Lebensmut nicht verloren Einblutung: Wie ein Lohner plötzlich querschnittsgelähmt wurde

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Manfred Wiegmann konnte plötzlich nicht mehr laufen. Seit drei Jahren ist der Lohner querschnittsgelähmt. Foto: Julia MauschManfred Wiegmann konnte plötzlich nicht mehr laufen. Seit drei Jahren ist der Lohner querschnittsgelähmt. Foto: Julia Mausch

Wietmarschen. Manfred Wiegmann konnte plötzlich nicht mehr laufen. Seit drei Jahren ist der Lohner inkomplett querschnittsgelähmt. Ausgelöst durch eine Einblutung im Rückenmark.

Daran, wie alles anfing, kann Manfred Wiegmann sich noch genau erinnern. Geschickt lenkt der 51-Jährige seinen Rollstuhl durch die Küche seines Hauses in Lohne, während er von jenem Mittwochabend im Jahr 2015 erzählt. Es war der 23. Dezember.

"Ich ging, als ob ich betrunken war"

Gerade erst war der einstige Union-Lohne-Spieler, den alle nur kurz Motta nennen, von seiner Arbeitsstelle in der Lingener Brennelementefabrik ANF gekommen. In seinem Rücken zwickte und drückte es. Er hatte Schmerzen. Zunächst machte sich der Lohner keine Gedanken, auch nicht am nächsten Tag, als er in der Kirche stand. Sein damals neunjähriger Sohn war am Heiligabend als Messdiener im Einsatz. Die Schmerzen wurden stärker und er bemerkte ein Taubheitsgefühl in den Beinen, das einfach nicht aufhören wollte. Er konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Am zweiten Weihnachtstag  suchte Wiegmann die Notfallpraxis im Bonifatius Hospital auf und erhielt den Tipp, Magnesium-Tabletten zu nehmen. 

Der erwünschte Erfolg blieb aus: "Ich ging, als ob ich betrunken sei", erinnert er sich an den Besuch in einem Restaurant, der am Abend auf dem Plan stand. Wiegmann wusste, dass irgendetwas mit seinem Körper nicht stimmte. Als in der Nacht gegen 4.30 Uhr auf dem Weg zur Toilette seine Beine versagten, zog er die Notbremse. 

Mit einem Taxi fuhr Manfred Wiegmann zum Bonifatius-Hospital nach Lingen. Symbolfoto: dpa

Um seine Nachbarn nicht zu wecken, alarmierte Wiegmann nicht den Rettungsdienst, sondern bestellte sich ein Taxi, um ins Bonifatius-Hospital zu fahren. Er erhielt eine Infusion. Zwei Stunden lief das Medikament über seine Vene in den Körper. Schließlich war der Beutel mit dem Medikament leer, doch die Schmerzen blieben auch in den darauffolgenden Stunden, als Wiegmann längst wieder zuhause war. 

Mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus

Der Lohner war ratlos. Es war Sonntag, die Arztpraxen hatten geschlossen. In seiner Not rief er seinen Hausarzt auf dem Privathandy an. Noch am selben Abend untersuchte er Wiegmann in der Praxis. Er schaffte es, dem Lohner nur einen Tag später einen Termin für die Kernspintomografie zu besorgen – doch dazu kam es gar nicht mehr: Kurze Zeit später spürte Wiegmann seine Beine kaum noch und hatte keine Kontrolle mehr über seine Blase. 

Einen Fuß vor den anderen – in der Hedon-Klinik in Lingen lernte Wiegmann zu laufen – nicht eigenständig, mit Rollator. Symbolfoto: dpa

Es musste gehandelt werden. Mit einem Rettungswagen wurde er ins Ludmillenstift nach Meppen gebracht. Das Kavernom, eine Gefäßmissbildung im Rückenmark, war geplatzt, stellten die Ärzte fest.  Not-OP. Sechs Wochen blieb der Lohner im Krankenhaus, danach ging es in die Reha. Einen Fuß vor den anderen – in der Hedon-Klinik in Lingen lernte Wiegmann wieder zu laufen – nicht eigenständig, mit Orthesen und Rollator. Es lief gut, so gut sogar, dass der 51-Jährige die Hoffnung hegte, bald ohne Gehhilfe auszukommen. Doch es kam anders: Er erlitt einen Rückfall. Erneut kam es zu einer Einblutung, erneut musste operiert werden.

Vier Rückschläge – vier Operationen

Vier Operationen musste sich der Lohner in den vergangenen drei Jahren unterziehen, zuletzt Anfang vergangenen Jahres. Kavernome sind sehr selten. Aber es kann jeden treffen. Von 20 Fällen dieser Art im Jahr hatte ein Arzt Wiegmann berichtet. Einer dieser Fälle ist Wiegmann selbst – damit hat er sich abgefunden. "So ist es, und daran kann ich nichts ändern." In Selbstmitleid zu versinken oder sich zuhause gar einzuigeln, dafür ist der einstige Fußballspieler und -trainer nicht der Typ. Regelmäßig trifft er sich mit Freunden, geht Kartenspielen, schaut beim Kegelverein vorbei oder feuert die Fußballer vom SV Union Lohne bei Heimspielen an.

Zwölf Kilometer mit Elektroroller zur Arbeit

Wiegmann hat sein Leben in die Hand genommen. Mithilfe seiner Ehefrau und seinen zwei Söhnen, denen er sehr dankbar ist. Trotz Behinderung – und trotz der Erkenntnis, dass er niemals wieder laufen kann: "Mein Ziel ist es, mit den Orthesen und dem Rollator kurze Strecken bewältigen zu können." Bis dahin ist es noch ein langer Weg – trotz Physio- und Ergotherapie. Derzeit ist er noch auf seinen Elektroroller, einen elektrischen Rollstuhl, angewiesen. 

Jahrelang hat Manfred Wiegmann für den SV Union Lohne gespielt und war auch als Trainer aktiv. Symbolfoto: dpa

Mit dem fährt er seit August an vier Tagen die Woche entlang der B213 zu ANF. Dort wurde sein Arbeitsplatz extra behindertengerecht umgebaut. Zwölf Kilometer Weg, 40 Minuten Fahrt. Wiegmann ist ein Blickfang. "Dass die Leute noch keinen Auffahrunfall gebaut haben, wundert mich", sagt er und muss dabei lachen. Ihm sei bewusst, dass es ungewöhnlich aussehe, dass er mit seinen 51 Jahren bereits mit einem Elektroroller unterwegs sei. "Schauen mich Autofahrer an, winke ich einfach freundlich zurück." Dass er wieder arbeiten kann, sei für ihn ein wichtiger Schritt gewesen, ebenso die Anschaffung des Elektrorollers. Zwar würde er von allen Seiten Unterstützung erfahren, dennoch sei das Gefühl, auf Hilfe angewiesen zu sein, nicht immer schön.

Mit dem Auto zum Auswärtsspiel

Für ein weiteres Stück Unabhängigkeit könnte bald ein behindertengerechtes Auto sorgen. Das will er sich anschaffen. Die Führerscheinprüfung dafür hat er bereits bestanden. Sollte alles klappen, sitzt bald er am Steuer, wenn es zum Ausflug mit der Familie geht – oder auch mal zu einem Auswärtsspiel der Lohner Fußballer.  


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