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Zeitzeugenberichte an Schulen Ehemalige KZ-Häftlinge aus Polen in Lingen zu Gast

Von Johanna Dust | 09.07.2014, 20:00 Uhr

Der Geschichtsunterricht, den die Schüler der elften Klasse unter anderem am Georgianum und am Franziskusgymnasium in der letzten Woche erlebten, wird sie noch lange beschäftigen. Andrzej Waclaw Korczak-Branecki und Wieslawa Borysiewicz sind 1944 im Zusammenhang mit dem Warschauer Aufstand festgenommen und in Konzentrationslager deportiert worden. Am Franziskusgymnasium erzählten sie von ihrem Überlebenskampf, der mit dem Tag ihrer Verhaftung begann.

Für die Aussöhnung mit Polen setzt sich seit 1973 das Maximilian-Kolbe-Werk in Freiburg ein. In Zusammenarbeit mit dem Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) werden seit 15 Jahren Aufenthalte polnischer KZ-Überlebender organisiert. Derzeit sind sechs von ihnen in Lingen zu Gast und erzählen auch an Schulen aus ihrem Leben. Den Zeitzeugen stand jeweils eine Übersetzerin zur Seite, neben Marianne Drechsel-Gillner, die ehrenamtlich für das Maximilian-Kolbe-Werk arbeitet, spricht auch die LWH-Studienleiterin Agnes Kläsener Deutsch und Polnisch. Einiges verstanden die Zuhörer auch ohne Worte. Borysiewiscz zeigte den Schülern ihr Namensschild, auf dem die Nummer zu lesen ist, unter der sie in Birkenau inhaftiert war. „Einen Namen hatten wir damals nicht mehr.“

Die Schilderungen der unmenschlichen Bedingungen trugen die Zeitzeugen so distanziert und nüchtern wie möglich vor. „Für sie ist es jedes Mal eine starke emotionale Belastung. Die Erinnerung versetzt sie in diese schreckliche Zeit zurück“, weiß Drechsel-Gillner.

Die Schüler hörten gebannt zu, keiner von ihnen nahm in den zwei Schulstunden sein Handy aus der Tasche. Das Berichten über die Erlebnisse in den Konzentrationslagern sei eine Gratwanderung, meint Vennegerts: „Die Zuhörer sollen einen Eindruck von dem bekommen, was die Zeitzeugen erlebt haben. Dabei kann man in den Schulen aber nicht alles erzählen.“ Seit diesem Jahr werden auch Videoaufnahmen von den Berichten gemacht, da das Reisen durch das steigende Alter immer schwieriger für die Zeitzeugen wird. Ein Ersatz für die persönlichen Begegnungen seien die Aufzeichnungen dennoch nicht. „Wir wollen so vielen Schülern wie möglich diese Chance geben und hoffen, dass noch mehr Schulen das Angebot nutzen“, erklärte Vennegerts.

Bei ihrer ersten Rückkehr nach Deutschland habe sie Hass auf die Täter gehabt, erinnert sich Borysiewicz, durch die Hilfe vom Maximilian-Kolbe-Werk habe es jedoch einen Wandel in ihrem Leben gegeben: „Es war wichtig die Zeit hinter sich zu lassen und mit dem Leben zu beginnen.“ Heute sucht sie den Kontakt zu jungen Leuten, um sie zu warnen und ihnen zu zeigen, „was Hass anrichten kann“.

Seit 1978 lädt das Maximilian-Kolbe-Werk ehemalige KZ-Häftlinge nach Deutschland ein. Sie werden von ehrenamtlichen Helfern betreut. Die Begegnung mit der Vergangenheit soll bei der Verarbeitung des Erlebten helfen. 14000 ehemalige Inhaftierte haben bis heute teilgenommen. Das Werk bietet zudem Begegnungsprojekte in den Heimatländern der Betroffenen und finanzielle Unterstützung an. Zum Hintergrund: Der Namensgeber Maximilian Kolbe opferte 1941 im Konzentrationslager 1941 sein Leben für einen anderen Häftling. 1982 wurde er von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen.

Vor etwa 15 Jahren kamen die ersten polnischen KZ-Überlebenden nach Lingen, derzeit war es als Erholungsaufenthalt gedacht, erklärte Swenna Vennegerts vom LWH: „Die Gäste kamen damals zum Teil das erste Mal wieder nach Deutschland, es ging primär um Versöhnungsarbeit. Die Zeitzeugen, die heute anreisen, kommen vor allem, um zu erzählen.“ Im Laufe des zweiwöchigen Aufenthaltes bleibt jedoch genug Zeit, um auch die Region kennenzulernen.