Urlaub für die Gesundheit Lohner Optiker sorgt für Durchblick bei rund 30 Tschernobyl-Kindern

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Wietmarschen. Tschernobyl. Hört man diesen Namen, sind die Gedanken beim schweren Reaktorunfall im Jahr 1986. Bis heute wirkt sich dieses Unglück auf die Menschen dort aus – vor allem auf die Kinder. Einen Lichtblick gab es für rund 30 Kinder und Mütter aus Weißrussland nun in Wietmarschen-Lohne: Ihnen wurden Brillen geschenkt.

„Die Brille gefällt mir sehr. Sie ist bequem und ich kann gut mir ihr sehen“, übersetzt Iriyna Karzhova für den neunjährigen Roman. Sie und Luba Gorodnaja begleiten den Morgen im Geschäft von Armin Netuschil-Ameloh als Dolmetscherinnen. Seit nunmehr vier Jahren unterstützt der Optiker die Aktion „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“, indem er und seine Mitarbeiterinnen einmal jährlich Kinder und zum Teil auch ihre Mütter empfangen, um ihnen einen klaren Durchblick zu verschaffen. Kostenlos werden für sie Brillen hergestellt und vor Ort angepasst.

Eine „klasse Aktion„

Ab 9 Uhr durften sich die weißrussischen Gäste ihre Sehhilfen in Lohne abholen. „Schon um 8.40 Uhr standen die ersten vor der Tür“, berichtet Ameloh, dem die Aktion offensichtlich eine Herzensangelegenheit ist. Vor allem sind es die Reaktionen der Menschen, die ihm selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Das ist deutlich zu sehen, wenn er den Kindern die Brille vorsichtig auf die Nase setzt, hier und dort etwas nachjustiert. Es ist der Moment, in dem für die Kinder plötzlich alles klarer, vor allem aber besser wird. „Die Aktion an sich ist schon wirklich klasse. Es freut mich einfach, dass diese Kinder überhaupt diese Möglichkeit erhalten“, hebt der Optiker hervor. Die Gläser selbst werden vom Hersteller kostenlos bereitgestellt, erklärt Ameloh. Alles andere, von Sehtests über Messungen bis hin zur fertigen Brille, erfolgt dann im Lohner Betrieb. Sollte etwas einmal nicht auf Anhieb passen, ist dies kein Problem: „Der Termin bei uns ist extra nicht auf die letzten Tage ihres Aufenthaltes gelegt, damit wir im Fall der Fälle nachbessern können.“

Abbau der radioaktiven Strahlung

Vier Wochen sind die Kinder sowie Mütter mit Kleinkindern aus der Nähe Tschernobyls im Emsland und der Grafschaft Bentheim bei Gastfamilien untergebracht. Es ist ein Erholungsurlaub, erklärt Gertrud Breuker, die seit 1995 die Aktion unterstützt: „Binnen vier Wochen Aufenthalt geht die radioaktive Verstrahlung der Kinder und Mütter um 25 bis 40 Prozent zurück. Zwar baut sie sich mit der Heimkehr wieder auf, aber nie bis auf das vorherige Level.“ Sinnvoll ist es, wenn die Kinder mehrfach nach Deutschland kommen. Oftmals wohnen sie dann bei den selben Gasteltern, zu denen sie schon eine Beziehung aufgebaut haben. Für zwei Reisen pro Kind übernimmt die evangelisch-lutherische Kirche die Kosten; bei einer dritten Reise des selben Kindes tragen diese die Gasteltern.

Leuchtende Kinderaugen

Seit 1991 gibt es die Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“. Sie wurde von Klaus Schagmann gegründet. Als dieser sich in den Ruhestand verabschiedete, wollten einige Gasteltern, dass es weiter geht. So besteht das heute siebenköpfige Team komplett aus Gasteltern, die sich laut Breuker zum Teil schon seit 20 Jahren an der Aktion beteiligen. Zu ihnen zählt auch Marlies Veldmann aus Veldhausen in der Grafschaft Bentheim. Sie steht voll und ganz hinter ihrer Rolle als Gastmutter und auch hinter der Kooperation mit Ameloh Optik. „Wir lernen jedes Jahr Neues dazu. Es ist eine Freude, immer wieder Kinderaugen leuchten zu sehen.“ Die Kinder seien sehr stolz auf ihre Brillen. Dies sei für sie ein ganz neues Wertgefühl.

Kein präventives Handeln

Dass viele Kinder und Jugendliche aus der unmittelbaren Nähe Tschernobyls eine Brille benötigen, ist laut Veldmann meist keine Konsequenz des Reaktorunglücks 1986. „Es wird sich dort einfach nicht um die Augen der Kinder gekümmert“, erläutert sie. Generell sei die Gesundheitsversorgung in Weißrussland und der Ukraine schlecht. Sei es in Deutschland normal präventiv zu handeln, indem man beispielsweise ein Auge eines Kleinkindes über einen gewissen Zeitraum abklebt, um einem Sehfehler entgegenzuwirken, sei dies in der Heimat der „Tschernobyl-Kinder“ alles andere als üblich.


Krebs-, Herz- und Bluterkrankungen, Immunschwäche sowie Schilddrüsenerkrankungen sind nur einige der Folgen, mit denen die Menschen in Weißrussland und der Ukraine rund um Tschernobyl leben müssen. Am 26. April 1986 ereignete sich dort ein schwerer Atomreaktorunfall. Von der Radioaktivität stark belastet ist das Gebiet Gomel im Südosten Weißrusslands. In den vergangenen Jahren kamen dort nur etwa 20 Prozent der Kinder gesund zur Welt. Behinderungen, Missbildungen und Totgeburten kommen dort vermehrt vor. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat ebenfalls zugenommen.

Jedes Jahr werden Gastfamilien im Emsland und der Grafschaft Bentheim für die Aktion „Hilfe für Tschernobylkinder“ gesucht. Zudem können Patenschaften übernommen, medizinische Hilfe sowie Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und Spielzeug gespendet werden. Weitere Informationen gibt es auf www.tschernobyl-hilfe.org.

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