Veranstaltung in Wietmarschen Hebammen im ländlichen Raum sind in Not


Wietmarschen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roy Kühne aus Northeim hat die Hebammen dazu aufgerufen, in der Öffentlichkeit lautstark auf ihre Probleme aufmerksam zu machen.

Eingeladen zu der Veranstaltung im Gasthaus Schnieders in Wietmarschen-Lohne mit Kühne und dem Grafschafter CDU-Bundestagsabgeordneten Albert Stegemann hatten die Kreisverbände Grafschaft Bentheim und Lingen der Frauen Union (FU). Seit dem 1. Juli 2016 müssen freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen in Deutschland eine weitere Erhöhung der Haftpflichtprämien hinnehmen. Einige von ihnen müssen laut FU bis 7000 Euro jährlich bezahlen. Bereits seit mehreren Jahren steigen Hebammen aufgrund der Haftpflichtproblematik aus der freiberuflichen Geburtshilfe aus oder geben ihren Beruf sogar auf. „Die Hebammen im ländlichen Raum sind in Not“, verwies die Vorsitzende der FU Lingen, Martha Laarmann, auf die dramatische Lage.

CDU-Bundestagsabgeordneter Kühne sieht keine Chance für Haftungsfonds

Kühne ist im Bundestag ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, wo er Berichterstatter für Heil- und Hilfsmittel und verantwortlich für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe ist. Der CDU-Politiker geht davon aus, dass die Haftpflichtproblematik in der laufenden Legislaturperiode des Bundestages nicht mehr behandelt wird. Die Einführung eines Haftungsfonds sah er nicht als Lösung an. Es sei schwierig, die Fälle abzugrenzen, in denen er zum Tragen komme. Nach seiner Einschätzung würden bei einer Einführung auch andere Berufsverbände einen Haftungsfonds verlangen.

Hebammen brauchen auch Zeit für Vorsorge und Nachsorge

Die Hebammen Anita Feld und Marianne Wiggering sowie weitere Berufskolleginnen im Publikum betonten die Notwendigkeit, der Frau nicht nur während der Geburt beizustehen, sondern auch genügend Zeit für die Vorsorge und Nachsorge zu haben.

„Wir freuen uns, Politiker an unserer Seite zu haben, die uns wohlgesonnen sind“, lobte die stellvertretende Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen, Hilke Schauland, in der Veranstaltung das Engagement von Roy.

Weites Arbeitsfeld

Auf Anfrage unserer Redaktion verwiesen Schauland und die Verbandsvorsitzende Veronika Bujny darauf, dass Hebammen ein weites Arbeitsfeld haben. In einer Erklärung schrieben sie: „In den Kliniken arbeiten sie rund um die Uhr im Kreißsaal, freiberuflich arbeiten sie in Geburtshäusern, Hebammenpraxen oder als Soloselbstständige in der Schwangerschaft, bei Geburten und am Wochenbett. Immer tragen sie die Verantwortung für die Gesundheit und Versorgung von Müttern und Kindern.“

„Last auf immer weniger Schultern verteilt“

Diese Verantwortung könne zu einer enormen Belastung werden, wenn auf der einen Seite die Anforderungen in allen Bereichen stiegen und auf der anderen Seite die Last auf immer weniger Schultern verteilt werde. „Wir Hebammen lieben unseren Beruf, der Arbeitsalltag muss jedoch zu bewältigen sein“, betonten Bujny und Schauland. Nach ihren Angaben kommt es in vielen Kliniken vermehrt zu personellen Engpässen, weil die Stellenbesetzungen zu eng bemessen sind. Jede fünfte Klinik könne laut einer Umfrage derzeit ihre Hebammenstellen nicht mehr vollständig besetzen.

„Selbst bei Presswehen müssen Hebammen manchmal den Kreißsaal verlassen“

Eine Frau sollte bei der Geburt eine Hebamme zur Seite haben, die Zeit für sie hat. Es komme jedoch immer häufiger vor, dass eine Hebamme drei oder vier Frauen gleichzeitig betreuen müsse. Selbst bei Presswehen müssten Hebammen manchmal den Kreißsaal verlassen. Das verstärke die Angst und erhöhe die Rate der Kaiserschnitte.

Verband drängt auf Erhöhung der Ausbildungszahlen

Der Mangel an Hebammen hänge auch mit der Reduzierung der Ausbildungsstellen in den 1990er-Jahren zusammen. Die Verbandsvertreterinen: „Bisher werden Hebammen in Fachschulen an den Kliniken ausgebildet. Die EU-Anpassung erfordert nun eine Hochschulausbildung, da Deutschland das Schlusslicht in der EU bildet. In den allermeisten EU-Staaten ist die Hebammenausbildung bereits akademisiert. Es gilt, Konzepte zu entwickeln, die einen zügigen Übergang und eine Erhöhung der Ausbildungszahlen begleiten, um den Mangel zu beheben, wissenschaftliches Arbeiten zu fördern und die Versorgung zu verbessern.“

„Manche Frauen rufen 30 oder mehr Hebammen an“

Laut Bujny und Schauland Bujny verlassen Frauen das Krankenhaus oft sehr früh und sind dann sehr froh über die Unterstützung der Hebammen. „Diese Erwartung dann nicht erfüllt zu sehen, weil keine Hebamme freie Betreuungsmöglichkeiten hat, führt zu vielen Problemen. Manche Frauen rufen 30 oder mehr Hebammen an und sind am Ende immer noch nicht versorgt.“ Auf der Landkarte der Unterversorgung kann der Versorgungsmangel unter www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden/ sichtbar gemacht werden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN