Serie "Blick von außen" Wie ein Sachse in Wietmarschen-Lohne heimisch wurde

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Gerne ist Roland Strehl mit seiner Hündin in Wietmarschen-Lohne unterwegs. Foto: Ludger JungeblutGerne ist Roland Strehl mit seiner Hündin in Wietmarschen-Lohne unterwegs. Foto: Ludger Jungeblut

Wietmarschen. Die DDR wünscht sich der gebürtige Leipziger Roland Strehl nicht zurück. Der 63-jährige Rentner wohnt seit 1991 in Lohne. Wie hat es ihn und seine Familie ausgerechnet in die Gemeinde Wietmarschen verschlagen?

„Man muss dahin gehen, wo die Arbeit ist und nicht darauf warten, dass die Arbeit zu einem kommt“, sagt der gelernte Maurer in einem Gespräch mit der Redaktion. Bis zur Wende in den Jahren 1989/1990 hat er in Leipzig in einem 17000-köpfigen Kombinat gearbeitet und als Maurer, Fußbodenleger und Dachbahnleger mit dafür gesorgt, dass die Menschen in seiner Heimatstadt ein Dach über den Kopf bekamen.

Die Wende hat er als befreiend empfunden. „Schon Jahre vor dem Herbst 1989 sind immer wieder montags Menschen von der Leipziger Nikolaikirche aus mit Kerzen in der Hand schweigend durch die Stadt gelaufen. Die Stasi hat einige Personen festgenommen, musste diese dann aber wieder gehen lassen, weil sie sich nicht strafbar gemacht hatten.“

"Im März 1989 drohte in der DDR ein Bürgerkrieg"

Die Lage im Herbst 1989 sei äußerst kritisch gewesen. „Auf der Autobahn zwischen Halle und Leipzig waren auf einer Länge von 30 Kilometer Panzer in großer Zahl aufgefahren. Stasi-Chef Erich Mielke hatte schon den Schießbefehl erteilt.“ Strehl ist davon überzeugt, dass die Mannschaften nicht auf das eigene Volk geschossen, sondern die Kanonen auf die Offiziere der Nationalen Volksarmee gerichtet hätten. „Dann wäre es zum Bürgerkrieg gekommen.“

Mit der Auflösung der Kombinate verlor auch Strehl seine Arbeit. Weil zudem sein Sohn Marian keine Aussicht auf eine Lehrstelle hatte, entschloss sich der Handwerker dazu, mit seiner Frau, den beiden Söhnen und der Schwiegermutter in den Westen in der Hoffnung zu ziehen, dort Arbeit zu finden. Er bat eine Tante, die in der Gemeinde Wietmarschen lebte, ihm dabei behilflich zu sein.

 Die Tante stellte über einen Bekannten einen Kontakt zum Bauunternehmer Hermann Bickers in Lohne her. „Weil ich sächsisch sprach und der Seniorchef fast nur plattdeutsch, haben wir uns am Telefon nicht richtig verstanden. Also bin ich kurzentschlossen nach Lohne gefahren. Dort bot mir der Seniorchef sein früheres Haus zur Miete und der Juniorchef Arbeit als Maurer an. Besser hätte ich es nicht treffen können.“ Das war im März 1991. Bereits im April 1991 siedelte sich die Familie in Lohne an. 1994 zog die Familie in ein eigenes neues Haus ein.

Gutes Klima beim Bauunternehmen Bickers in Lohne

Strehl schwärmt noch heute von der Arbeit und dem guten Arbeitsklima bei der Firma Bickers. Im Jahr 2004 erlitt er im Alter von 48 Jahren einen Herzinfarkt und konnte danach keine schwere Arbeit mehr verrichten. Intensive Bemühungen, woanders Arbeit zu finden, scheiterten, „weil ich offenbar schon zu alt war“. Seine Frau Eva-Maria, die bei Adrett in Schepsdorf beschäftigt war, trug zum finanziellen Auskommen bei. Seine Söhne Marian und David, die ebenfalls in Lohne wohnen, arbeiten als Tischler in Nordhorn beziehungsweise bei VW in Osnabrück. 

Im September 2017 musste die Familie einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen, weil Eva-Maria Strehl im Alter von 60 Jahren an Krebs verstarb. „Ich werde sie immer in meinem Herzen behalten“, sagt der Witwer nach 42 glücklichen Ehejahren.

"Sachsen haben ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl"

Gefragt, worin sich die Sachsen und die Menschen in der Region Emsland-Grafschaft Bentheim unterscheiden, sagt der 63-Jährige: „Die Sachsen haben ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sachsen kommen untereinander sofort ins Gespräch. Hier sind die Menschen zunächst reservierter. Aber wenn man erstmal akzeptiert ist, sind sie ebenso herzlich.“ Über zu wenig Kontakte in Lohne könne er sich nicht beklagen, sagt der Familienmensch. So treffe er sich regelmäßig mit Bekannten zum Doppelkopfspiel im Heimathaus. 

Viele Lohner kennen ihn auch deshalb, weil er jeden Tag mit seinem Hund Susi seine Runden dreht. Die Natur in dieser Region findet er sehr schön. „Die Lehrer müssten viel mehr mit den Schülern nach draußen gehen und die Natur erleben“, meint er. Wenn der Sachse im Frühsommer nach einer mehrwöchigen Reise mit dem Wohnmobil – Ziel ist Kroatien – nach Lohne zurückkehrt, will er weiter die nähere Umgebung der Gemeinde erkunden. „Hier gibt es noch viel zu entdecken.“


Serie "Blick von außen"

Als „sturmfest und erdverwachsen“ besingen sich die Bewohner unseres Bundeslandes im Niedersachsenlied selbst. Eine Selbsteinschätzung, die man sicherlich auch für die Menschen im südlichen Emsland gelten lassen kann. Doch haben Lingen und die Gemeinden im Altkreis in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Wandel vollzogen. Ein Grund für diesen sind die Menschen, die hierher kamen – ob als Arbeiter, Wissenschaftler, Flüchtling oder Rückkehrer nach Jahren an anderen Orten. Mit diesen Menschen wollen wir in unserer neuen Serie „Blick von außen“ sprechen: Wie haben sie sich im südlichen Emsland eingefunden? Was finden sie gut? Woran mussten sie sich gewöhnen? Auch: Was finden sie woanders besser? Viele Blicke sollen es werden, aus vielen Perspektiven – und sie sollen beitragen, einander besser zu verstehen.

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