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Zeit für drei „laufende Meter“ Zu Besuch bei Tagesmutter Erika Hahn in Lingen

Von Thomas Pertz | 26.12.2014, 19:56 Uhr

Der Riese, der in der Tür steht, ist für Leni, Johann und Julian nur kurz interessant. Dann flitzen die eineinhalb bis drei Jahre alten Kinder lieber wieder ins große Spielzimmer und lassen den Besuch im Flur stehen. Erika Hahn führt den Gast ins Haus, und während der versucht, mit seinen langen Beinen auf einem kleinen Kinderstühlchen Platz zu nehmen, hat die 33-Jährige mit einem Blick die „Lage“ gecheckt. Die drei „laufenden Meter“ spielen zusammen, also ist Zeit für die Mutter zu erzählen.

Mutter einer fünfjährigen Tochter ist Erika Hahn, aber nicht die von Leni, Johann und Julian. Die Lingenerin ist Tagesmutter, eine von zurzeit 42 Frauen, die in Lingen in der Kindertagespflege tätig sind und das Betreuungsangebot der Stadt ergänzen. „Darüber sind wir sehr froh“, unterstreicht Johanna Sänger. Die Sozialpädagogin beim Fachdienst Jugendarbeit in der Stadtverwaltung ist Ansprechpartnerin für die Tagesmütter.

Das Angebot der Kindertagespflege gibt es in Lingen seit 2009 und den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Jungen und Mädchen ab einem Jahr seit August 2013. Die Nachfrage in Lingen sei in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, sagt Sänger. Für Eltern, die einen Betreuungsplatz brauchen, ihre unter dreijährigen Kinder aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht in einer Kita anmelden wollen, sei die Kindertagespflege eine Alternative.

Wie diese aussieht, ist bei den Hahns in Darme gut zu beobachten. Während in der Kita-Krippe zwischen zwölf und 15 Kindern sind, haben Leni, Johann und Julian ihr Spielreich für sich allein und mit Erika Hahn eine Bezugsperson, die sich nur auf die drei konzentriert. Maximal sind es fünf Kinder am Tag. Hahns Tochter, fünf Jahre alt, geht in Schepsdorf in die Kita. Die Kinder werden morgens zwischen 7 und 8 Uhr von den Eltern gebracht und je nach Bedarf zwischen 18 und 18.30 Uhr abgeholt. Positiver Nebeneffekt für Erika Hahns Tochter: Wenn sie mittags wieder zu Hause ist, findet sie dort weitere Spielkameraden vor. „Wenn mein Mann abends kommt, ist er aber ganz froh, wenn nur noch unsere Tochter da ist“, lacht die Lingenerin.

Julian hat inzwischen Gleise verlegt und lässt eine Eisenbahn kreisen, die er mit seinen kleinen Händen prima umgreifen kann. Johann schaut kurz zu, um dann mit Leni zu der kleinen Rutsche im Zimmer zu gehen. Unter der kann man auch noch prima verstecken spielen. Das weiß auch Julian, der die Eisenbahn Eisenbahn sein lässt und zu den beiden geht. Draußen spielen ist an diesem Tag nicht möglich. Es regnet in Strömen. „Ansonsten sind wir so viel wie möglich draußen“, erzählt Erika Hahn und zeigt auf ihren großen Garten. Im Haus ist ein weiteres Zimmer für den Mittagsschlaf hergerichtet. Der kann auch schon mal um 11 Uhr anfangen, wenn ein Kind müde ist. Gegessen wird natürlich auch bei den Hahns. Leni, Johann und Julian dürfen sich heute den Nudelauflauf schmecken lassen.

Tagesmutter wird man nicht aus Liebe zu Kindern, obwohl die natürlich nicht fehlen sollte. „Wer in der Kindertagespflege tätig ist, hat einen Qualifizierungskurs absolviert“, erläutert Sozialpädagogin Sänger. Dazu gehören ein Erste-Hilfe-Kurs, versicherungsrechtliche Fragen, ein Praktikum in einer Betreuungseinrichtung und anderes mehr. Derzeit läuft noch ein Kurs bis April. „Der nächste fängt im September 2015 an“, macht Sänger schon mal ein wenig Werbung.

Für die Stadt Lingen ist die Kindertagespflege nämlich ein wichtiger Pfeiler in ihrem Betreuungsangebot. „Wir haben zum Beispiel Eltern, die nur zweimal in der Woche eine Betreuung für ihr Kind benötigen und deshalb keinen Kita-Platz für die ganze Woche brauchen“, erzählt Sänger. Andere wiederum sähen ihr Kleinkind in einer überschaubaren Umgebung wie bei Erika Hahn besser aufgehoben als mit deutlich mehr Jungen und Mädchen in einer Kita. Dies sei aber von Kind zu Kind unterschiedlich. Spätestens mit drei bis dreieinhalb Jahren würden die meisten Jungen und Mädchen dann von der Tagespflege in die Kindertagesstätte wechseln.

Und Erika Hahn? Die gebürtige Ungarin hat eine erzieherische Ausbildung und wollte ganz gerne wieder in ihren Beruf zurück. Das hat sie nun geschafft und kann sich trotzdem zu Hause um die eigene Tochter kümmern. Das Modell der Kindertagespflege hat also viele Gewinner. Ihr Gehalt bekommt sie, je nach betreuter Kinder- und Stundenzahl, von der Verwaltung. Die Eltern überweisen je nach Stundenumfang und Einkommen das Geld an die Stadt.

So, alles ist besprochen, nun gibt es noch den Fototermin. Erika Hahn zusammen mit Leni, Johann und Julian an der kleinen Rutsche. Der Besuch verabschiedet sich. Die drei Kinder, hochgehalten von der Tagesmutter und Johanna Sänger, winken am Fenster. Von Weitem sieht der Riese jetzt eher klein aus. Ein Scheinriese wie der „Herr Tur Tur“ aus dem Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“? Kann eigentlich nicht, denn der wurde aus der Entfernung ja immer größer. Die drei Kleinen machen sich keinen Kopf und spielen weiter.

Weitere Informationen für interessierte Eltern oder Frauen in Lingen, die Interesse an der Kindertagespflege haben, gibt es unter Telefon 0591/9144-509.