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Weihnachten abseits der Straße Obdachlose finden Zuflucht im Lingener Korczak-Haus

Von Lukas Herbers | 23.12.2015, 18:49 Uhr

Das Korczak-Haus des SKM ist die erste Anlaufstelle für Wohnungslose in Gerade zum Winter ist der Tagesaufenthalt ein unverzichtbares Angebot.

„Flüchtlinge“ wurde kurz vor Heiligabend von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt. Flüchtlinge sind es, die unsere Medien in diesem Jahr geprägt haben, wie kein anderes Thema. Und Flüchtlinge sind es, wegen derer manch einer laut fragt, ob jetzt Bedürftige mit deutschem Pass hinten anstehen müssen. Und wer kümmert sich um die Obdachlosen? Diese Frage geistert beispielsweise seit Monaten durch die sozialen Netzwerke. In Lingen tun das nicht die Nörgler, sondern das Korczak-Haus des SKM.

Auch wenn die weiße Weihnacht heute ausbleibt, wird das Leben auf der Straße für Wohnungslose mit jedem Tag unbequemer, sobald die letzten Tage des Spätsommers vorbei sind. Mit der Kälte und Feuchte des Herbstes treibt es Bedürftige in die warmen Räume an der Rheiner Straße.

Die Angebote dort sind zu unterscheiden zwischen denjenigen, die akut in Lingen ihr Dach über dem Kopf verloren haben und Menschen, die dauerhaft und nomadisch auf der Straße leben. Erstere finden eine erste Notunterkunft, bevor sie vom Ordnungsamt in die Wohnungen der Stadt vermittelt werden. Letztere dürfen den Tagesaufenthalt des SKM an der Rheiner Straße mit Betten und Sanitäranlagen bis zu sieben Tage im Monat nutzen, bevor sie weiterziehen müssen, sofern sie nicht „aussteigen“ wollen.

Einer will keine Hilfe

„Besondere Maßnahmen wegen des Winters waren bisher zum Glück nicht nötig“, zieht Nils Freckmann vom SKM eine vorläufige Bilanz. „Uns ist auch nur eine Person bekannt, die keine Hilfe von uns in Anspruch nehmen möchte.“ Manch einer wolle einfach nicht in das System, das die Hilfsangebote nötigerweise mit sich bringen. Für Hinweise über Obdachlose auf der Straße, die möglicherweise Unterstützung bräuchten, seien die Mitarbeiter trotzdem stets dankbar.

Bei der Hilfe sei es wichtig, dass man so niedrig wie möglich ansetze, berichtet Freckmann. Wer sich an das Korczak-Haus wendet, darf erst einmal ankommen und sich langsam eingewöhnen. Diejenigen, die von der Straße wieder in ein festes Leben zurück wollen, bekommen schnellstmöglich eine Unterkunft in den städtischen Wohnungen am Hessenweg oder in solchen des SKM.

Flucht auf die Straße

Erst nach einer mehrmonatigen Phase der Eingewöhnung und des Ankommens geht es von dort weiter in die erste eigene Wohnung nach der Straße. Auf dem freien Markt konkurrieren die Wohnungslosen allerdings mit immer mehr Studenten und allein Lebenden. Für viele bleibt die Flucht zurück auf die Straße immer eine nahe liegende Option.

„Es gibt da immer den Traum von dem, was entweder mal war, oder aber vielleicht nie kennengelernt wurde. Das wünschen sie sich dann aber“, erklärt Nils Freckmann. „Vielen geht es dann nicht schnell genug und der Sprung auf die Straße, in die nächste Stadt ist dann ein kleiner Schritt; das kennen sie.“ Es sei leider auch falsch, zu erwarten, dass jeder wieder zu 100 Prozent in die Gesellschaft zurückkehren könne. „Diese Menschen haben meistens keinen sozialen Rückhalt und enden deshalb in der Obdachlosigkeit. Wenn wir ihnen wieder zu einem Job und einer Wohnung verhelfen können, dann ist das für uns schon ein 100-prozentiger Erfolg“, sagt Freckmann.

Gerade zur Weihnachtszeit verstärkt sich bei den meisten Menschen der Wunsch, zu helfen. Mit wachsenden Flüchtlingszahlen, steigender Armut und einer klar wachsenden Tendenz bei den Obdachlosenzahlen, gibt es eine immer größer werdende Gruppe an potenziellen Empfängern solcher Hilfe. Das Korczak-Haus nimmt deshalb auch an Heiligabend gerne Spenden entgegen, um den Obdachlosen eine Weihnachtsfreude bieten zu können.

„Die Spendenbereitschaft hat momentan einen klaren Fokus auf Flüchtlinge. Wir sind selber gespannt, wie das sich dieses Jahr zu Weihnachten gestalten wird“, meinen Nils Freckmann und seine Kollegin Julia Gebbeken. „Wir haben allerdings eine etablierte Spendergemeinde. Da geht es dann oft morgens hier hin, einen Kuchen vorbei bringen, und dann weiter in die Kirche.“ Auf keinen Fall dürfe man anfangen, die verschiedenen bedürftigen Menschen gegeneinander auszuspielen, wie es momentan in sozialen Netzwerken immer wieder geschehe.

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