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Umjubeltes unplugged-Konzert Fury in the Slaughterhouse elektrisieren Lingen

Von Tobias Böckermann | 12.11.2017, 15:49 Uhr

Eigentlich hatten „Fury in the Slaughterhouse“ die große Bühne längst mit einem Dasein als Rentner-Rock-Pferde getauscht. Aber neun Jahre nach der letzten Tour sind sie wieder da – mit einem umjubelten unplugged-Konzert in der Lingener Emslandarena.

30 Jahre Fury – die Hannoveraner wollten ihr Jubiläum anfänglich nur mit einem Konzert in ihrer Heimatstadt feiern. Als Reminiszenz an die Fans. Aber die wollten mehr, viel mehr. Und am Ende des Jahres werden die Musiker vor 130.000 Menschen gespielt haben. Auf großen und auf kleinen Bühnen, mit Vollgas-Gitarrenrock oder variantenreichem Vollblut-Musikantentum.

In Lingen sind 2200 Fans in der praktisch ausverkauften und bestuhlten Arena dabei. „Die anderen Hallen der Little Big World-Tour sind bis auf eine kleiner als Lingen“, sagt Arena-Manager Stefan Epping. Und auch die Besucher in Lingen haben ihr Kommen nicht bereut. Im Gegenteil: Auf ihren Gesichtern spiegelt sich am Ende pures Glück.

24 Songs in neuen Varianten, nicht ganz ohne Stromstecker (unplugged), dafür aber oft zurückgenommen, neu arrangiert, nachdenklicher, kraftvoller, überraschender als bisher – elektrisierend. Gefühlt kommt allein ein Dutzend Banjos zum Einsatz, dazu Trompete, Posaune, Kontrabass oder eine „Monster-Mundharmonika“. Kein Ton kommt vom Band, die sparsame Lichtshow sorgte für Wohnzimmeratmosphäre.

Wie im Wohnzimmer

Fünf neue Songs stammen vom Jubiläumsalbum („30 It´s not easy“, „Last Order“, „My Little World“, „Words“, „Dance on the Frontline“) drei weitere von Bands, denen die Furys selbst die Ehre erweisen wollten („Protection“ von Fisher Z, „Boys don´t cry“ von The Cure und „It´s a long way to the top“ von AC/DC). Nötig haben sie diese sehr gelungenen Coverversionen angesichts des eigenen Repertoires sicher nicht, sie zeigen aber die Größe der Musiker, die nichts mehr beweisen müssen.

Und so schreitet das Konzert zweieinhalb Stunden lang von Höhepunkt zu Höhepunkt – bei „Every Generation got it´s own disease“ verbindet sich die politische Botschaft „Demokratie bekommt man nicht geschenkt“ mit Trompete und Glockenspiel zu einem musikalischen Glanzpunkt. „Cry it out“ reißt die Zuhörer von den Sitzen, was sich Sänger Kai Wingenfelder, auf das allerseits fortgeschrittene Alter anspielend, als „Thromboseprophylaxe“ auch gewünscht hatte. Er selbst ist übrigens inzwischen 57.

Gastmusiker überzeugen

Gitarrist Thorsten Wingenfelder, Schlagzeuger Rainer Schumann, Gitarrist Christof Stein-Schneider, Keyboarder Gero Drnek und Bassist Christian Decker erhalten auf der Tour kompetente Unterstützung durch Anne de Wolff, die mindestens zehn Instrumente einsetzt und Martin Huch mit seiner Pedal-Steel-Guitar. Die Spielfreude ist frappierend und nur an einem einzigen misslungenen Ton, dessen Urheber in der Musikmelange nicht auszumachen war, kann man festmachen, wie großartig das dargebotene ansonsten an diesem Abend ist.

Ein besonderes Erlebnis dürfte das Konzert auch für einen gewissen „Cliff aus den USA“ gewesen sein. Der war über Seattle nach Frankfurt geflogen und von dort mit dem Zug nach Lingen gekommen – nur um seine Lieblingsband zu sehen. Christof Stein-Schneider erzählt diese Geschichte und widmet Cliff die Jubiläumssingle „30“. Anfang der 1990er hatten sich Fury in den USA eine Fanbasis erspielt, die offenbar bis heute besteht. Ein anderer Fan schaffte es ganz nebenbei, das Konzert zu unterbrechen, weil er Autogramme auf seinem T-Shirt wollte. Furyioser Wahnsinn.

„Weitermachen“

Bleibt zu erwähnen, dass Lingen bei „Won´t forget these days“ ebenso am Rad dreht wie bei „Milk an honey“ oder „Time to wonder.“ Nur der Klassiker „Radio orchid“ weiß im etwas zu fröhlichen Mousse T.-Remix nicht ganz zu überzeugen. Emotionaler Höhepunkt aber ist „Trapped today, trapped tomorrow“, dem Thorsten Wingenfelder mit einem eingängigen Banjo-Intro sphärische Tiefe verleiht. Das Publikum ist längst nicht nur seiner Sitze entrückt, jemand ruft, vielleicht auch in Anlehnung an das zum Jahresende anstehende vermutlich folgende erneute Ende der Band: „Weitermachen, besser geht´s nicht.“