhängung nicht betroffen.

Stahlglocken bleiben vorerst stumm

Wie geht es in Wietmarschen jetzt weiter? „Wir können vorerst nur mit unseren zwei bronzenen Glocken läuten“, sagte Pfarrer Voßhage. Die beiden weiteren Stahlglocken des Geläuts würden solange stumm bleiben, bis die Ursache für den Glockensturz feststehe. Dies könne bis Anfang 2017 dauern. „Sollte nur eine Erneuerung der Aufhängung nötig sein, kostet dies rund 5000 Euro“, schätzte Reinartz. Müssten hingegen die Joche aller drei Stahlglocken in Wietmarschen ausgetauscht werden, könnten die Kosten auf 25.000 bis 30.000 Euro steigen.

Evangelische Landeskirche will abwarten

Andreas Philipp, Glockensachverständiger der evangelischen Landeskirche Hannover, ist für etwa 5000 Glocken zuständig und kann sich nicht erklären, wie es in Wietmarschen zum Absturz der Glocke gekommen ist. „Mir ist in 13 Jahren kein einziger Fall bekannt geworden“, sagte Philipp. Es handele sich um einen absoluten Ausnahmefall. Daher wolle er die Ergebnisse abwarten, warum die Glocke in Wietmarschen abgestürzt sei. „Ich werde mich mit meinem katholischen Kollegen Reinartz unterhalten und bin gespannt, was bei seinen Untersuchungen rauskommt“, erklärte Philipp. Und auch aus einem anderen Grund bleibt Philipp trotz des Vorfalls in Wietmarschen ganz entspannt: „Im Jubiläumsjahr der Reformation fällt bei uns garantiert nichts runter“, scherzte der evangelische Glockensachverständige.


0 Kommentare